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Wohin sind sie verschwunden?

Von Max Haller

Reflexionen

In Österreich leben immer weniger slowenischsprachige Menschen. Warum?


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Im Jahre 1910 hatte das heutige Südtirol 197.000 deutschsprachige Einwohner; bei der letzten Erhebung 2011 betrug ihre Anzahl 310.000. 1910 lebten in ganz Österreich 66.400 Slowenen, 2011 gab es laut Volkszählung in Österreich noch 24.855 (in Kärnten rund 14.000); heute gibt es nach manchen Schätzungen nur mehr 5.000. Wie ist diese unterschiedliche Entwicklung zu erklären?

Die Regisseurin Andrina Mracnikar, eine Kärntner Slowenin, hat zu diesem Thema den Film "Verschwinden" (2022) gedreht. Er gibt einen hochinteressanten Einblick in die dramatische Entwicklung in Kärnten. Man kann daraus, wie schon Claus Gatterer 1985 in einem Aufsatz feststellte, auch etwas für das Verständnis der ganz anderen Entwicklung in Südtirol und für die Lösung von Minderheitenproblemen im Allgemeinen lernen.

Nach Gründung der Republik Österreich 1919 wurde in den mehrsprachigen Gemeinden Südkärntens, wo die Slowenen hauptsächlich leben, 1920 eine Volksabstimmung durchgeführt. Die Mehrheit entschied sich für den Verbleib bei Österreich, wobei offenkundig auch eine Mehrheit unter den Slowenen dafür gestimmt hatte. Die Republik Österreich versprach den Slowenen weitgehende Autonomie - und sie konnten ihre Sprache und Kultur in der Folge in vielerlei Hinsicht, etwa im Bildungs- und Vereinswesen, pflegen.

"Kärntner Urangst"

Dies änderte sich fundamental mit dem Einmarsch Hitlers in Österreich 1938. Ähnlich wie in Südtirol gab es auch für Kärnten den Plan, in diesem Fall die nicht deutschsprachige Bevölkerung in andere Gegenden des Reiches umzusiedeln. Dem widersetzten sich junge Slowenen und schlossen sich den von Jugoslawien aus unterstützten Partisanenkämpfern an. Wurden sie von Gestapo oder Wehrmacht gefangengenommen, wurden sie gnadenlos exekutiert, sogar ihre Familienangehörigen zeitweise in deutsche Konzentrationslager deportiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich als Folge ein tiefer Hass der nationalen deutschsprachigen Kärntner (denen die slowenische Autonomie schon vor 1938 ein Dorn im Auge gewesen war) gegen die Slowenen. Diese "Kärntner Urangst" war auch nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg entstanden, als Panzer des SHS-Staates bzw. Jugoslawiens sogar bis Klagenfurt kamen und es besetzen wollten (erst durch ein Ultimatum des britischen Oberbefehlshabers zogen sie 1945 ab). In der Republik Österreich wurden den Slowenen aber bis heute viele der im Staatsvertrag vorgesehenen Minderheitenrechte vorenthalten. Selbst im Alltag und in der Öffentlichkeit wurden Menschen, die slowenisch sprachen, auch nach 1945 noch vielfach diskriminiert.

Dafür nur ein Beispiel: Eine alte Frau erzählt in Mracnikars Film, sie sei als Mädchen im Krankenhaus mit einem Gips am Bein aus dem Bett aufgestanden; daraufhin habe ihr die Krankenschwester eine heftige Ohrfeige gegeben mit den Worten: "Bleib liegen, du slowenischer Trampel". Dieses Ereignis sei das ganze Leben lang wie ein Dorn in ihrem Gedächtnis haften geblieben. Die Feindschaft der deutschnationalen Kärntner gegen die Slowenen entlud sich spektakulär im "Ortstafelsturm" 1972.

Nachdem etwa 200 mehrsprachige Ortstafeln aufgestellt worden waren (nach einer Anordnung aus Wien), fuhr in den folgenden Wochen ein nächtlicher Autokonvoi unter ohrenbetäubendem Lärm durch viele Orte und montierte die Tafeln oft unter Zuschauen der Gendarmerie ab. Seit dieser Zeit hat sich die Lage aber beruhigt. Die Zahl derer, die heute noch slowenisch sprechen, nimmt jedoch weiterhin ab. Für viele in der Großelterngeneration war es noch Muttersprache, Eltern lernten es mehr schlecht als recht von diesen, die heutige Kindergeneration spricht es meist überhaupt nicht mehr.

Mahnmal gegen die Zwangsumsiedelung slowenischstämmiger Kärntner durch das Nazi-Regime von 1942-1945 in Radsberg, Kärnten.
© Johann Jaritz, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Wie ergab sich diese völlig unterschiedliche Entwicklung in Südtirol und Kärnten? Man kann dafür politische und strukturelle Gründe anführen. Ein erster politischer Aspekt: Damit sich eine sprachliche Minderheit behaupten kann, braucht sie klare Rechte, die in Verfassung und Gesetzen festgelegt sein müssen. Die Kärntner Slowenen erhielten zwar gewisse Rechte, diese sind aber weit entfernt von jenen für die deutsche Bevölkerung in Südtirol. So gibt es zwar slowenische Klassen in Volksschulen und ein slowenisches Gymnasium in Klagenfurt, selbst in der Grundschule ist Slowenisch aber nur optional. Von einer verpflichtenden Zweisprachigkeit der ganzen Bevölkerung und aller Beamten ist in den zweisprachigen Gebieten keine Rede.

Zum Zweiten: Historisch gesehen muss man sagen, dass die Erfahrung von Gewaltausübung immer tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlässt. Die Kriege im Zuge des Zerfalls des ehemaligen Jugoslawien sind unbegreiflich, wenn man nicht die wechselseitigen Gewalttaten kennt, die Kroaten und Serben im Zweiten Weltkrieg gegeneinander begingen. Bei aller Widerrechtlichkeit der Behandlung der deutschsprachigen Südtiroler durch Mussolinis Faschisten kann man doch nicht sagen, dass diese in Südtirol eine gleiche Terrorherrschaft ausübten wie die Nationalsozialisten in Südkärnten.

Strukturelle Gründe

Ein dritter Aspekt ist die Rolle der katholischen Kirche. Während in Südtirol vor allem der einfache Klerus (aber auch ein hoher Würdenträger wie Kanonikus Michael Gamper) für den Erhalt der deutschen Sprache kämpfte (u.a. durch Einrichtung der Katakombenschulen), verbanden sich in Kärnten Deutschnationalismus und Antiklerikalismus.

Zum Vierten: Die Rolle einflussreicher und charismatischer politischer Persönlichkeiten darf nicht unterschätzt werden. Sie können wesentlich zur Aufheizung, aber auch Beruhigung und Lösung von Konflikten beitragen. In Südtirol ist die positive historische Rolle von Silvius Magnago unbestritten. In Kärnten haben Politiker wie der seinerzeitige Landeshauptmann Leopold Wagner (der sich selbst als "hochgradiges Mitglied der Hitlerjugend" bezeichnete), aber vor allem Jörg Haider, Landeshauptmann von 1989-91 und 1999-2008, entscheidend zur Eskalation des Konfliktes beigetragen. Eindeutig positive Rollen spielten Staatssekretär Ostermayer und Landeshauptmann Gerhard Dörfler.

Trug entscheidend zur Eskalation des Ortstafelstreits bei: Jörg Haider, Kärntens Landeshauptmann von 1989-91 und 1999-2008.
© Dieter Zirnig (sugarmelon.com), CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Es gibt auch zwei strukturelle Gründe, in welchen die Südtiroler gegenüber den Kärntner Slowenen bevorzugt sind: Die deutschsprachigen Südtiroler haben einen riesigen Vorteil in der Tatsache, dass Deutsch eine kulturell hochbedeutende Sprache ist, die von gut hundert Millionen Menschen gesprochen wird. Dadurch gibt es in Südtirol heute ein breites Programm an medialen Angeboten, an deutschsprachigen Sendungen und Druckwerken.

Dazu kommen noch die engen wirtschaftlichen Beziehungen mit den deutschsprachigen Ländern durch Tourismus und Arbeitsmigration. Slowenisch wird dagegen nur von rund zwei Millionen Menschen gesprochen. Die Beziehungen der Kärntner Slowenen zu Slowenien konnten aus politischen und kulturellen Gründe nie so bedeutend werden wie jene von Südtirol zu Österreich und zum ganzen deutschsprachigen Raum. Und: Südtirol ist durch seine geographische Lage zwischen zwei starken Wirtschaftsräumen (Oberitalien und Süddeutschland) und durch seine Natur, aber auch infolge der Mehrsprachigkeit, zu einem herausragenden Touristenland und wirtschaftlich zu einer der reichsten Regionen Mitteleuropas aufgestiegen.

Eine positive wirtschaftliche Entwicklung trägt immer auch zur friedlichen Lösung von Konflikten bei. Kärnten dagegen, obwohl sich auch dieses Bundesland gut entwickelt hat, stellt mit dem Burgenland in allen Indikatoren das Schlusslicht in Österreich dar. Südkärnten dürfte innerhalb Kärntens eine der strukturschwächsten Regionen sein. So kommt der Rückgang des Slowenischen auch durch Abwanderungen nach Klagenfurt, Graz und Wien zustande; er wird etwas ausgeglichen durch Zuwanderung aus Slowenien. In Südtirol war (und ist) die Abwanderung nie so stark, nicht zuletzt deshalb, weil die bäuerliche Bevölkerung großteils über eigene Höfe verfügte, während die Slowenen vielfach als Landarbeiter und andere Unselbstständige beschäftigt waren.

Abschließend zwei Überlegungen zur derzeitigen Situation und Zukunft. Die Situation der Kärntner Slowenen ist heute grundsätzlich viel besser als früher; sowohl der Kärntner Heimatdienst wie die Slowenen haben sich mit der Situation mehr oder weniger abgefunden. Dennoch muss man konstatieren, dass die Gewährung der verfassungsmäßigen Rechte für die Slowenen, wie bereits angesprochen, unzureichend ist. Die österreichische Politik verfolgte im Hinblick auf die Frage von Minderheiten eine recht inkonsistente Haltung - und tut dies immer noch.

Rotes Tuch

Während man sich im Falle von Südtirol enorme Verdienste durch die starke Unterstützung des erfolgreichen Weges zur Autonomie erwarb, ist die Haltung zu den Slowenen, aber auch zu anderen alten und neuen Minderheiten sowohl in Politik wie Bevölkerung weit weniger positiv. Der Autor dieses Beitrags stellte einmal fest, dass heute auch die türkischsprachigen Zuwanderer den verfassungsmäßigen Prinzipien entsprechen würden, um den Status einer anerkannten Minderheit beantragen zu können.

Das stieß auf wütende Proteste. Hinter dieser skeptisch bis ablehnenden Haltung gegenüber Minderheiten steht, vor allem bei bürgerlichen und rechten Parteien, ein ethnonational-völkisches Verständnis der Nation. Demzufolge sind die (deutschsprachigen) Südtiroler eigentlich immer noch Österreicher, die Slowenen und andere können es aber im Grunde nie werden - außer sie assimilieren sich völlig, was ja offenkundig vielfach geschah.

Zweisprachige Ortatafel in Rückersdorf/Rikarja vas in der Gemeinde Sittersdorf, Kärnten.
© Streunerich, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Es gibt ein Thema, das heute sowohl in Südtirol wie in Südkärnten noch immer aktuell ist - die Ortstafelfrage. Dieses Thema eignet sich hervorragend zu ideologischer Aufheizung und ethnischer Spaltung. Denn Ortstafeln sind nicht nur ein abstraktes Symbol, sondern auch physisch sichtbar. Sie stellen für Gegner von Mehrsprachigkeit ein rotes Tuch dar, weil sie indizieren, dass zwei Sprachen in einem Ort als gleichwertig angesehen werden. In Kärnten ist dies kein heißes Thema mehr, aber aus normativer Sicht nicht wirklich gut gelöst. Es gibt viele Orte ohne zweisprachige Ortstafeln, in denen Slowenen wohnen.

In Südtirol wird über das Thema jedoch immer wieder diskutiert. Nach Meinung des Autors könnte man es so lösen, dass für alle Orte, in denen keine Italiener ansässig sind, die italienische Bezeichnung ersatzlos gestrichen wird. Alle anderen Orte sollten selbst entscheiden können, was sie machen möchten. Aber vielleicht ist die derzeitige Südtiroler "Lösung" auch nicht schlecht, die darin besteht, das Problem einfach weiter vor sich her zu schieben. Sehr oft braucht es in der Politik einfach Geduld; viele Probleme lösen sich im Laufe der Zeit von selbst oder verlieren ihre Brisanz.

Max Haller, geboren 1947 in Sterzing, ist Soziologe und lebt in Wien und Graz. Für wertvolle Kommentare zu diesem Beitrag dankt er Georg Aichholzer, Josef Langer, Günther Pallaver, Albert Reiterer und Josef Scheipl.