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Wütender Protest der weißen Kittel

Von Katharina Schmidt

Politik

Patienten zeigen Verständnis. | Ärzte brachten mehr als 300.000 Unterschriften ins Kanzleramt. | Wien. Ein Bild mit Seltenheitswert: Weiße Kittel soweit das Auge reicht - und das nicht etwa im AKH, sondern am Stephansplatz. Nach Polizeiangaben waren es rund 4500 Ärzte aus ganz Österreich, die am Dienstag dem Aufruf der Ärztekammer - dort geht man von 8000 Teilnehmern aus - gefolgt sind und in der Wiener Innenstadt gegen die Gesundheitsreform protestiert haben. Unter dem Motto "Seids krank" machten die Mediziner ihrem Ärger über die geplanten Neuerungen - Aut- idem-Regelung, Patientenquittung und Einzelverträge - Luft.


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Der größte Zorn richtete sich dabei gegen Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky, die das Maßnahmenpaket bereits heute, Mittwoch, vom Ministerrat absegnen lassen will: "Nein zu Kdolsky-Pfusch und Ärzte-Kusch" stand etwa auf einem Transparent zu lesen.

Viele Ordinationen blieben - zumindest für die Dauer der Demonstration - geschlossen. "Aber meine Patienten verstehen das", meint ein Landarzt aus dem Waldviertel. Schließlich sei er im Interesse seiner Patienten nach Wien gekommen. Er ärgert sich besonders über die Fünf-Jahres-Befristung von Kassenverträgen: "Dann kann ja niemand mehr investieren." Außerdem befürchtet der Allgemeinmediziner, dass gerade im ländlichen Raum immer mehr Praxen zusperren werden müssen.

Angst um ihren Arbeitsplatz hat auch eine Augenärztin aus Wien. Sollte es tatsächlich zur Einrichtung der sogenannten ambulanten Versorgungszentren (AVZ) kommen, sieht sie eine düstere Zukunft vor sich. Denn die AVZ müssten Tag und Nacht geöffnet sein - sie beschäftigt allerdings nur Mütter in Teilzeit, für die das unmöglich wäre. "Meine Angestellten werden dann ihren Arbeitsplatz verlieren", sagt sie. Überhaupt hält die Augenärztin die Arztkosten für das geringste Problem des Gesundheitssystems: "Ein Hausarzt bekommt für einen Hausbesuch gerade einmal 29,72 Euro, da sollte man besser bei der Verwaltung und den Spitälern ansetzen", sagt sie.

"Wahrheit in der Mitte"

Mittlerweile ist der Zug vom Graben in Richtung Michaelerplatz unterwegs. Angesichts der brennenden Mittagshitze schauen sich die meisten Patienten - obwohl ebenfalls zur Demonstration aufgerufen - das Spektakel lieber vom schattigen Straßenrand aus an. Auf die Frage der "Wiener Zeitung", ob er denn Verständnis für die Sorgen der Ärzte habe, meint ein älterer Herr: "Die Wahrheit liegt immer in der Mitte", einen Herzinfarkt hätte er jetzt aber nur ungern. Manche Ärzte seien "halt auch Abzocker", sagt er. Zum Beispiel nehme sich sein Hausarzt immer nur fünf Minuten Zeit und verschreibe dann "irgendwas, nur damit ich ein Rezept in der Hand halte".

Ganz anders sieht das eine ältere Dame: "Ich kann doch nicht in die Apotheke gehen und mir ein Aspirin statt Insulin holen - dann fahr ich doch in den Himmel", erklärt sie wohl in Anspielung auf die Aut- idem-Regelung. In deren Rahmen wäre eine solche Verwechslung allerdings kaum möglich. Jedenfalls hat die Patientin "hundertprozentiges Verständnis" für die streikenden Ärzte.

Genau wie der Geschäftsmann in der Habsburgergasse, dem vor lauter weißen Kitteln die Kunden ausbleiben, oder der Autofahrer, der so bald nicht aus seiner Parklücke herauskommt.

Vor dem Bundeskanzleramt wurde Kanzler Alfred Gusenbauer mit Buhrufen bedacht, weil er die Ärztedelegation nicht persönlich empfing. Stattdessen ließ er Staatssekretärin Heidrun Silhavy 313.327 Unterschriften des Patientenbegehrens entgegennehmen. Applaus gab es hingegen für ÖAAB-Obmann Fritz Neugebauer und seinen Generalsekretär Werner Amon. Neugebauer bekräftigte neuerlich seine Ablehnung der geplanten neuen Hauptverbands-Struktur .

Die Demo endete, wie sie begonnen hatte: In einer wogenden Masse weißer Kittel, allerdings nicht am Stephans-, sondern am Minoritenplatz. Ein nicht minder ungewöhnliches Bild.