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Wolf D. Prix

Von Martin Hablesreiter

Reflexionen

Der Architekt Wolf D. Prix über die Mittelmäßigkeit der Wiener Architektur, das Fehlen wagemutiger Bauten in Österreich und die Problematik des Denkmalschutzes.


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Wiener Zeitung: Herr Prix, Sie zählen zu den international erfolgreichsten Architekten Österreichs. Wann und warum haben Sie sich entschieden, Architekt zu werden?Wolf D. Prix: Ich bin mit diesem Beruf aufgewachsen. Mein Vater war Architekt. Die endgültige Entscheidung, Architekt zu werden, fasste ich allerdings erst 1964 - während meines Studiums an der TU Wien -, nachdem ich nahe von Lyon das Kloster La Tourette von Le Corbusier gesehen hatte. Die Formensprache und der Umgang mit dem Lichteinfall waren damals etwas total Neues für mich und haben mich schwer beeindruckt.

Derzeit projektieren Coop Himmelb(l)au eine Vielzahl internationaler Großprojekte, unter anderem einen 73.000m²-Bau für BMW in München, ein 27.000m²-Museum für Lyon und den Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Wir haben einen architektonischen Stil miterfunden, den sogenannten Dekonstruktivismus. Erfinder sind, zum Unterschied von Shootingstars, diejenigen, die dauerhaft Erfolg haben.

Was bedeutet Dekonstruktivismus für Coop Himmelb(l)au?

Das ist sehr komplex; ich will versuchen, es einfach zu erklären: Das Unterbewusste und Unbewusste spielen in Wien, der Stadt Freuds, eine ganz große Rolle, und ich stamme aus einer Generation, die ihn noch gelesen hat. Unsere Entwurfstheorie ist stark von Freuds Werken beeinflusst. In den 60er Jahren analysierten wir das Wort "Entwurf": Es besteht aus der Vorsilbe "ent-", wie in entäußern, entflammen, entwickeln, das sind unbewusste Vorgänge, und aus dem Zeitwort "werfen". Zusammen gesetzt bedeutet "Entwurf" also das Gebären einer Idee aus dem Unterbewusstsein. Das heißt, die Architektur wird von allen Sachzwängen befreit. Wenn es gelingt, Klischees, Formalismen, technische und ökonomische Zwänge bei Seite zu lassen, dann entsteht tatsächlich freier Raum.

Die Auseinandersetzung mit Freud war ja in der Wiener Kunstszene der 60er Jahre sehr populär. Verstehen Sie sich als Angehöriger dieser Szene?

Auf jeden Fall. Der Wiener Aktionismus war für uns genauso maßgebend wie die Übermalungen von Arnulf Rainer.

Coop Himmelb(l)au agieren international. Warum haben Sie sich gerade für Wien als Bürostandort entschieden?

Ja, warum? Wien ist eine ganz tolle, bequeme Stadt. Wien hat ein sehr gutes Freizeitangebot und zählt zu den sichersten Städten der Welt. Aber jeder Vorteil birgt natürlich auch Nachteile in sich. In Wien ist das die fehlende Dynamik, die mangelnde Motivation, Spitzenleistungen zu erbringen.

Was soll eine Stadt Ihrer Meinung nach denn bieten?

Da zitiere ich gerne Karl Kraus: "Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst."

Was halten Sie von der Wiener Architektur?

Es besteht großes Potential, das sich leider nur im Mittelmaß äußern darf.

Woran scheitert das?

An der Mittelmäßigkeit der Entscheidungsträger, aber natürlich auch an der Trägheit der Bevölkerung und der Medien. Und leider spielt auch die Mutlosigkeit der Architekten eine große Rolle.

Woher kommt das?

Das hat kulturhistorische und psychologische Gründe. Ein Beispiel dazu: Während in Wien Schiele und Klimt als Nonplusultra der Progressivität im bourgeoisen Stil nackte Frauen malten, wurde in Paris der Kubismus erfunden und Kandinsky schuf das erste abstrakte Bild. Ich glaube, diese verlockende Wiener Bequemlichkeit ist einer der Hauptgründe dafür, dass Wien zum historischen Freizeitareal werden konnte.

Wie denken Sie in diesem Zusammenhang über das Wiener Museumsquartier?

Erstens ist der Standort falsch gewählt. Er folgt der bürgerlichen Vorstellung, jede öffentliche Institution in einem Palast unterbringen zu müssen - dabei war das Museumsquartier ja gar kein Palast, sondern ein zweitklassiger, im 19. Jahrhundert verpfuschter Barockbau. Zweitens hat die architektonische Gestaltung durch das Weglassen des Leseturms einen schweren Rückschlag erlitten. Und drittens zeigt sich deutlich, was der Österreicher von moderner Kunst hält: Beim Eintreten fühlt man sich an den Pausenhof einer Fachhochschule erinnert, dahinter ein Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert, das denkmalpflegerisch restauriert und zur Kunsthalle umgetauft wurde. Das ist doch lächerlich! Und linker Hand bietet der Touristenbunker jene Kunst, die man in Österreich als progressive bezeichnet: Klimt und Schiele.

Als Kommissär der 10. Architekturbiennale in Venedig haben Sie derzeit die Gelegenheit, österreichische Architektur international zu präsentieren. Ist das eine schwierige Aufgabe?

Ja, besonders wegen des heurigen Themas: "Cities, architecture and society". Gute Beispiele österreichischen Städtebaus sind schwer zu finden. Wien hat eben keinen Rang als internationale, städtebaulich relevante Weltstadt.

Dennoch hat Österreich weltweit erfolgreiche Architekten hervor gebracht.

Wenn wir wirklich so viele erfolgreiche Architekten hätten, warum gibt es dann keine innovativen, wagemutigen Bauten in Österreich? Wegen fehlenden Muts und allgemeiner Selbstzufriedenheit! In Österreich nehmen nur wenige Architekten die Mühsal der Existenzgefährdung auf sich und wagen sich an einen experimentellen Zugang zur Architektur heran. Nennen Sie mir ein österreichisches Gebäude, das international berühmt ist! Nach 1918 wird Ihnen da schwerlich etwas einfallen. Das liegt allerdings nicht nur an den Architekten, sondern auch am akademisch-intellektuellen Niveau. Dieses ist meiner Meinung nach nicht ausreichend hoch genug, um eine fundierte, theoretische Architekturdiskussion führen zu können und die jungen Architekten darin zu bestärken, für Ihre Ideen und Konzepte zu kämpfen.

Als Professor an der Universität für angewandte Kunst haben Sie ja bereits seit 1991 Gelegenheit, dieses niedrige Niveau anzuheben.

Für die Begabung der Studenten bin ich aber nicht verantwortlich.

Sind die Studenten hierzulande weniger begabt als anderswo?

Nein, sind sie nicht. Zur Begabung gehört aber nicht nur, dass man gut zeichnen kann, sondern auch das Bewusstsein, dass man etwas leisten muss, um zur Weiterentwicklung der Architektur beizutragen. Architekten sind ja keine Erfüllungsgehilfen von irgendwelchen Auftraggebern, sondern im besten Fall Visionäre. Das ist die Crux in Österreich: hier fehlt der Wille, eine Aufgabe anders zu lösen, als es vom Auftraggeber verlangt wird.

Was würden Sie an Wien gerne verändern?

Wien ist eine monozentrische Stadt, wobei der erste Bezirk für den Wiener eine Art sakrosanktes Heiligtum bedeutet. Hans Hollein ist mit seinen Geschäftsportalen ein kleiner Einbruch gelungen, später mit dem Haas-Haus in größerem Maßstab. Aber das war schon das Maximum an Veränderungsmöglichkeit. Ich sehe meine Aufgabe darin, diese monozentrische Struktur aufzubrechen, um Spannungsfelder zu erzeugen, die moderne Architektur nicht nur zulassen, sondern fordern. Wir müssen neue Zentren schaffen, so wie in Paris, wo zwischen dem historischen Stadtzentrum und dem neuen Zentrum in La Défense moderne Großprojekte entstanden sind, selbstbewusste, dreidimensionale Statements, die signalisieren: "Wir sind eine der bedeutendsten Städte der Welt!"

Gesetzt den Fall, Sie könnten: Würden Sie den Stephandsdom abreißen und durch ein neues Gebäude ersetzen?

Nein. Ich bin prinzipiell gegen Abriss, wenn es nicht notwendig ist. Und beim Stephansdom sehe ich keine Notwendigkeit.

Was halten Sie vom Denkmalschutz?

Das ist ein gefährliches Instrument des konservativen Durchschnittsdenkens. Die Diskussion um das Weltkulturerbe ist untragbar. Anstatt gute Lösungen für spezifische Orte zu finden, wird gedroht, dass man der Stadt das Weltkulturerbe entzieht.

Das heißt, Sie sind gegen das Unesco-Weltkulturerbe?

Wissen Sie, was im großen Jahr des Denkmalschutzes erfunden wurde? Die Neutronenbombe. Das ist kein Zufall! Die Neutronenbombe vernichtet Menschen und verschont Gebäude.

Welche gesellschaftlichen, technischen, politischen und wissenschaftlichen Veränderungen werden die Stadt der Zukunft besonders beeinflussen?

Die Zukunft ist bestimmt von der Gleichzeitigkeit vieler Systeme. So wie sich die Annahme, dass es nur das Kino, nur das Fernsehen oder nur das Internet geben werde, als falsch herausgestellt hat. Heute gibt es das Kino, das Fernsehen und das Internet. Die gegenseitigen Wertigkeiten verschieben sich zwar, aber die Möglichkeiten werden immer mehr, nicht weniger. Nun stellt sich die Frage: Wie vernetzen wir diese Vielfältigkeit und was kann die Architektur dazu leisten?

Haben Sie Angst vor der Zukunft?

Ich? Nein! Zukunftsangst ist ein Problem der jungen Generation. Manchmal frage ich mich natürlich schon, wo meine Enkelkinder schwimmen gehen werden, und wie das mit den Sicherheitskontrollen an Flughäfen sein wird. Aber grundsätzlich vertraue ich darauf, dass die nächste Generation diese Probleme lösen wird.

Sehen Sie ein besonderes Sicherheitsbedürfnis der jungen Generation?

Das Sicherheitsbedürfnis war immer vorhanden. Nur die Angriffe darauf haben sich durch gewisse Mechanismen intensiviert. Die Niederlage des Kommunismus und das Ende des Kalten Krieges haben eine komplette Veränderung unserer Welt mit sich gebracht. Durch den Zerfall der Sowjetunion ist der Turbokapitalismus zu einer absoluten Freiheit aufgelaufen.

Welche Folgen hat das für die Architektur?

Einer der Effekte ist, dass wir nicht für China arbeiten. Wir haben gerade ein Projekt zurückgezogen, weil sich dort die unangenehmsten Eigenschaften des Turbokapitalismus mit den unangenehmsten Eigenschaften des autoritären kommunistischen Denkens gepaart haben.

Kann Architektur die Gesellschaft verändern?

Nein. Das größte Problem der Architektur ist, dass sie nichts fördern, aber unglaublich viel verhindern kann.

Manche Menschen behaupten, dass die trostlose Architektur in den Pariser Vororten der Auslöser für die dortigen Unruhen im vergangenen Herbst gewesen sei. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Das wäre zu weit gegriffen. Den Architekten, der bei derartigen Projekten eigentlich nur Spielball der Politik ist, zum Schuldigen zu stempeln, ist unerhört! Was mir allerdings zu denken gibt, ist, dass im Zuge der Unruhen gemeinschaftliche Einrichtungen wie Schulen und Veranstaltungshallen niedergebrannt wurden. Das rührt daher, dass sie offensichtlich nicht als gemeinsames Eigentum verstanden werden. Die architektonische Kritik an solchen Bauten ist daher ihre Form- und Gestaltlosigkeit, wodurch sich die Benutzer nicht mit ihnen identifizieren. Gemeinschaftseinrichtungen dürfen nicht aus ökonomischen Zwängen zu gesichtslosen Kisten verkommen. Das ist die Aufgabe von uns Architekten: lesbare, identifizierbare Gebäude zu schaffen, die eben auch die dreidimensionale Darstellung unserer Gesellschaft und unserer Kultur sind.

Das heißt, Architektur zeigt gebaute Werte?

Ja, sicher. Dieser Wert ist nicht in Geld ausdrückbar, aber die emotionale Besitzergreifung muss ermöglicht werden. Dazu gehört natürlich auch das Schimpfen. Oder Spitznamen, die sind ganz toll.

Warum sind Architekten so umstritten, ja sogar Feindbilder? Was machen sie falsch?

Sie haben sich zu Erfüllungsgehilfen degradieren lassen. Der Begriff des Architekten wird in vielen Zusammenhängen durchwegs positiv gesehen - der Architekt der EU, der Architekt eines Friedensplanes usw. In der Politik bezeichnet das Wort Architekt eine Person, die übergeordnete, strategische Lösungen anbietet. Anders aber im Bereich der Architektur selbst. Der Architekt, der sich herumkommandieren lässt und sein Selbstvertrauen am Papierkorb im Vorzimmer seiner Kunden abgibt, ist schuld daran, dass die Architekten in Verruf geraten. Wenn der Mut fehlt, unattraktive Aufträge zurückzulegen, und im Gegenzug schlechte Lösungen angeboten werden, dann wird das Ergebnis mit Recht kritisiert. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Der größte Feind des Architekten sind die Architekten selbst.

Soll Architektur Konflikte beseitigen oder auslösen?

Auf intellektueller Ebene muss Architektur jedenfalls konfliktreich sein, nur dann kann man anstehende Probleme lösen. Konfliktscheuheit hat uns noch nie weiter gebracht. Populistische Konflikte hingegen sind sinnlos. Da kritisiere ich etwa Bürgerinitiativen, die oft sehr einseitig denken und den eigenen Interessen verhaftet sind, ohne über weitreichendere Konsequenzen nachzudenken.

Die Kompetenz des Architekten schrumpft ohnehin von Jahr zu Jahr. Ich weiß nicht, was Architekten in zwanzig Jahren überhaupt noch entscheiden werden. Ich fürchte, sie werden zu Außenbzw. Innendekorateuren verkommen sein.

"Das größte Problem der Architektur ist, dass sie nichts fördern, aber unglaublich viel verhindern kann".

Wolf D. Prix

Wolf D. Prix wurde 1942 in Wien geboren. Er studierte Architektur an der Technischen Universität Wien, am Southern California Institute of Architecture (SCI Arc) in Los Angeles und an der Architectural Association in London.

1968 gründete er in Wien gemeinsam mit Helmut Swiczinsky das Architekturbüro "Coop Himmelb(l)au", das in den 60er und 70er Jahren Österreichs Architekturavantgarde entscheindend beeinflusste. Coop Himmelb(l)au weigerten sich, ihre Entwürfe auf das "Baubare" zu beschränken, und propagierten, Architektur nicht als Ergebnis ihrer Funktion, sondern als Vision, Ritual und Kunstwerk zu begreifen.

Die erste, international beachtete Realisation gelang dem Architektenduo mit einem Dachausbau in der Falkestraße (1988), den Architektenkreise mittlerweile als eines der ersten verwirklichten Beispiele der Stilrichtung des Dekonstruktivismus verehren. In Wien bauten Coop Himmelb(l)au in den letzten Jahren den 60 Meter hohen SEG Wohnturm an der Wagramerstraße (1998), einen der vier Gasometer-Wohnbauten (2001) sowie die Büro- und Wohnanlage Schlachthausgasse (2005).

International realisierten Wolf D. Prix, Helmut Swiczinsky und ihr Architektenteam unter anderem einen Museumspavillon im niederländischen Groningen (1994), das UFA Kinozentrum in Dresden (1998) und die Akademie der Bildenden Künste in München (2005). Derzeit entsteht eine Vielzahl internationaler Großprojekte: unter anderem die 73.000m² große BMW-Welt in München, das Musée des Confluences in Lyon und der Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main.

Seit 1993 ist Wolf Prix ordentlicher Professor für Architekturentwurf an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Heuer ist er Kommissär der 10. Architektur-Biennale, die noch bis 19. November in Venedig stattfindet.