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Wo Schrecken und Ideal sich treffen

Von Matthias Greuling und Eva Stanzl

Wissen
Intelligenter Schimpanse Caesar: Menschen und Affen in einer schockierenden Weltordnung.

Weltraumforschung, Medizin und Internet: Wenn Science-Fiction zur Wirklichkeit wird. | Utopien, die umgesetzt werden, sehen oft anders aus als erwartet.


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Nehmen wir an, Sie wachen morgens auf. Sie gehen auf die Toilette und zwei Sekunden später teilt ihnen ein Computer Ihre aktuelle Harnanalyse mit, die direkt im Urinal durchgeführt wurde. Zugegeben, es ist nicht der gustiöseste Einstieg in eine Geschichte über die Vordenkerleistung von Science Fiction. Aber diese Idee ist technisch längst machbar und veranlasst im Film "Die Insel" den Klon Ewan McGregor dazu, mehr auf seine Ernährung zu achten.

"Die Insel", ein stylisher Actionfilm, in dem menschliche Klone gegen ihre Bestimmung als Ersatzteillager für Reiche rebellieren, ist zwar noch nicht alt genug, als dass alle darin enthaltenen Ideen bereits Wirklichkeit sein könnten. Aber immerhin: Klonen ist möglich. Dabei wird dem zu klonenden Organismus eine Zelle entnommen und ihr Zellkern mit dem Erbmaterial in eine befruchtete Eizelle eingesetzt, deren eigenes Erbmaterial zuvor entfernt wurde. Das erste mit seiner Mutter genetisch identische Tier war 1996 das Klonschaf Dolly. Es folgten unter anderem Maus, Ziege, Katze und Hund.

Geklonte Menschen sind zwar noch nicht lebensfähig. Doch in der Stammzellentherapie liegen menschliche Ersatzteillager im Bereich des Möglichen: Beim therapeutischen Klonen wird der Embryo nach wenigen Zellteilungen zerstört und die verbliebenen Stammzellen zu weiterem Wachstum gebracht. So könnten jede Gewebeart und vielleicht sogar ganze Organe gezüchtet werden. Erkrankte Menschen hätten genetisch identische Ersatzteile auf Vorrat. Was einer Vorstufe zum Klon aus der "Insel" entspricht.

Von der Erde zum Mond

"Bei einer Science-Fiction-Geschichte erwartet man, dass sie zumindest eine wissenschaftliche Komponente enthält, die eng in die Geschichte verwoben ist", betont der Sci-Fi-Autor Jean-Claude Dunyach. SciFi-Literatur, -Illustrationen und -Filme enthalten immer wieder Beschreibungen von Technologien, Utopien und Systemen, die zwar häufig auf reiner Fantasie beruhen, manchmal der Realität aber sehr nahe kommen.

So ließ die Europäische Weltraumorganisation (ESA) eine Studie anfertigen mit dem Titel "Innovative Technologien aus der Science-Fiction", um neue Ideen zu finden, die sich mit heutiger oder demnächst zur Reife gelangender Technologie verwirklichen lassen. Weltraumtechnische Anwendungen könnten sich dadurch weiterentwickeln lassen oder ließen sich sogar vorausahnen. Man denke an Jules Vernes Roman "Von der Erde zum Mond": In vielen Fällen lohnt es sich, der Fantasie, der vorgestellten Utopie, ganz ernsthaft nachzugehen. Um neue, schönere Welten zu bauen - oder deren schlimmsten Konsequenzen schonungslos ins Gesicht schauen zu müssen.

Das Affen-Franchise

Im Film "Planet der Affen: Prevolution", der am Freitag in den heimischen Kinos startet, wird eine Utopie der Medizin, Krankheiten heilen zu können, indem man bei den zuständigen Gehirn-Regionen ansetzt, zur Dystopie. Der Film enthüllt die Vorgeschichte zur Affen-Franchise, die erstmals 1968 auf der Leinwand zu sehen war und Kultstatus erlangte.

Der junge, ehrgeizige Wissenschafter Will Rodman (James Franco) führt genetische Untersuchungen durch, um ein gutartiges Virus zu entwickeln, das zerstörtes Gehirngewebe wiederherstellt. Sein Ziel ist es, ein Mittel gegen die Alzheimer-Krankheit zu finden, an der sein Vater Charles (John Lithgow) leidet. Um den Wirkstoff zu testen, führt er Laborversuche an Affen durch.

Eines der Tiere, der Affe Caesar (Andy Serkis) wächst ihm dabei besonders ans Herz, es entsteht gar eine Art Beziehung zwischen dem Forscher und dem Tier. Und auch der Wirkstoff funktioniert genauso, wie Will es sich vorgestellt hat: Caesar wird immer intelligenter. Er begreift auf einmal hochkomplexe Zusammenhänge und beginnt, menschenähnlich zu handeln. Doch eines Tages treten seltsame Nebenwirkungen auf, mit denen Will nicht gerechnet hat. Plötzlich zeigen die Tiere ein bizarr aggressives Verhalten. Caesar bricht aus seinem Gefängnis aus und verabreicht das neue Medikament den anderen Affen. Die Menschheit hat sich einen neuen Feind gezüchtet.

Schon der erste "Planet der Affen"-Film nutzte das Science-Fiction-Genre, um komplexe Ideen zu spinnen, und auch der neue Film verhandelt Zivilisationsfragen. "Die Ereignisse entfalten sich aus dem Blickwinkel des superintelligenten Schimpansen Caesar, der in seinen jungen Jahren sieht, zu welchen wunderbaren Dingen die Menschen fähig sind - Kunst und Vernunft. Dann beginnt er die dunkle Seite der Menschheit zu erkennen - Unterdrückung, Fanatismus, und die Verbannung aller Dinge, die über seinen Horizont hinausgehen", sagt Regisseur Rupert Wyatt.

Gesetze der Natur verdrehen

Ein weiteres Schlüsselthema ist die menschliche Hybris - unsere arrogante Annahme, dass wir die Gesetze der Natur verdrehen, verdrängen, verletzen und umgehen können, ohne dafür die Konsequenzen zu tragen. Als Folge finden sich Menschheit und Affen auf einem Pfad wieder, der zu einer neuen, schockierenden Weltordnung führt. "Wir können diese unglaublichen wissenschaftlichen Instrumente nutzen. Aber man muss sich fragen: Wie weit man damit gehen darf, bevor man anfängt, mit der Natur herumzupfuschen. Wo sind die Grenzen? Das ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit", sagt Regisseur Wyatt. Der freilich damit auch das Gleichnis von Hochmut und tiefem Fall bemüht: Der Mensch sollte nicht Gott spielen.

Datenübertragung per Funk

Ob Wissenschafter bei der Arbeit wohl auch so denken? Am 15. Oktober 1951 in einem Labor in Mexiko City gelang Carl Djerassi, Chemieprofessor der Universität Stanford, der entscheidende Schritt zur Herstellung eines oral wirkenden, gestagenen Hormons. Er selbst bezeichnet sich "nur" als den Erfinder der chemischen Formel für die Anti-Baby-Pille und betont stets, dass er sich die massiven gesellschaftlichen Auswirkungen nicht ausmalen hätte können. Zu anders war damals die Lage der Welt. Tatsächlich aber hat die Pille die Grenzen der Natur verschoben - in vielerlei Hinsicht zum Guten, in anderer Hinsicht zum Schlechten.

Doch Sci-Fi malt die Welt auch schöner, als sie ist. Immer wieder haben ihre Autoren bahnbrechende Ideen geboren, die später Wirklichkeit wurden. Arthur C. Clarke etwa sprach bereits 1945 von Weltraum-Satelliten, die die Übertragung von Daten weltweit via Funk ermöglichen. Leider vergaß er damals, sich diese Idee patentieren zu lassen. Sonst müssten ihm die Weltraumbehörden vielleicht Tantiemen zahlen jedes Mal, wenn sie Daten von einem Raumschiff im All empfangen. Womöglich würden Clarke auch Urheberrechtsgebühren zustehen für jedes verkaufte Mobiltelefon oder sogar für jeden Anruf. Vielleicht für jedes Handy-Spiel und jeden App: Im Alltag zeigen sich Innovationen oft so banal, wie es der Markt verlangt.

In Wirklichkeit ist alles gratis

Science-Fiction-Serien wie "U.F.O." oder "Star Trek" zeigten in den 1960er Jahren, wie eine Welt aussehen würde, die vorwiegend von Computern gesteuert wird. Das Einzige, was diese Serien nicht voraussahen, war, dass die Rechner heute keine ganzen Keller mehr an Platz benötigen, sondern auf fingernagelgroßen Chips ihre Aufgaben erledigen. Heute besitzt daher fast jeder seinen eigenen Computer, von dem aus er Daten aus dem Internet abruft und seine Korrespondenz erledigt. Was seinerseits die Wirtschaft ankurbelt, denn jeder muss für die nötigen Programme bezahlen. Oder er müsste es - doch tut es nicht. Denn mit dem Siegeszug des Computers ist eine Utopie Wirklichkeit geworden, von der niemand zu träumen gewagt hatte: Das System, in dem alles gratis ist, ist seit den Open Source-Programmen im Internet Realität.

Ende der 1980er Jahre entwarf das Zeitreisen-Spektakel "Zurück in die Zukunft 2" eine Vision des Jahres 2015 mit Autos, die durch zeitliche Dimensionen fliegen können. So weit ist man noch nicht. Aber immerhin sehen die Fahrzeuge heute den futuristischen Entwürfen aus dem Film sehr ähnlich. Die Elektromotoren im Film sind heute normal, und dass der zeitreisende DeLorean mit herkömmlichem Restmüll betankt wird, ebenfalls: Biogasanlagen, Verbrennungskraftwerke, Sprit aus Alt-Öl - alles Realität, wenn auch nicht allzu verbreitet. Nicht mehr wegzudenken sind zudem gewisse Fähigkeiten von "Kitt" aus "Knight Rider", das sprechende Auto. Wer heute kein Navigationsgerät im Auto hat, das Instruktionen wie "in zwei-hun-dert Metern bie-gen Sie LINKS ab" verkündet, verfährt sich.

Aus der Sci-Fi-Literatur stammen auch die Ideen zu Bremsraketen (erstmals erdacht 1869), planetaren Landegeräten (1928), Raumanzügen (1929) oder bemannten orbitalen Raumstationen, die zwecks Versorgung regelmäßig angeflogen werden (1945). Manchmal waren auch Wissenschafter ideengebend für Sci-Fi: Die Reaktion von Materie auf Antimaterie (also ihr Gegenteil), die das Genfer Kernforschungszentrum Cern untersucht, bringt hohe Energiemengen hervor. Mit ebendieser Energiemenge können die Raumschiffe der "Star Trek"-Flotte in Warp-Geschwindigkeit ganze Galaxien innerhalb von Sekunden zurücklegen.