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Wohnbuddy fürs Pfitschigogerln

Von Eva Zelechowski

Politik
Das Gefühl, willkommen zu sein, ist für Wohnpartner vermittelbar, etwa mit der Überreichung einer Willkommensmappe.
© Zelechowski

Integration passiert hier nebenbei: 100 Mitarbeiter im Nachbarschaftseinsatz.


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Wien. Pfitschigogerln, Handarbeitskreis, Deutschkonversation und Kochen. Wer sich als Bewohner der Gemeindebau-Anlage Karl-Wrba-Hof in Favoriten für Aktivitäten der Wohnpartner interessiert, kann aus einer langen Liste wählen. Gegründet wurde das Nachbarschaftsservice der Stadt Wien für Gemeindebauten vor vier Jahren und löste damit den Vorreiter, die Gebietsbetreuung für städtische Wohnanlagen, ab. Diese hat alle drei Jahre die Aufträge zur Betreuung an externe Einrichtungen vergeben. Die Folge: ein unglaublicher Wissensverlust. "Wir machen ja hier Beziehungsarbeit, denn mit der Beziehung steht und fällt das Vertrauen der Bewohner", erzählt Arno Rabl, Teamleiter des BewohnerInnen-Zentrums im Karl-Wrba-Hof. Hier kommt die Stärke der Wohnpartner zum Tragen: Sie bündelt ihre Kräfte und stützt sich in ihrer Arbeit auf drei Säulen: Konfliktvermittlung, Stärkung von Nachbarschaft und Netzwerken sowie überregionale Vernetzung. Dafür sind wienweit zehn Teams und knapp 100 Mitarbeiter im Einsatz.

Eigentlich fallen die Wohnpartner ins Wohnbauressort und stehen nicht auf der Integrationsagenda, aber Integration sei hier nicht schubladisierbar, sie gehe quer durch alle Schichten und passiere auf gemeinsamen Bedürfnissen: ob das die Lernbegleitung für Kinder oder das Frauencafé sei. Wohnpartner stellt den Raum und die Ressourcen dafür zur Verfügung", erklärt Teamleiter Rabl.

Der Gemeindebau befinde sich in einem starken Umbruch, wobei Zuwanderung eine Reibungszone ergebe, weil das Thema politisch stark aufgeladen sei. "Die Hauptkonfliktquelle im Karl-Wrba-Hof ist Lärm, aber die Problematik beruht nicht auf der ‚Ausländer-Inländer-Basis‘, sondern auf einem Generationenkonflikt und der damit verbundenen unterschiedlichen Bedürfnisse", sagt Rabl. "Wenn ältere Menschen nach dem Flüggewerden ihrer Kinder in der Wohnung zurückbleiben und um sie herum die nächsten kinderreichen Familien nachrücken, sind Probleme vorprogrammiert."

Initiativen haben "heilende Wirkung"

Besonders im Wahlkampf höre man im Gemeindebauhof die gleichen "Argumente", die aus den auf Zuwanderungshorrorszenarien zugespitzten Wahlslogans einiger Parteien und Medien stammen. Eine weitere Beobachtung der Mitarbeiter im BewohnerInnen-Zentrum ist, dass der Anteil der Konflikte mit sozialem Hintergrund stetig zunimmt. Hinzu kommen ökonomische Sorgen und Vereinsamung.

Dann haben einige Initiativen für manche Bewohner eine schon fast heilende Wirkung. Etwa ein vom Gesundheitsbeauftragten organisierter Infoabend, der sich speziell an Familien mit schwer behinderten Kindern richtete. "Das war sehr berührend, weil in einigen Kulturen ein behindertes Kind häufig etwas Schambehaftetes ist und tabuisiert wird. Trotzdem haben einige Familien den Mut gefunden, zu kommen. In dieser geschützten Öffentlichkeit konnten sie richtig aufgehen und sich öffnen", erzählt Rabl.

Generell sei das Thema Gesundheit schwierig, sagt Wohnpartner-Mitarbeiterin Müesser Seebacher. "Präventivmaßnahmen gibt es von der Kultur her kaum", sagt Seebacher. "Erst wenn es brennt, geht man ins Krankenhaus oder unterzieht sich einer Operation." Die Teamleiterin erzählt davon, wie sich aus einem Termin der Gruppe "Deutsch für gute Nachbarschaft" auch mal ein spontaner Gang zur Gesundenuntersuchung entwickeln kann - für einige Frauen der erste im Leben. "Begründet liegt das wohl in der eigenen Wahrnehmung in der Familie. Zuerst kommen die Kinder, dann der Mann und am Schluss erst die Frau selbst."

Die meisten Projekte beginnen in kleiner Runde und leben von der Freiwilligkeit. Ob sich in ihnen - wie in Koch- oder Tanzworkshops - nur Frauen tummeln, ergebe sich von alleine. Meistens wollen die Frauen unter sich bleiben. Das Konzept der Präambel besagt aber: Die Events sind offen für alle. So auch das Pfitschigogerln oder die nachbarschaftlichen Schachpartien, die neben Kindern häufig auch Männer ansprechen. Wissen weitergeben, gebraucht werden und durch gemeinsame Unternehmungen der Isolation zu entfliehen: Das beflügelt die Bewohner zu immer neuen Aktionen in ihrem ehrenamtlichen Engagement.

Wahrnehmung für Wohnkultur im Wandel

Von einem höheren Migrantenanteil in den Gemeindebauten in Favoriten als durchschnittlich in Wien könne man nicht sprechen. Das sei von Stiege zu Stiege unterschiedlich. "Aber es gibt durchaus Migrantinnen, die nicht aus ihrem Bezirk herauskommen. Dann ist es toll, wenn "alteingesessene" Bewohnerinnen sie zu einem spontanen Ausflug in den Stephansdom überreden und dafür zu einem gemeinsamen Festmahl und Fastenbrechen des Ramadan eingeladen werden. Als "Alteingesessene" werden zwar Österreicher bezeichnet, was aus der Tatsache resultiert, dass eine Gemeindebauwohnung erst seit 2006 auch ohne österreichische Staatsbürgerschaft zu bekommen war.

Der Generationenkonflikt äußert sich auch an der Wahrnehmung für die Wohnkultur. Denn die "Alteingesessenen", die Ende der Siebziger Jahre einzogen und für die eine solche Anlage ein Vorzeigebau war, trügen alte kulturelle Zuschreibung des Gemeindebaus mit sich. Wer in den vergangenen fünf Jahren zugezogen sei, habe ein anderes Verständnis. Deshalb kommen Aktionen wie das Überreichen einer Willkommensmappe und das Betreuen von neuen Mietern als "Wohnbuddys" richtig gut an. Im Wohnpartner-Konzept versteckt sich etwas, das man nicht planen kann und oft scheitert: Gelebte Integration passiert hier nebenbei.