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Wolf: Worauf warten wir?

Von Helmut Kohlenberger

Politik

Benediktinerabt überrascht mit Buch über Deutschland. | Keine fromme, doch eine klare Sprache. | Was fällt Ihnen spontan zu der provokanten Frage von Abtprimas Notker Wolf ein? Eine Frage, die das Problem einer Zeit, die alles sofort haben will, knapp zusammenfasst. Direkt wie diese Frage ist das ganze Buch, das keiner, dem ich es empfohlen habe, weggelegt hat, ohne es zu Ende zu lesen.


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Notker Wolf, mehr als drei Jahrzehnte Erzabt von St. Ottilien, Hüter eines großen Gemüsegartens bei München und noch viel mehr, zugleich Chef einer Missionsgesellschaft mit Klöstern auf allen Kontinenten, derzeit in Rom Repräsentant der Benediktiner überhaupt, ist einer breiteren Öffentlichkeit vielleicht als Musiker der Rockband Feedback bekannt. Aus heiterem Himmel jetzt dieses Buch aus dem langen Atem der Tradition, in der er lebt, einem weltweiten, oft hautnahen Erfahrungshorizont.

Wolf, zurecht irritiert über den Sanierungsfall Deutschland, macht Mut, der anhält über die Fußball-WM hinaus. Er überspielt nicht Probleme, spricht Unangenehmes in einer Sprache aus, die kein Bischof je wagen würde. Mönche sind unabhängig, das zeigte sich ihm nicht zuletzt in China und Nordkorea, wo er in der Tradition seines Klosters unterwegs und tätig ist. Mönche brauchen nicht die Distanz eines hohen Amtes, sie haben gelernt - Distanz zu sich selbst. Eben dies befähigt zur freien Sicht. Wolf schätzt Menschen, auf deren Humor Verlass ist.

Kein frommes Wort in dem ganzen Buch, viel Überraschendes und Berührendes. Verlorenheit und Chancen in der chinesischen Provinz. Würde eines afrikanischen alten Mannes angesichts des Todes, ein ungestümes Pärchen in Rom, das partout getraut werden wollte. Hoffnungslosigkeit kommt in keiner Zeile auf. Immer gibt es noch Zeit und Grund genug für Geduld.

Westliche Kunstwelt und Orientierungslosigkeit

Aber dann Deutschland, überhaupt diese westliche Kunstwelt. Man glaubt Realitäten nicht anerkennen zu müssen und exportiert permanent vor allem Orientierungslosigkeit. Wolf diagnostiziert blicksicher die deutsche Entschlossenheit, sich auf nichts einzulassen. Alles soll bleiben, wie es war. Kein Gras wächst mehr in dieser Kultur der Kapitulation - seit den Achtundsechzigern.

Mit Sloterdijk sieht er, dass der Achtundsechziger im Supermarkt zu sich findet. Wir leben in einer allgemeinen Schnäppchenjägermentalität, halten Schrankenlosigkeit unter Aufsicht einer Staatsmutti, die am Sandkasten auf unschuldig spielende Kinder aufpasst, für den Höhepunkt der Freiheit: Wellness total möglichst umsonst. Wir misstrauen jedem über Dreißig, weil wir uns ja permanent kontrolliert fühlen. Kein Staat der Welt kann Verantwortung in einer Gesellschaft übernehmen, die nichts von Verantwortung wissen will. Längst ist der Sinn für Ernsthaftigkeit von realen (nicht ideologisch zum Klischee gestanzten) Gefahren in unserer globalisierten multikulturellen Welt verloren gegangen.

Überzeugend Wolfs Beobachtungen im allgemeinen und im Kleinen. Die Einsicht, dass der Staat nicht fürs Glück verantwortlich ist, sondern nur für gerechte Rahmenbedingungen des sozialen Miteinanders. Der Blick für die Bedeutung von Familie und elementaren Lebensgemeinschaften.

Wenn man den Nachwachsenden jede (frustrierende) Erfahrung ersparen will, braucht man sich über eine immer früher einsetzende Bandenmentalität Jugendlicher nicht zu wundern. Wenn man mit ihrer politisch korrekten Profilneurose der Mediengesellschaft nicht mehr zwischen Selbstachtung und Fundamentalismus unterscheiden kann und die Voraussetzungen von Freiheit und Gleichheit in der biblischen Tradition verleugnet, braucht man sich über Konsequenzen nicht wundern, die auf uns warten. Nur wer sich selbst achtet, kann auch andere achten. Wolf schließt seine ungebetene Einmischung mit Sätzen wie "Nur Realisten können auf Dauer optimistisch sein."

Lesenswerte Analyse.Wolf, Notker: Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland. Rowohlt Taschenbuch, 218 Seiten, 12 Euro.