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Wut ist manchmal ein Fortschritt

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Die Forderung des US-Senats nach | einer Teilung des Irak entlang | ethnischer Grenzen sorgt im Zweistromland für Empörung. Das könnte sich schließlich als gut erweisen.


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"Um das Dorf zu retten, mussten wir es zerstören" - an diesen makabren Satz aus dem Vietnamkrieg erinnert mich die in Washington laufende Debatte über einer Teilung des Irak entlang ethnischer Grenzen sorgt im Zweistromland für Empörung. Das könnte sich schließlich als gut erweisen.

"Um das Dorf zu retten, mussten wir es zerstören" - an diesen makabren Satz aus dem Vietnamkrieg erinnert mich die in Washington laufende Debatte über eine "sanfte Teilung" des Irak. Aber natürlich wollen die Senatoren, die den Plan einer Föderalisierung des Irak von Senator Joe Biden unterstützen, das Land nicht zerstören, sondern retten. Der Irak könnte tatsächlich bald in drei halbautonome Kantone aufgeteilt werden, wie Senator Biden und andere das vorschlagen: in einen sunnitischen, einen schiitischen und einen kurdischen Teil. Vor dem Hintergrund der religiös gefärbten Unruhen, die das Land zu zerreißen drohen, scheint diese Entwicklung unausweichlich. Nur: Es steht keinesfalls den USA zu, diesen Akt der nationalen Aufsplitterung zu empfehlen, auch wenn sie noch so viel Blut und Geld in den Irak gesteckt haben.

Aber etwas Gutes hat diese Passage aus der Biden-Resolution dennoch bereits bewirkt: Sie hat die Iraker so wütend gemacht, dass sie sich in einem seltenen Moment der Einigkeit zusammenfanden - bis auf die Kurden und die SCIRI-Anhänger (Supreme Islamic Iraqi Council), die einen schiitischen Ministaat im Süden wollen. Der Biden-Plan wurde von den Irakern entschlossen zurückgewiesen - und das ist eine sehr begrüßenswerte Entwicklung.

Biden hatte hart zu kämpfen, um klarzustellen, dass er nicht die Auflösung des irakischen Staates meint, sondern eine Art Föderalisierung. Und um fair zu sein, Biden ist tatsächlich einer der wenigen US-Politiker, egal ob Republikaner oder Demokraten, der sich ernsthaft Gedanken über wirklich kreative Alternativen zur scheiternden Irak-Politik der Bush-Regierung gemacht hat.

"Fürchten Sie sich nicht vor irakischer Souveränität, auch wenn sie auf eine Art und Weise ausgedrückt wird, die Ihnen nicht behagt", pflegte der frühere Centcom-Chef General John Abizaid zu sagen. Das scheint mir auch die beste Betrachtungsweise in der Teilungsdebatte zu sein: Wenn die Iraker über US-Vorschläge, ihr Land aufzuteilen, wütend werden, ist das ein Fortschritt. Und wenn sie eine Begrenzung der militärischen Maßnahmen der USA in ihrem Land fordern: umso besser.

Einer der Fehler, den die USA im Irak gemacht haben, ist die Geringschätzung des Landes und seiner Geschichte. Die meisten sahen den Irak lediglich als künstliches Gebilde des britischen Imperialismus und meinten daher, dass alles automatisch besser würde, wenn man das Land, wie Ex-Jugoslawien, entlang seiner ethnischen Linien aufteilte.

Besonders israelische Analysten verstärken seit langem diese Betrachtungsweise. Ich habe schon vor 25 Jahren über einen dieser enthusiastischen Vorschläge berichtet, den Irak in drei Teile zu zerschlagen.

Man übersieht hier allerdings, dass die irakische Identität überraschend zäh ist: Sie hat Jahrhunderte und viele Wechselfälle der Geschichte überstanden.

Dieses irakische Identitätsgefühl hat auch die Zeit der Teilung in drei Provinzen überdauert und die Briten, die das Land 1920 zum modernen Irak zusammengefügt haben.

Kurz: Die irakische Bevölkerung und auch ihre arabischen Nachbarn werden sich sehr schwertun, all das Leid, das die Zerstörung des Regimes von Saddam Hussein begleitet hat, zu verzeihen. Aber wenn das Ganze nun in einer Zerschlagung des irakischen Staates enden soll, wird das Wunden aufreißen, die womöglich in einem Jahrhundert noch nicht verheilt sein werden.

Die Iraker selbst werden sich vielleicht letzten Endes für eine "sanfte Teilung" entscheiden. Aber bis dahin sollten alle anderen Beteiligten die Finger von der Teilung des Irak lassen.

Übersetzung: Redaktion