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Drei Viertel aller weißen Opale der Welt werden im australischen Coober Pedy gefunden. Das Leben in dieser Stadt spielt sich großteils unter der Erde ab. Dort ist es nämlich spürbar kühler als im Freien.
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"Stadt" ist ein großes Wort. Doch 840 Kilometer nördlich von Adelaide und 700 Kilometer südlich von Alice Springs, mitten im gleißenden Nichts jenes menschenleeren Teils von Australien, der Outback genannt wird, machen schon ein paar Tausend Menschen eine stattliche Menge aus. Denn sonst ist da wenig, von gelegentlichen Roadhouses (mit Tankstelle und Chips ohne Fisch) abgesehen. Zumindest die Zufahrt in die Opal-Hauptstadt der Welt, der Stuart Highway, ist seit 1987 asphaltiert. Und glüht, vor allem im Sommer, wenn die Temperaturen auf über 45 Grad im Schatten steigen.
Bloß: Schatten ist kaum zu finden, von ein paar staubigen Büschen abgesehen. Und so haben die Leute bald begonnen, es sich unterirdisch gemütlich einzurichten, wenn sie schon unbedingt bleiben und reich werden wollten. Konstante 24 Grad, sommers und winters, dazu Teppiche, Luster, Sofas und alles, was zum Wohnen gehört: Mehr als die Hälfte der Gebäude sind in Sandstein gefräst oder enden unter Schutthügeln.
46 Nationalitäten leben hier und sprechen alle irgendwie Englisch - rund 60 Prozent der Bevölkerung sind Glücksritter aus aller Welt, viele aus Süd- und Osteuropa, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Anfang suchten. Die sogenannten Dugouts (Wohnhöhlen) wurden zunächst noch händisch in die rote Tonerde gebuddelt, mittlerweile geht es mit selbst gebastelten Tunnelbaumaschinen sehr viel schneller. Davon gibt es genug, seit Bill Hutchinson 1915 - damals gerade 14 Jahre alt - durch Zufall auf die ersten Opale stieß: Kupa-Piti, "das Loch des weißen Mannes" in der Sprache der Aborigines, hat seinen Reiz bis heute nicht verloren.
Stop & Stay
Die lange Reise dorthin ist eine kurze Reise zur inneren Ruhe. Brummelnde Ablenkung bieten bloß gelegentliche Roadtrains, zwanzig-achsige Lastzug-Ungetüme mit drei Anhängern, die oft schon eine halbe Stunde vor der Begegnung am flimmernden Horizont auftauchen und nachts neonbeleuchtet blinken wie ein Rummelplatz. Salzseen zwischen den Hügelketten der Stuart Range, Grasbüschel und unendliche Weiten: Wüsteneinwärts würde man irgendwann auf den legendären Dog Fence stoßen, der mit über 5000 Kilometern länger als die chinesische Mauer ist und der die wild lebenden Hunde, die Dingos, von südaustralischen Farmen fernhalten sollte. Ab und zu ein Waran, bisweilen ein paar Emus. Kaum mehr Kängurus, denen ist es hier längst zu trocken. Und irgendwann tauchen dann die ersten künstlichen Hügel auf, Abraumhalden mit Kratern dazwischen, ein gewaltiges Feld aus riesigen Maulwurfshügeln in Ocker.
Viele sind gekommen, die meisten bald wieder gegangen. Doch über 3000 Menschen sind geblieben, auch wenn der Opal-Rausch früherer Jahrzehnte vergangen ist. Die Clees etwa fanden beim Graben opalisierte Muscheln im Wert von hunderttausend Dollar - die Grundlage für den Bau ihres "Experience Motel" in aufgelassenen Minenschächten - Luxus pur, mit Fernseher und Wänden, durchzogen von feinen Opaladern.
Bloß Fenster gibt es keine. Das ist üblich hier, auch im Backpacker Hostel "Radeka", wo Herr Radeka längst fortgezogen ist und seiner früheren Frau, Yveline, die Leitung überlassen hat: Die Französin kam als junge Frau für eine Nacht und ist fast zwanzig Jahre später noch immer da: Coober Pedy ist ein Ort, den man sofort liebt oder für immer hassen wird, sagt sie: "Die sengende Hitze und der Staub sind manchmal nur schwer zu ertragen."
Die wirklich lukrativen Zeiten der 1970er und 1980er Jahre scheinen jedenfalls verflogen, auch wenn weiterhin bis zu 80 Prozent der Weltproduktion an weißen Opalen aus den rund 800 Minen von Coober Pedy stammen sollen. Die opalführenden Schichten liegen gar nicht so tief: Zunächst mussten rund zwanzig Meter tiefe Löcher in den Sandsteinboden gebohrt werden, die im Erfolgsfall zu Schächten erweitert wurden, breit genug, um Maschinen hinabzulassen. Mit diesen wurde horizontal gefräst, um in einem zunehmend verzweigten Netz von Höhlen und Gängen das große Glück zu finden - erst muss man fräsen und sprengen, dann mit Blowers (Riesenstaubsaugern) durchsaugen.
Die Saugschläuche der Blower, meist aufgebockte LKW-Oldtimer mit intakten Motoren an der Oberfläche, sind bis zu dreißig Zentimeter dick und türmen das tote Gestein oben auf, sagt Jack, der alte Schotte, der in Tom’s Working Mine jahrelang geschürft hat und heute dort Führungen macht. Seine Frau ist Deutsche, spricht längst besser australisches Englisch als ihr Hessisch, und verkauft gleich neben der Kassa Opalschmuck. Rundum lagern verrostete Maschinen wie überall hier, Autowracks und Reifen: Recycling funktioniert im Outback auch ohne staatliche Gesetze.
Innerhalb weniger Jahre haben Opale zwei Drittel ihres Wertes verloren. Von den früher tausend Minenarbeitern sind nicht einmal mehr hundert übrig. Auch die Cairn Hill Mine in der Nähe, wo ab 2010 die alten Kumpel Eisenerz abbauen konnten, wurde Mitte 2014 wegen drastisch fallender Erzpreise wieder geschlossen. Viele Opaljäger fanden neue Jobs im langsam anlaufenden Tourismus: als Koch oder Auto-Verleiher, Tourguide oder Kamelführer, hin zu Outback-Adventures in der Painted Desert, der Moon Plain oder Breakaway Reserve.
Grasloses Golfen
Die Hauptstraße ist mittlerweile asphaltiert. Zwei Supermärkte, die meist nur einmal wöchentlich beliefert werden, zum Beispiel mit Wagenhebern, Taschenlampenbatterien und mobilen Toiletten (Plastiksackerl auf Alugestell), weil WCs ohne Wasser schwerlich funktionieren können. Schwarze, rote und weiße Opale, ein Shop neben dem anderen, das Postamt und ein Freiluftkino. Ein paar Tankstellen und ein Bottle Shop, der erst gegen Mittag öffnet. Davor ein paar Aborigines, die viele Paletten Bier in ihren alten Ford Falcon stapeln, weil sie danach noch etliche Stunden brauchen, um auf roten Rüttelpisten nach Hause zu kommen, irgendwo Richtung Moon Plain.
Coober Pedy selbst ist zur "dry zone" erklärt worden, mit Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen, seit die Boomtown-Exzesse überhand genommen hatten.
Trinken ist wichtig hier, wenn feurige Wüstenwinde über die Schotteracker peitschen und Staubfontänen durch die surreale Siedlung tanzen lassen. Wasser ist wertvoll, obwohl ein kommunaler Wassertank seit einigen Jahrzehnten die Grundversorgung sicherstellen soll. "Have a drink on me", steht auf dem Edelstahl-Bierfass, das Mister Karl Bratz statt einem Grabstein bekommen hat. Der Friedhof ist voll von Exzentrikern, die in der Wilden Mitte Australiens ein neues, ungestörtes Leben beginnen konnten - so etwa Crocodile Harry, eigentlich Baron Arvid von Blumental und deutscher SS-Mann. Seine Wohnhöhle wurde zur apokalyptischen Filmkulisse für "Mad Max III" ("Jenseits der Donnerkuppel") und "Pitch Black" ("Planet der Finsternis"). Auch die Filme "Priscilla - Königin der Wüste" oder "Ground Zero" wurden hier gedreht, weil hier nichts so ist wie irgendwo sonst. So manches Filmrelikt von damals liegt noch herum, weil die Entsorgung zu teuer kommen würde. Und Schönheitspreise für Ortsbildpflege wurden hier noch nie vergeben.
Bizarr ist vieles: Gras gibt es nirgends, weil selbst das Wasser an den Zapfsäulen neben den Tankstellen gar nicht wenig kostet. Golf spielt man trotzdem, meist abends, bis in die sternklaren Nächte hinein, mit Leuchtbällen und einem Büschel künstlichem Gras für den Abschlag im Gepäck. Die Coober Pedy Saints wiederum, die Australian Football spielen, haben weite Wege für ihre Heimspiele in der Far North Football League. Die anderen Teams kommen nur ungern her.
Tagsüber bleibt ein Besuch in den sechs unterirdischen Höhlenkirchen verschiedenster Glaubensrichtungen, wie St. Peter & Paul oder der orthodoxen Kathedrale der serbischen Gemeinschaft, deren Pfarrer eine eigene Wohnung gefräst bekam und dennoch den Himmel in Europa der Höhle in Australien vorzog. Einmal monatlich kommt der Bischof eingeflogen, und alle paar Monate folgen Zahn- und Fachärzte. Kein Wunder, dass der Royal Flying Doctor Service hier öfter auftaucht als anderswo im Outback, denn schweres Gerät sorgt nicht selten für schwere Verletzungen. Der einzige Linienflug des Tages nach Adelaide hängt davon ab, ob die einzige Asphaltpiste nicht aufgeschmolzen oder angeweht ist.
Touristische Betätigungen, die nicht sandig machen, gibt es tatsächlich. Bummeln im Underground Book Store oder der Underground Gallery des Desert Cave Hotel etwa. Oder Streichelzoo-Atmosphäre in Josephine’s Gallery & Kangaroo Orphanage, wo verwaiste Baby-Kängurus gefüttert werden können, gleich hinter der Bumerang und Didgeridoo-Abteilung. Oder doch Shopping in einem der 30 Opalshops, nachdem man in historischen Bergwerken wie der Uumona Mine Grubenluft geatmet hat? Dynamitstangen mussten übrigens vor dem Betreten des örtlichen Kinos abgegeben werden, wie Schilder aus Pionierzeiten besagen.
Jagd nach den Opalen
Heute haben die wenigsten Besucher mehr eine dabei. Denn Noodling, also Wühlen in ausgewiesenen steinigen Resthaufen der professionellen Opalsucher, ist längst zum Sport geworden, um gratis ein paar (übersehene) Opale zu ergattern - aber die 5-Kilo-Brocken sind längst im Museum. Mittlerweile sind hier über 70 Opalfelder bekannt, doch großflächiger Abbau ist gesetzlich schwierig geblieben: Im Ortsgebiet selbst sind neue Minen streng verboten, weshalb manche Wohnungen über 40 Schlafzimmer haben - denn Wohnraum darf jeder weiter schaffen, und manche geheime Schürferei wird simpel als Hausbau deklariert, wie Jack berichtet.
Einen Claim kann immer noch jeder anmelden, am Rathaus von Coober Pedy. Jedem Prospektor stehen zunächst einmal 15,3 Quadratmeter zu, das kostet rund 30 Euro Verwaltungsgebühr. Teuer wird es erst danach: Die monatlichen Fixkosten für Maschinenmiete, Sprengladungen und Treibstoff liegen bei rund 2600 Euro, ohne jede Garantie auf das weiße Gold. Und so ist der Boden über Dutzende Quadratkilometer mit über 250.000 Schächten gelöchert, nur wenige davon wirklich abgesichert, viele wieder verlassen: eine rötliche Mondlandschaft, in der so mancher Liebhaber bizarrer Landschaften verschwunden und bisweilen nie wieder aufgetaucht ist.
Günter Spreitzhofer geb. 1966, ist Lektor am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien. Schwerpunkte: Asien; Tourismus, Urbanisierung.

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