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Wolfsburger Moral-Debatten

Von Ronald Schönhuber

Wirtschaft
VW-Chef Müller hat einen Kompromissvorschlag vorgelegt. Niedersachsens Ministerpräsident Weil fordert hingegen ein deutlicheres Signal.
© reu

VW hat sich in einem öffentlich ausgefochtenen Bonus-Streit verheddert.


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Wolfsburg. Heftig gerechnet wurde bereits im September. Knapp eine Woche, nachdem der Abgasbetrug bei Volkswagen aufgeflogen ist, legte die Landesbank Baden-Württemberg schon eine detaillierte Schätzung über die Folgekosten des Dieselskandals vor. Die Analysten der Bank gingen damals von einem Gesamtschaden von fast 50 Milliarden Euro aus, allein 16 Milliarden davon wurden für die drohenden Strafzahlungen in den USA veranschlagt.

Wie hoch die Kosten tatsächlich seien werden, ist allerdings bis heute nicht klar. In Wolfsburg, wo derzeit für den Jahresabschluss alles durchgerechnet wird, wurde erst in der vergangenen Woche eine Bilanzsitzung des Aufsichtsrats verschoben. Der Termin für die Bilanzpräsentation selbst war bereits im Februar um mehrere Wochen nach hinten verlegt worden, weil man sich damals nicht auf die Höhe der erforderlichen Rückstellungen einigen konnte.

Doch egal ob es nun 30, 40 oder gar 50 Milliarden sein werden, für den erfolgsverwöhnten Volkswagen-Konzern ist es in jedem Fall die markanteste Zäsur der vergangenen Jahrzehnte. Statt üppiger Jahresprämien für die 120.000 Mitarbeiter im VW-Haustarif gibt es nun Sorgen um die Zukunft des Konzerns. Und selbst das Gespenst der Arbeitslosigkeit ist auf einmal bedrohlich nahe gerückt. Erste Leiharbeiter müssen das größte Unternehmen Deutschlands schon verlassen.

Doch die Mitarbeiter in den Fertigungshallen sollten die Last nicht allein schultern müssen. "Es ist klar, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen, auf allen Ebenen, vom Vorstand bis zum Tarif-Mitarbeiter", sagte Vorstandschef Matthias Müller bereits Ende 2015 in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche". Wie in anderen Fällen auch müsse die Unternehmenspitze hier mit gutem Beispiel vorangehen.

Doch von der erhofften Vorbildwirkung ist heute nicht mehr viel über. Stattdessen ist VW in einen öffentlich ausgefochtenen Streit um millionenschwere Vorstandsboni verstrickt, den die mächtige Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat sogar schon als "Krieg" bezeichnet.

Verhärtete Fronten

In Fahrt gekommen war die Debatte bereits in der Vorwoche, als der "Spiegel" darüber berichtete, dass einige Vorstandsmitglieder trotz des Dieselskandals auf hohe Bonuszahlungen pochen würden. Rein rechtlich wäre das gedeckt, denn wie bei anderen Konzernen basieren die Erfolgszahlungen auch bei VW auf dem Geschäftsergebnis mehrerer Jahre. Die Vorstände hätten somit Anspruch auf Boni aus der Zeit vor 2015, als die VW-Welt noch in Ordnung war.

Dass es derzeit nicht nur um das vergangene Jahr geht, macht die Debatte aber noch aus einem anderen Grund heikel für VW. Denn auch der in der Affäre zurückgetretene Vorstandschef Martin Winterkorn hat damit noch finanzielle Ansprüche. Laut einem VW-Konzernsprecher hat Winterkorn, dessen Gesamtvergütung 2014 bei knapp 16 Millionen Euro lag, noch immer einen gültigen Vertrag.

Der aktuelle Vorstandschef steht damit vor einer enormen Herausforderung. Müller hat zwar einen Kompromissvorschlag vorgelegt, demzufolge die Vorstände freiwillig auf 30 Prozent ihrer Boni verzichten sollen. Doch auf allzu große Gegenliebe ist der VW-Chef damit nicht gestoßen. Es gehe auch um Moral, hatte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil erst am Wochenende erklärt. "Volkswagen muss wieder ein Vorzeigeunternehmen werden".

Die Zeit drängt

Wie Moral in so einem Fall auszusehen hat, hat Weil dabei unmissverständlich klargemacht. Das Land Niedersachsen, das 20 Prozent der VW-Aktien hält, dringt gemeinsam mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft IG Metall, die ebenfalls im VW-Aufsichtsrat vertreten sind, auf eine vollständige oder zumindest weitgehende Aussetzung der Bonuszahlungen.

Entsprechend angespannt soll auch die Sitzung des VW-Aufsichtsratspräsidiums am Montag verlaufen sein, bei der über die Bonuszahlungen debattiert wurde. Man sei zwar "einen Schritt weitergekommen", die Positionen lägen aber immer noch weit auseinander, sagte eine Person mit Kenntnis der Verhandlungen. Mittlerweile sollen schon mehrere Vorschläge auf dem Tisch liegen.

Für VW drängt allerdings die Zeit. Denn wenn am 28. April die Bilanz präsentiert wird, müssen auch die Sonderzahlungen festgelegt sein. Und sollte der Zeitplan wegen eines ungelösten Boni-Streits ins Wackeln kommen, wäre man statt beim Vorzeigeunternehmen wohl endgültig bei jenem Bild gelandet, das bereits in deutschen Medien gezeichnet wird. Dort wird VW als "Titanic" beschrieben, die langsam sinkt, während oben noch das Orchester unbeirrt spielt.