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Wochenendtrip ins Geisterreich

Von Betina Petschauer

Wissen

Ein Pflanzensud, der psychoaktive Wirkung hat und mit dessen Hilfe man Kontakt mit der Geisterwelt aufnehmen kann: für die einen erschreckend, für die anderen verlockend. Das südamerikanische Ayahuasca ist längst auch in Europa auf dem Vormarsch.


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Ayahuasca oder Hoasca-Tee nennt sich ein halluzinogener Trank, der ursprünglich von den südamerikanischen Indigenen des Amazonasbeckens stammt. Diese nutzen ihn im Rahmen spiritueller Rituale zur Bewusstseinserweiterung. Aber auch außerhalb des Amazonasgebiets erlebt die Droge einen Aufschwung, ist sie doch gerade dabei, sich als Lifestyledroge zu etablieren. Der Name Ayahuasca ist indigener Herkunft und bedeutet soviel wie "Liane der Geister/Toten/Ahnen" oder "Seelenranke". Es handelt sich um ein vollkommen natürliches Produkt. Verschiedene Pflanzen werden stunden- bis tagelang ausgekocht, meist die tropische Lianen-Art Banisteriopsis caapi und der Chacruna- oder Chaliponga-Strauch. Dabei entsteht ein braunes, je nach Zubereitung meist bitteres Gebräu mit dem Inhaltsstoff DMT (Dimethyltryptamin), der eine psychoaktive und halluzinogene Wirkung entfaltet.

Jahrhundertealtes Erbe

In südamerikanischen Ländern wie Brasilien, Ecuador, Peru oder Kolumbien nutzen unterschiedliche Volksgruppen Ayahuasca seit Jahrhunderten, um sich in einen Trance-Zustand zu versetzen. Im Rahmen ihrer Rituale versuchen sie, Kontakt mit Geistern und Ahnen aufzunehmen, in die Zukunft zu blicken oder Lösungen für Probleme zu finden. Auch für die Heilung von Krankheiten wird das Getränk von den indigenen Heilkundigen genutzt. Nach den Lehren der Schamanen offenbaren sich nach dem Konsum Pflanzenseelen als Lehrmeister der Menschen. Da die Verwendung des Gebräus schon seit jeher Teil der indigenen Kultur ist, ist der Konsum im religiösen Kontext sowohl in Brasilien als auch in den USA erlaubt. Ayahuasca wird auch als Entheogen bezeichnet, also als Stoff, der traditionell zu spirituellen, mystischen und religiösen Zwecken benutzt wird.
Als einer der ersten Nicht-Indigenen probierte Mestre Irineu das Getränk im Jahr 1918. Bei einem seiner "Trips" kam ihm die Eingebung zur Gründung einer Sekte, der "Santo Daime". Diese ist stark christlich geprägt, was sich mit dem Ursprung des Getränks in Amazonien nur schlecht vereinbaren lässt. Dennoch haben sich Santo Daime und einige Untergruppen der Ayahuasca-Kirche (wie União do Vegetal und Barquinha) mittlerweile auf der ganzen Welt verbreitet. Teil der Zeremonien ist natürlich auch der Konsum des Tees, "Daime" wird sogar als Synonym für Ayahuasca verwendet.

Von Tradition zu Lifestyle

Mittlerweile ist weltweit ein Trend zu Daime als Lifestyle-Droge festzustellen. Ein richtiger Drogentourismus ist entstanden: Im Gebiet des Amazonas gibt es unzählige Angebote von Ayahuasca-Erfahrungen für – oft westliche – Touristinnen und Touristen. Diese "Heilungszentren" gehören meist US-amerikanischen Staatsangehörigen, die lokalen mestizischen Schamanen Honorare bezahlen. Besonders problematisch ist dabei, dass die Konsumierenden die indigene Kultur weder kennen noch verstehen und somit andere Erwartungen an die Erfahrungen haben: eine vermeintliche Authentizität indigener-schamanischer Spiritualität und Weisheit. Das Ergebnis ist oft eine Mischung aus Folklore, Schamanismus, Buddhismus und Yoga, für die man vierstellige Beträge für einen mehrtägigen Aufenthalt verlangt. Dazu kommen Konkurrenzdruck und Gewalt zwischen den unterschiedlichen Anbietern sowie eine Reduzierung der komplexen Heilsysteme der Indigenen auf Ayahuasca als psychodelisches Heilmittel für nahezu alle Beschwerden.
Angetrieben haben den Daime-Tourismus auch Prominente wie Sting oder Lindsay Lohan. Eine Zeit lang war es in Hollywood ein exklusiver Trend, den Sud auszuprobieren. 2015 wurde Ayahuasca dem deutschsprachigen TV-Publikum ein Begriff, als Joko Winterscheidt in seiner Sendung "Duell um die Welt" von Klaas Heufer-Umlauf nach Ecuador geschickt wurde. Das Konzept der Sendung fußt darauf, dass sich die beiden Moderatoren gegenseitig Aufgaben stellen. Die Konsequenzen von Winterscheidts Ayahuasca-Konsum waren erwartbar: Übergeben, Halluzinationen, Motorikeinschränkungen und Kontrollverlust. Eine weitere prominente Figur im Zusammenhang mit Daime ist der amerikanische YouTube-Fitnessinfluencer Connor Murphy. Dieser machte aufgrund seiner angeblichen Daime-Erfahrungen eine Transformation durch: Aus Sport- und Scherzvideos wurden stundenlange Abhandlungen über Spiritualität, ein sich abzeichnender Gottkomplex, starker Gewichtsverlust und teilweise beängstigende psychische Probleme, weswegen sich sogar die Polizei einschaltete.

Umfassende Reinigung

Aber was genau passiert beim Konsum von Ayahuasca? Neutral gesprochen kommt es zu tiefgreifenden Bewusstseinsveränderungen mit einer verstärkten emotionalen und selbstreflektiven Wahrnehmung. Die Wirkung tritt etwa 30 bis 45 Minuten nach dem Konsum ein und erreicht nach eineinhalb bis zwei Stunden ihren Höhepunkt, der Rauschzustand hält insgesamt etwa vier Stunden an. Charakteristisch für die Wirkung des DMTs ist die schnelle Abfolge der Effekte.
Daime-Konsum hat starke körperliche Nebenwirkungen. Fast immer kommt es zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, wobei diese Symptome bei den Indigenen traditionell nicht als Nebenwirkungen, sondern als beabsichtigte Hauptwirkung angesehen werden. In Kombination mit konzentriertem Tabaksaft aus besonders nikotinreichem Bauerntabak und den psychischen Effekten soll man so eine umfassende spirituell-psycho-physische Reinigung durchlaufen. Die bewusste Motorik ist meist stark eingeschränkt, Gleichgewichtsstörungen und Schwindel treten häufig auf. Weitere Risikofaktoren kommen von außen: Im Zusammenhang mit Ayahuasca-Ritualen im Amazonas-Gebiet ist immer wieder von sexuellem Missbrauch, Verletzungen und tödlichen Unfällen berichtet worden. Woran die Betroffenen letztendlich gestorben sind, konnte nicht nachgewiesen werden. Ein offensichtliches Problem ist, dass beim Auftreten schwerer Nebenwirkungen keine medizinische Notfallversorgung vor Ort gewährleistet ist.

Veränderungen der Psyche

Wie bei einer psychodelischen Substanz zu erwarten, sind die psychischen Auswirkungen zahlreich. So können vergessene Traumata getriggert werden, Angstzustände, Schizophrenie oder psychotische Zustände auftreten. Dies ist auch von der persönlichen Konstitution abhängig: Die Reaktionen rangieren laut Konsumentenberichten zwischen einem tiefen Ruhezustand und gequältem Schreien um Vergebung. Es kann auch zum Verlust des Körperbewusstseins kommen, so wird zum Beispiel Schwerelosigkeit oder ein Gefühl des Fallens in einen Abgrund empfunden.
Es besteht die Gefahr, dass Konsumierende aus ihrem veränderten Geisteszustand nicht mehr zurück in die "normale" Welt finden. Manchen fällt es schwer, das Erlebte zu verarbeiten: Sie haben mit einer veränderten Realitätswahrnehmung zu kämpfen. Auch eine dauerhafte Veränderung der Psyche ist möglich – im positiven wie im negativen Sinne.

Simple Zutaten für ein mächtiges Gebräu.
© Mark Fox / Getty

Abstand nehmen von einem Ayahuasca-Versuch sollten in jedem Fall Personen, die Medikamente einnehmen, die das Serotonin-System beeinflussen (etwa MAO-Hemmer): Ein lebensbedrohliches Serotonin-Syndrom kann die Folge sein. Auch Menschen mit psychotischen oder manischen Episoden in der Familie wird vom Konsum abgeraten.
Dennoch bestehen Chancen für den medizinischen Einsatz von Daime. Mitte der 1990er-Jahre begann die systematische wissenschaftliche Erforschung der psychotherapeutischen und medizinischen Potenziale und pharmakologischen Eigenschaften von Ayahuasca. Hauptsächlich geht es dabei um den Nutzen bei therapieresistenten Depressionen, Abhängigkeitserkrankungen und chronischen posttraumatischen Belastungsstörungen (etwa bei Soldaten). Das Abhängigkeitspotenzial von Ayahuasca wird eher als gering eingeschätzt, da es nur wenig Einfluss auf das Belohnungssystem des Gehirns hat. Für medizinische Zwecke zugelassen ist der Tee allerdings bisher noch nicht.

Rituale in Österreich

Ayahuasca-Angebote, meist im Zusammenhang mit (Neo-)Schamanismus, gibt es seit einigen Jahren auch in Österreich. Zwar unterliegt DMT hierzulande dem Suchtmittelgesetz, was bedeutet, dass Erwerb, Besitz, Ein- und Ausfuhr, Weitergabe und Verkauf strafbar sind. Jedoch wird Ayahuasca als Trank im rituellen Kontext nicht als Suchtgift angesehen (im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich, wo es explizit im Gesetz als verbotene Substanz festgelegt ist). Hierzulande haben Konsumierende bei Erwischtwerden mit einem verpflichtenden Besuch beim Amtsarzt zu rechnen, von dem gesundheitsbezogene Maßnahmen angeordnet werden können. Bei Nichteinhaltung erfolgen strafrechtliche Schritte. Klar ist: Mit Ayahuasca bewegt man sich hierzulande in einer gesetzlichen Grauzone.
Die traditionelle und medizinische Verwendung von Ayahuasca kann durchaus positive Effekte mit sich bringen. Wie bei den meisten Drogen spielen jedoch die Dosierung, die eigene körperliche und seelische (Tages-)Verfassung, die Erwartungshaltung, die Konsumsituation, der Konsumort und die Begleitpersonen eine große Rolle. Dadurch entscheidet sich, ob man eine bewusstseinserweiternde Erfahrung macht oder einen negativen Trip ohne Wiederkehr.