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Wenn man auf Facebook jemanden entdeckt, der genauso heißt wie man selbst, kann das der Auftakt zu einer Reise in die eigene Familiengeschichte werden.
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Meine Nutzung des Internets ist bescheiden. Sie beschränkt sich im Wesentlichen auf den Austausch von E-Mails und einige Partien des Brettspiels Backgammon pro Woche. Manchmal möchte ich etwas wissen und werfe eine Suchmaschine an. Weitere Dienste wie Twitter, Yahoo oder Facebook bleiben mir zunächst rätselhaft. Die sind etwas für junge Leute. Gefährlich sollen sie auch sein.
Brauch ich nicht, will ich nicht, kann ich nicht - ist also meine Devise, bis eines Tages das Befürchtete eintritt. Wirklich gute Freunde, denen ich nichts Heimtückisches unterstellen kann, bezichtigen mich der Mitgliedschaft in einem dieser Dienste, in Facebook. Auch du, mein Freund Wolfgang, das hätte ich ja nicht von dir gedacht. Ich weise die haltlose Behauptung lässig zurück, was die Sache nur schlimmer macht.
Ob ich ernsthaft gehofft hatte, meine zweifellose Identität durch einen ins Gesicht gezogenen Cowboyhut auf meinem dort hinterlegten Profilphoto verschleiern zu können, wurde ich rhetorisch gefragt. Schließlich hätte ich als Kennung meinen vollständigen Vor- und Zunamen Wolfgang Tumler verwendet. Das wäre ja gar nicht nötig gewesen. Ich erschrak ernsthaft, aber so der Lächerlichkeit und zugleich einer Vertrauenskrise ausgesetzt zu sein, wollte ich nicht lange auf mir sitzen lassen. Und wie anders konnte ich mich aus dieser misslichen Lage unter wirklich guten Freunden befreien außer durch eigene Recherchen nach dem Lumpen, der meinen Namen gekapert hatte und nun schändlich für seine Zwecke zu missbrauchen gedachte? Dass so etwas vorkommt, hatte ich schon gehört, ganze Bankkonten sollen ruiniert worden sein.
Der Weg nach Südtirol
Also trat ich nun doch Facebook bei und begann meine Suche. Mit Namensgleichen wie zum Beispiel Peter Schulz oder Inge Meier könnte man sicher ganze Stadthallen füllen, aber mich sollte es eigentlich nur einmal auf der Welt geben. So kam es, dass ich keinen Netzpiraten sondern Wolfgang Tumler aus Brixen in Südtirol kennenlernte. Beruhigt über den Mangel an äußerlichen Ähnlichkeiten und in der Gewissheit, dass dieser Mensch, sollte es ihn außerhalb von Facebook überhaupt geben, um einiges jünger sein musste als ich, sandte ich meinen Freunden erleichtert Entwarnung, gestand aber zugleich, dass ich zwar nicht der Mann mit Cowboyhut sei, aber nun doch ein Mitglied bei Facebook, weil auf der Spur meines Wiedergängers. Immer mutiger näherte ich mich den Informationen, die das Netz freigab, nachdem ich bei Wolfgang Tumler dem Anderen erfolgreich um Facebook-Freundschaft nachgesucht hatte.
Meine Neugier war zusätzlich befeuert durch seinen Wohnort und seine Herkunft. Schließlich sind Südtirol und das Finschgau Landmarken im Leben des bedeutenden österreichischen Schriftstellers Franz Tumler (1912-1998), der mein gesetzlicher Vater war. Von dem und unserer Familie hatte mein Namensgleicher aber noch nie gehört, schon gar nicht von dessen Essayband "Das Land Südtirol" oder dem im Innsbrucker Haymon-Verlag soeben neu aufgelegten Roman "Aufschreibung aus Trient":
Seit ich seinen Namen weiß, bin ich ungeduldig, daß sie wiederkommen, denn nun bin ich doch auch unsicher. Es gibt diesen Namen ein paar Mal bei uns im Land, das weiß ich von früher, und ich glaube, wir haben darüber damals gleich am Anfang unserer Bekanntschaft gesprochen, weil es sein Gebiet war: Namensforschung - oder zu seinem Gebiet gehörte; und er sagte mir etwas davon: daß es den Namen zwei Mal gibt; er wollte sagen: in zwei Familienzweigen, die nicht miteinander verwandt sind.
Dennoch machte ein weiteres Merkmal mich stutzig im Hinblick auf Verwandtschaft oder zumindest gemeinsames Wurzelwerk: Der Mann aus Südtirol ist Musiker, also ein Kreativer wie Franz und ich. In seiner Freizeit spielt er amerikanische Countrymusik auf der Steel-Guitar in verschiedenen Hillbilly-Bands, seit er sich von einer stolzen Kindheit im Gleichschritt der Dorfkapelle emanzipiert hat. Seine unüberhörbare Affinität zur amerikanischen Kultur gipfelt in einer schweren metallic-blauen 1600er Harley-Davidson und ihrem blubbernden Sound bei niedrigen Drehzahlen. Auch das noch, denke ich beim Anblick der Bilder. Motorradfahrer wie Franz und ich. Wand sich der Vater noch auf einem lindgrünen Steyr-Puch-Roller mit überschaubarer Motorkraft durch die Berge, hatte ich mich schon früh für die schwere italienische Guzzi entschieden, Modell California. Und nun der Namensvetter aus Norditalien mit dem amerikanischen Traum.
Das ruft nach mehr als einer dualen Existenz im Netz, und ein gutes Jahr später beschließen wir, zusammen Maschine zu fahren.
Meine Reise zu ihm durch möglichst viele Kurven und über einige Pässe zwischen Wien und Brixen wird ein paar Tage dauern. Sie soll dem entschleunigten Rhythmus folgen, in dem Franz Tumler vor fünfzig Jahren, im Sommer 1963 in Begleitung einer Frau seine Heimat Südtirol mit dem Auto bereiste und in einen schweren Unfall verwickelt war - Ausgangspunkt für die 1965 erstmals bei Suhrkamp erschienene "Aufschreibung aus Trient".
Ich hatte es genau so gesehen, wie sie es erzählte, aber an sein Gesicht konnte ich mich so wenig wie sie erinnern. Das fiel mir schon auf, als ich zu den Carabinieri sagte: Ein älterer Mann. Ich hatte ihnen gesagt: Ein rotes Moped. Und dann war dieser Augenblick, als der Carabinierimajor die Frau bat, in den Polizeiwagen einzusteigen, und ihr den Arm bot, und ich sie von der anderen Seite stützte; und als noch eine Verzögerung entstand, weil einer der jüngeren Carabinieri aus den Häusern, die ringsum lagen, alle Leute herausgeholt hatte, die ein rotes Moped hatten; und es waren fünf, eine Marke, die hier überall gefahren wurde: Guzzi.
Die Begegnung
Wolfgang Tumler sieht natürlich ganz anders aus als auf den Fotos im Netz. Seine Versuche, mich zum Feierabend mit Kurznachrichten auf dem Mobiltelefon zu einer Fabrik am Rande von Brixen zu lotsen, in der er als Metallarbeiter schwere Messingleuchter mit Swarowski-Kristallen montiert, scheitern.
Ich kann mich nur schwer orientieren, und so erwarte ich ihn vor einem Café im Zentrum. Er ist genau zwanzig Jahre jünger als ich, durchtrainiert schlank, im Profil kantige Anteile und weiche, die dunklen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, der Nacken und die Schläfen ausrasiert. Das lederne Outfit wird beherrscht vom Merchandising seines amerikanischen Motorradherstellers. Ich hingegen war in Jeans und T-Shirt durch die seit Tagen nicht nachlassende Augustsonne hinuntergefahren und hab mir die Arme verbrannt.
Hallo, ich bin Wolfgang, sagt er tatsächlich. Ich auch, muss ich sagen, und ich hab dir was mitgebracht. Da ich schon weiß, dass er nicht liest, ist es ein Bilderbuch: Die 100 schönsten Motorradtouren durch Österreich. Bei zwei kalten Colas umkreisen wir uns mit großen Fragen und kleinen Antworten, lauschen den Stimmen, schauen uns taxierend an, wenn wir meinen, der jeweils andere schaut grad nicht her, und beruhigen uns allmählich. Die Begegnung im Straßencafé hat etwas vom Blind Date zwischen Mann und Frau, besser: zwischen Mann und Mann.
Und vierzehn Tage später trafen wir uns im Café, da brachte ich ihm das Buch, war aber zuvor schon im Museum gewesen und hatte es dort, als von ihm entliehen, umschreiben lassen auf seinen Namen. Aber ob das nun nur der selbe Name ist, weiß ich nicht. Und Ähnlichkeit - das habe ich mir ja bei diesem Mann von drüben, als ich ihn sah, überlegt: Ähnlichkeit im Typ gibt es so viel bei uns. Das Alter könnte stimmen.
Franz Tumlers Roman spielt lustvoll mit dem Material für Gewissheiten und Zweifeln der Herkunft, und ich kann nicht umhin, nach Stammrollen in Rathäusern zu fragen, die uns vielleicht doch noch eine nachziehbare Linie von Verwandtschaft zeigen. Wollen wir nicht zusammen über Bozen zum Bürgermeister von Laas fahren, frage ich, wo Franz Tumler geboren ist, wo sein Elternhaus steht? Ich brauch das nicht, sagt er, aber wenn du willst, führ ich dich gerne da hin. Nein, entscheide ich mich, obwohl es ein wenig schmerzt, aber es geht mir ja um ihn, und am nächsten Tag fahren wir acht Stunden lang seine Kurven durch die Dolomiten.
Und was ist das schon, bloß weil man wo geboren ist, und was geht es einen eigentlich an? Und weiß, daß es ihr weh tut, aber sage: Das habe ich mir heute gedacht, daß es einen nichts angeht. Früher bin ich jedesmal hin und eine Weile dort gestanden und habe mir etwas gedacht, ich weiß nicht was, eine sonderbare Feierlichkeit. Aber jetzt, so ein Haus und geboren - und es ist ganz richtig so, einmal muß man aufhören damit.
Immer weiter tut sich der Spalt auf zwischen den vermeintlichen Motiven meiner Reise, dem, was mich angeregt hat, und der wachsenden Wirklichkeit. Wieder einmal fühl ich mich ertappt bei dem uneingestandenen Versuch, auf einem Umweg meine Herkunft zu finden, immer noch. Wie soll ich einmalig sein, wenn der Vater ungewiss ist? Franz Tumler verlor den seinen durch Tod, als er selbst ein Jahr alt war. Mir wurde er mit siebzehn genommen, weil es ein anderer war, nicht er. Aber es stimmt, einmal muss man aufhören damit. Was kann der junge Schlosser aus Brixen dafür? Ich will mich ihm ganz unmittelbar zuwenden, das bin ich ihm schuldig.
So erfahre ich beim Rasten am Bergsee etwas mehr über seine Biker-Bekanntschaften in den USA und über weite Reisen, die er am liebsten allein antritt, um für andere offen zu sein. Mit sechsundvierzig Jahren wohnt er noch bei den Eltern, das ist vielleicht italienisch oder ökonomisch. Sein älterer Bruder ist erst neulich ausgezogen und stellt nur noch das Motorrad in der Garage ab, auch eine Harley. Daneben steht die Maschine von Renate, ein etwas schwächerer Japaner.
Renate ist Wolfgang Tumlers Freundin, wie er sie nennt, eher schon Lebensgefährtin seit sieben Jahren. Im gleichen Alter ein ganz anderer Typ. Die gebürtige Rumänin hat sich nach der Wende in München als gefragte Diplomingenieurin auf Glasfassaden spezialisiert und betreut Baustellen von BMW bis Apple in aller Welt. Morgens um sechs steht sie auf, um vor der Arbeit eine Stunde Romane zu lesen, man kommt ja sonst nicht dazu. Schick mir die "Aufschreibung aus Trient" !
Neue Freunde
Die Sorgfalt, Kreativität und Courage, mit der sie offenbar ihre Arbeit und die sensiblen, gleichwohl stabilen gläsernen Produkte von gigantischen Ausmaßen betreut, scheint sie mitzunehmen ins Private, und so wirkt sie damit und mit ihrer eben erworbenen Eigentumswohnung ein paar Dörfer von Brixen entfernt wie ein Fels in Wolfgang Tumlers Leben. Der wiederum hat es geschafft, ihr das Motorradfahren nach Jahren hinter ihm auf der engen Soziabank so schmackhaft zu machen, dass sie inzwischen auf dem erwähnten Japaner partnerschaftlich neben ihm her fährt, verbunden über ein in den Helmen integriertes Intercom mit Headset, Telefon und Navigation.
Als ich nach zwei Tagen und Nächten Richtung Verona aufbreche, ist die schwere Vergangenheit verblasst, die Literatur zurückgewichen vor einer neuen Freundschaft. While we are making plans life happens, sagt John Lennon, und ich verspreche, die "Aufschreibung aus Trient" zu schicken. Die beiden fahren am selben Tag auf den Motorrädern für eine Woche zusammen in den Urlaub nach Kärnten. Am Faaker See ist Harley-Treffen, eines der größten der Welt.
Die Sätze in kursiv sind Franz Tumlers Roman "Aufschreibung aus Trient" entnommen, der 2013 im Haymon Verlag, Innsbruck, neu aufgelegt wurde. Wolfgang Tumler, geboren 1947, Stiefsohn von Franz Tumler, bis 2010 TV-Produzent in Berlin, lebt als Autor in Wien.

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