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Wofür lohnt es sich zu kämpfen?

Von Petra Paterno

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Die Besetzung der Berliner Volksbühne ist ein grandioses Lehrstück. Man hätte es nicht besser erfinden können. Es zeigt, welche Bedeutung das Theater in einer Stadt erlangen kann. Es lässt jene alt aussehen, die meinen, die Uraltkunstform Theater hätte im digitalen Zeitalter ausgedient. Für welches Online-Entertainment würden die Leute auf die Straße gehen? Für welchen Streaming-Dienst lohnt es sich zu kämpfen?

Frank Castorf leitete 25 Jahre lang die Volksbühne. Unter seiner Ägide stand die Bühne in Berlin-Mitte vor allem für eine bestimmte Lebenshaltung: Widerstand und Widerrede. Natürlich gab es Durchhänger, aber an der Linie wurde festgehalten: Dem Kapitalismus die Zunge zeigen.

Frank Castorf und sein Nachfolger Chris Dercon sind so verschieden wie Tag und Nacht. Hier der zerraufte Ost-Künstler, dort der elegante Kosmopolit. Veteran des Sprechtheaters versus Prophet des Performativen.

Mit der Bestellung von Dercon wollte die Kulturpolitik ein Zeichen setzen, eine Wende markieren. Doch von Beginn an blies Dercon und seinem Team starker Gegenwind entgegen. Dercon wurde - ob er es wollte oder nicht - zu einem Symbol der Gentrifizierung, zu einem Wahrzeichen der Strukturveränderungen, die Berlin in den vergangenen Jahren durchlief. Die Besetzung ist bisheriger Höhepunkt jener Gegenbewegung, die sich ausdrücklich gegen die Stadtentwicklung richtet und nicht gegen die Person Dercon. Wie humorlos, geradezu wachsweich Dercon an die Situation herangeht, spricht allerdings Bände. Vom Umgang mit dramatischen Situationen versteht der Mann offenbar wirklich nicht viel.