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Wo Wähler Gefahr laufen, ihren Finger zu verlieren: Afghanistans Zukunft ist düster

Von Michael Schmölzer

Analysen

Die Wahlen in Afghanistan werden von Beobachtern höchst unterschiedlich bewertet: Für die einen ist das Votum ein beachtlicher Erfolg, denn jene Afghanen, die am Donnerstag zu den Wahlurnen geströmt sind, haben großen Mut bewiesen. Immerhin war mit Anschlägen auf Wahllokale zu rechnen, teilweise sind sie auch ausgeführt worden. Die radikalen Islamisten, die von westlicher Demokratie nichts halten und die vom Westen gestützte Regierung Hamid Karzais mit allen Mitteln stürzen wollen, setzen Wähler mit Verrätern gleich und drohen mit brutaler Vergeltung.


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Den mit Tinte gekennzeichneten Finger, den jeder Wähler jetzt hat, tragen viele Afghanen als Auszeichnung für ihren demokratischen Mut. Manche werden allerdings danach trachten, das blaue Stigma, das Wahlbetrug verhindern sollte, nicht allzu deutlich zur Schau zu tragen: Immerhin haben die Taliban gedroht, Markierten, die ihnen in die Hände fallen, den Finger abzuschneiden.

Auf der anderen Seite wird die Wahl von Beobachtern und Medien als blutiges Fiasko dargestellt, und das mit Recht. Nicht nur, dass am Wahltag mindestens 50 Menschen ums Leben gekommen sind; die Drohungen der Taliban und die Anschlagsserien vor der Wahl sind nicht spurlos verhallt. Die Wahlbeteiligung betrug diesmal nach ersten Berechnungen nur 40 Prozent. Bei den letzten Wahlen vor fünf Jahren waren es fast 80 Prozent.

Damals standen die Menschen vor den Wahllokalen Schlange, so sicher konnten sie sich fühlen. Diesmal mussten die Wähler von 300.000 Soldaten und Polizisten geschützt werden. Im Süden des Landes, wo die Taliban großen Einfluss haben, blieben die Wahllokale meist leer. Ob in den unzugänglichen Bergregionen eine Wahl überhaupt möglich war, weiß man nicht. Es gibt Berichte, wonach in vielen Orten Taliban die Menschen zurückschickten. In diesen Gebieten soll die Wahlbeteiligung bei nur 5 bis 15 Prozent gelegen sein. Wahlbeobachter berichten auch davon, dass etwa im Südosten Afghanistans auffallend wenige Frauen zu den Urnen geschritten seien. Anders war das in der Hauptstadt Kabul, wo angesichts eines massiven Aufgebots an Sicherheitskräften weit mehr als die Hälfte der registrierten Wähler tatsächlich ihr Kreuz auf den Zettel setzten.

Die Zahl jener Afghanen, die ihrer Heimat eine düstere Zukunft prophezeien, nimmt jedenfalls zu. Viele rechnen damit, dass die westlichen Nato-Truppen das Land irgendwann verlassen werden, ohne stabile Verhältnisse geschaffen zu haben.

Was dann droht, haben die Afghanen bereits in der Vergangenheit vor Augen geführt bekommen. Wie Karzai heute vom Westen wurde in den 1980er Jahren ein gewisser Mohammed Nadschibullah von der Sowjetunion unterstützt. Der Kommunist war damals bemüht, mit russischer Hilfe Herr über die Turban tragenden Mudschaheddin zu werden. Ein Versuch, der damit endete, dass Nadschibullah nach dem Abzug der Russen an einer Straßenlaterne aufgehängt wurde und die Taliban nach einem langen Bürgerkrieg die Macht übernahmen.

Dass sich ein derartiges Szenario wiederholen wird, damit rechnen auch immer mehr westliche Experten. Sie sehen, dass die Institutionen, die dem Land von den USA und Europa übergestülpt wurden und Freiheit und Demokratie bringen sollten, nicht greifen. Am Ende, so ist zu befürchten, werden es wieder Warlords oder von ausländischen Mächten unterstützte Fundamentalisten sein, die in langen Bürgerkriegen um die Macht kämpfen.