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Worte und Wirklichkeit

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Politik

64.000 New Yorker obdachlos - Obama redet neuer Umverteilung das Wort.


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New York. Ein Hoch von minus acht Grad Celsius, das ist in der größten Stadt Amerikas eine gute Zeit, die Zahl ihrer Obdachlosen zu ermitteln. "Wie ist dein Name?" - "Charlie." "Hast du einen Platz, wo du heute Nacht hingehen kannst, Charlie?" - "Nein." Die junge Frau lässt sich den Zettel geben und beugt sich weiter runter. "Kannst du lesen, Charlie?" "Ja." "Das hier ist eine Liste mit Plätzen, wo du hingehen kannst." "Okay." "Geh dort hin, dort gibt es auch etwas Warmes zu essen." "Okay." "Viel Glück, Charlie." Charlie schaut ziemlich besoffen aus, er mag nicht wirklich reden. Er hat es sich eingerichtet dort, wo er sitzt, ein paar Plastiksackerln, ein Karton als Unterlage, eine Tischdecke, unter der er unzulänglich die Malt-Liquor-Dose zu verstecken sucht. Der Lärm der abendlichen Rush-Hour, der beständige Strom an Pendlern, der durch die niedrigen Gänge der Penn Station zu den Vorortzügen hastet, kann ihm nichts anhaben. Seine Aufgabe hat er erfüllt, auch wenn ihm das nicht bewusst sein dürfte. Er ist gerade Teil der offiziellen Statistik geworden.

In der Nacht von Montag auf Dienstag schickte das stadteigene "Department for Homeless Services" ein paar hundert Mitarbeiter und eine rund 3000 Mann und Frau starke Freiwilligenarmee los, um die Zahl jener Mitmenschen zu ermitteln, denen es in New York City an Obdach fehlt. Die Ergebnisse werden, so viel lässt sich jetzt schon sagen, einen Anstieg attestieren. Im vergangenen Jahr waren es rund 64.000 Leute, 13 Prozent mehr im Vergleich zu 2012. So viele waren in New York nicht mehr ohne Heim seit der Großen Depression in den Dreißigerjahren. Und das sind nur die Ärmsten der Armen: Nicht die, die mindestens zwei Jobs haben, um ihre Familien halbwegs durchzubringen; nicht die, die vielleicht nur einen haben, aber damit so wenig verdienen, dass sie ihre Kinder nur mit Hilfe des "Food Stamps"-Programms ernähren können, eine - noch - vom Staat bezahlte Beihilfe zum Einkauf von Lebensmitteln; nicht die Haushalte, die brav jeden Monat die überteuerten New Yorker Mieten zahlen und sich um jeden Preis darum bemühen, die bürgerliche Fassade aufrechtzuerhalten, obwohl sie in Wahrheit von einem Gehaltsscheck zum nächsten leben, weil sie unter anderem die nächsten 30 Jahre ihre Studiengebühren abzahlen müssen.

Mindestlohn erhöhen

Am Dienstagabend hielt Präsident Barack Obama vor dem Kongress in Washington D.C. seine jährliche Rede zur Lage der Nation und, wie im Vorfeld angekündigt, drehte sich ein Gutteil seiner "State of the Union"-Rede ums Thema "Inequality", was wörtlich übersetzt "Ungleichheit" heißt. So weit es angesichts der normativen Kraft des monetär und politisch Faktischen in den USA gekommen ist - eine teilweise außer Rand und Band geratene Business-Elite, deren Besitzungen kaum mehr handfeste Produkte produzieren, die für sich aber nichtsdestoweniger beansprucht, im Besitz der einzigen (aka amerikanischen) Wahrheit zu sein, sekundiert von willfährigen Konservativen und dem ausdrücklichen Segen abertausender (samt und sonders steuerbefreiter) Amtskirchen vorwiegend evangelikaler Prägung -, darf diese Tatsache allein schon als Verdienst gelten.

Konkrete Ankündigungen sollen in der Ansprache vor beiden Kammern des Kongresses folgen: Dazu gehört laut US-Medien, den Mindestlohn für Arbeiter auf 10,10 Dollar (7,40 Euro) zu erhöhen, wenn sie bei Firmen beschäftigt sind, die Verträge mit Bundesbehörden haben. Bisher lag der Mindestlohn für sie bei 7,25 Dollar. Dies käme mehr als 20 Millionen Menschen zugute, darunter Installateure, Putzfrauen und Bauarbeiter. Obama werde die "einzigartigen Befugnisse des Amtes nutzen", um Fortschritte im Kampf für Wirtschaftswachstum und gegen ökonomische Ungleichheit zu erzielen, sagte sein Sprecher Jay Carney. Damit kehrt der Präsident nach Meinung von Kommentatoren deutlich wie nie von seinem Ziel einer besseren Kooperation zwischen beiden Parteien ab. Diese war eines der Hauptversprechen seines Wahlkampfes 2008.

Ob die durchaus kämpferische Rhetorik Obamas reale politische Folgen zeitigen wird, darf freilich bezweifelt werden. Vielmehr hat sich im Vorfeld der diesjährigen "State of the Union" der Eindruck verstärkt, dass im Amerika des 21. Jahrhunderts der Zug längst abgefahren ist, was Themen wie Verteilungsgerechtigkeit und einem letzten Rest an sozialer Ausgewogenheit in seiner Gesellschaft angeht.

Wer wissen will, wie das heute so ist mit der Armut in den Vereinigten Staaten, der braucht nicht erst einen New Yorker Bahnhof oder ein Obdachlosenasyl im Winter aufzusuchen. Manchmal reicht es, die Dame von der eigenen Versicherung zu fragen, wie es ihr denn so geht mit dem Geld und dem Leben. Oneida G. ist 44 Jahre alt, Alleinerzieherin, eine Tochter im Teenageralter, eine in der Volksschule, lebt in einer Drei-Zimmer-Wohung in Upper Manhattan. Ihr Grundgehalt beträgt rund 1900 Dollar. Mit den Provisionen, die die Agentin im Fall des erfolgreichen Abschlusses einer Auto- oder Wohnungsversicherung bekommt, kommt sie im Durchschnitt auf 2400. Nachdem sie - zu ihrem Glück - noch einen relativ alten Mietvertrag hat, zahlt sie für 80 Quadratmeter nur 1200 Dollar. Was das alles für Oneidas Leben bedeutet - nur einer der Väter zahlt Unterhalt -, kann sich jeder selbst ausrechnen.

"Reiche dämonisiert"

Wie sehr etwas aus den Fugen geraten ist in Amerika, das sieht man mittlerweile jeden Tag in seinen großen Städten wie am Land, selbst wenn man nicht mehr genau hinschaut. Man sieht es im Fernsehen und liest es in der Zeitung und online. Die Leute beschweren sich, laut und andauernd - aber es sind nicht jene, die täglich darum kämpfen müssen, über die Runden zu kommen, sondern die, denen es vielleicht an Hirn und Einfühlungsvermögen, aber garantiert materiell an nichts fehlt. Gut eine Woche, bevor Obama seine Rede hielt, verglich Tom Perkins, Mitbegründer einer bekannten, auf Investitionen im Silicon Valley spezialisierten Risikokapitalfirma im "Wall Street Journal" die Lage seiner ultrareichen Landsleute heute mit jener der Juden in Deutschland kurz vor der Reichskristallnacht. Perkins plagt die Angst, dass, wenn es mit der "Dämonisierung der Reichen" so weitergehe in den USA, der Nazismus Wiederauferstehung feiern und den Leistungsträgern im Land den Garaus machen wird.

Charlie, der obdachlose Trinker von der Penn Station: ein potenzieller Neonazi, der nur darauf wartet, dem nächstbesten Hedgefund-Manager seine Büchse Colt 45 über den Schädel zu knallen? "Ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst, Mann. Bitte lass mich allein."