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Yannick Shetty: "System macht viele vom Staat abhängig"

Von Daniel Bischof

Politik
Die Justiz müsse dringend ausfinanziert werden, fordert Yannick Shetty.
© David Alscher

Nationalratsabgeordneter und Neos-Politiker Yannick Shetty über sein Alter, seine Pläne und die Bildungspolitik.


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Mit 24 Jahren ist Yannick Shetty der jüngste Abgeordnete im Nationalrat. Es ist der nächste Karrieresprung des Neos-Politikers, der in der Partei rasch aufgestiegen ist. 2013 landete der damals 18-jährige Shetty bei den Pinken und koordinierte deren Nationalratswahlkampf in Tirol. Nach seiner Matura zog Shetty, Sohn eines Inders und einer Österreicherin mit koreanischen Wurzeln, nach Wien. Er begann sein Jus-Studium und arbeitete als Bezirkspolitiker in der Josefstadt für die Neos. Zugleich machte er in der pinken Studentenorganisation Junos Karriere: Bei der ÖH-Wahl 2017 kandidierte er als Spitzenkandidat. Nun gelang ihm bei der heurigen Nationalratswahl der Einzug ins Parlament.

Das Gespräch mit Yannick Shetty ist das letzte in der Interviewreihe mit neuen Nationalratsabgeordneten. Bisher erschienen: Maximilian Köllner (SPÖ, 2. November), Bedrana Ribo (Grüne, 6. November), Andreas Minnich (ÖVP, 7. November), Rosa Ecker (FPÖ, 8. November).

"Wiener Zeitung":Herr Shetty, wenn Medien über Sie berichten, steht stets auch Ihr Alter im Fokus. Nervt Sie das schon?Yannick Shetty: Es nervt mich nicht, ich definiere mich nicht über mein Alter. Medien interessieren sich nun einmal gerne für Superlative. Für mich ist das ja auch positiv: Ich bekomme wohl mehr Berichterstattung und kann meine Anliegen an die Öffentlichkeit bringen.

Bereuen Sie es, dass Sie vor Ihrem Einzug ins Parlament nicht mehr berufliche Erfahrungen außerhalb der Politik sammeln konnten?

Ich bereue das nicht. Es ist wichtig, dass im Parlament auch junge Abgeordnete sitzen: Sie vertreten eine Generation, die seit Jahrzehnten nicht ausreichend repräsentiert wird. Sicher wäre es optimaler gewesen, wenn ich vorher mein Studium fertiggebracht hätte. Das war auch mein Plan. Aber durch das Ibiza-Video ist alles sehr schnell gegangen.

Werden Sie das Jus-Studium noch abschließen?

Das Studium mache ich auf jeden Fall fertig. Ich will nicht, so wie manche Politiker, lebenslang von der Politik abhängig sein. Mir fehlen noch vier Prüfungen, eine davon ist Verfassungsrecht: Wenn ich die nicht schaffe, habe ich ein fundamentales Problem. (lacht)

Was würden Sie im Justizbereich denn gerne verändern?

Wir müssen die Justiz dringend ausfinanzieren. Im Februar habe ich bei der Staatsanwaltschaft Wien ein Praktikum gemacht. Die Zustände und die Infrastruktur dort sind katastrophal: Sie haben zu wenig Personal, um das Mindestmaß ihrer Aufgaben zu erfüllen. Es kann nicht sein, dass wir immer mehr Polizisten und immer weniger Staatsanwälte haben.

Wollen Sie sich in Ihrer Arbeit auch auf Justizthemen spezialisieren?

Es ist mir ein Anliegen, hier etwas weiterzubringen, aber es wird nicht mein Schwerpunkt sein. Ich werde mich als Neos-Sprecher auf Integration, Jugend, Sport und LGBT, also Gleichbehandlungsthemen, fokussieren.

Gibt es bei der Gleichstellung Homosexueller noch Nachholbedarf?

Es hat nie eine Rehabilitierung Homosexueller gegeben, die nach alten Strafgesetzen verurteilt wurden. Zumindest eine symbolische Wiedergutmachung ist hier notwendig. Das will ich im Parlament rasch angehen. Auch auf einer Metaebene beschäftigt uns das Thema gesellschaftlich. Rechtlich wurde zwar etwa mit der Ehe für alle eine Gleichstellung erreicht. Es gibt aber weiter Fälle, bei denen Homosexuelle wegen ihrer Sexualität Gewalt ausgesetzt sind.

Seit Jahresbeginn können Hetero- und Homosexuelle eine Ehe schließen oder eine eingetragene Partnerschaft eingehen. Rechtliche Unterschiede gibt es kaum. In Frankreich gibt es mit dem "Pacs" hingegen eine "Ehe light". Soll Österreich dem französischen Weg folgen?

Die derzeitige Rechtslage in Österreich ist nicht zielführend. Natürlich wird der Großteil der Homosexuellen nun eine Ehe eingehen, für die man so lange gekämpft hat, und nicht eine eingetragene Partnerschaft, die einen schlechten Ruf hat. Das kann man aber reformieren. Ich finde das französische Modell attraktiv: Ein derartiges, alternatives Modell der Verantwortungsgemeinschaft würde ich gerne auch in Österreich sehen.

Eines Ihrer Kernthemen ist Bildung. Auf Ihrer Homepage bezeichnen Sie die gegenwärtige Bildungspolitik als "unsozial". Warum?

Bestimmte Personengruppen haben viel geringere Chancen als Jugendliche aus privilegierten Familien. Das betrifft vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund und aus sozial schwächeren Familien. Sie werden links liegengelassen, weil sie für das System nicht interessant sind.

Und was ist mit der Eigenverantwortung?

Aus liberaler Sicht ist wichtig: Menschen sind eigenverantwortlich und können frei entscheiden. Aber das geht nur, wenn sie vom Bildungssystem dazu ermächtigt werden. Das ist nicht der Fall: Unser Bildungssystem macht viele Menschen vom Staat abhängig.

Inwiefern?

Wenn Schüler mit 15 Jahren aus dem Pflichtschulsystem herauskommen, nicht richtig rechnen und sinnerfassend lesen können, haben sie keine Chancen am Arbeitsmarkt und sind daher vom Staat abhängig.

Was gehört hier Ihrer Meinung nach verändert?

Eine Integrationsoffensive und massive Investitionen in die Bildung sind notwendig. In keinem anderen EU-Land gibt es im Schulbereich so wenige Sozialarbeiter und Sprachlehrer. Auch wollen wir die mittlere Reife einführen: Mit 15 Jahren sollen alle Schüler Kernkompetenzen erlernt haben. Nur wenn man die erreicht, darf das Bildungssystem sagen: "Du bist bereit für die Welt da draußen."

Und wo soll diese mittlere Reife erreicht werden? In der Gesamtschule? Im Gymnasium?

Ich bin überzeugt, dass eine Gesamtschule nicht für jedes Kind der ideale Schultyp ist. Deswegen wollen wir nicht den Weg vorgeben, sondern die Ziele definieren. Die Eltern und Kinder sollen den Schultypus wählen dürfen. Die Schulen sollen autonom entscheiden, ob sie eine AHS-Unterstufe oder eine Mittelschule sein wollen. Das wird in anderen Ländern auch erfolgreich praktiziert.