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Vor 70 Jahren starb Thomas Midgley Jr., dessen vorerst als segensreich gepriesene Erfindungen - u.a. bleihaltiges Benzin und FCKW - unseren Planeten beinahe endgültig vernichtet hätten.
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Am 2. November 1944 starb Thomas Midgley Jr., Mitglied der American National Academy of Science, mehrfacher Ehrendoktor, der am meisten ausgezeichnete Chemiker seiner Zeit. Eine seiner eigenen Erfindungen war dem 51-jährigen, durch Polio Gelähmten zum Verhängnis geworden. Tragischerweise hatte er sich an den Seilen, mit denen er sich selbst aus dem Bett in den Rollstuhl zu hieven suchte, stranguliert.
Die Wissenschafts-Community trauerte um ihr berühmtes Mitglied. Die Presse widmete ihm zahlreiche Nachrufe. "Die Welt wird den bleibenden Wert seiner Forschungen stets zu schätzen wissen. Wie kein anderer hat er in wunderbarer Weise zu unserem heutigen Leben beigetragen", schrieb eine Tageszeitung. "Ohne Thomas Midgley ist unser moderner Lebensstil undenkbar", schrieb eine andere - und: "Unsere ungeahnte persönliche Mobilität, unser billiges Benzin und unsere starken Autos verdanken wir dem von ihm entwickelten Zusatz von Blei im Treibstoff. Das Wundergas von Midge, FCKW, ermöglicht die Air-Condition unserer Häuser und Büros. Dank FCKW gibt es nun preiswerte und sichere Kühlschränke, hat die Menschheit die Gefahr von Lebensmittelvergiftungen gebannt. Die Leistungen dieses einen, genialen Mannes bewirkten einen enormen Aufschwung sowohl der Fahrzeugtechnik als auch der Luftfahrt und den chemischen Industrien."
Erfinder-Familie
Der am 18. Mai 1889 geborene Thomas Midgley entstammte einer Familie höchst erfolgreicher Erfinder, den wohlhabenden Inhabern zahlreicher Patente. Man rühmte sich - zu Recht oder Unrecht -, dass ein englischer Urahn als Mitarbeiter von James Watt an der Entwicklung der Dampfmaschine beteiligt gewesen wäre.
Um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, studierte der junge Midgley Ingenieurwesen an der renommierten Cornell-University. In analytischer Chemie absolvierte der spätere Präsident der American Chemical Society nur elementare Vorlesungen, denn er konzentrierte sich auf Fächer, die ihn wirklich interessierten. Sein Plan ging auf und er wurde als einziger Student seines Jahrgangs 1911 von den Headhuntern der NCR (National Cash Register Company) in Dayton angeheuert. Er blieb nur ein Jahr bei dem Konzern, und in dieser Zeit reifte sein Entschluss, Industrieforschung zu betreiben und neue Produkte zu entwickeln.
Schließlich landete er in der Firma von Charles Kettering, dem Erfinder des - noch heute verwendeten - elektrischen Selbststarters für Autos. "Boss Kett und Midge", wie sie einander nannten, bildeten ein kongeniales Team. Beide glaubten, dass der technische Fortschritt alle sozialen Probleme der Welt zu lösen imstande sei. "Die 15 Jahre unserer Zusammenarbeit waren wie Märchen aus 1001 Nacht", meinte Midgley, während der ältere Kettering schwärmte: "Meine größte Erfindung war Tom Midgley."
Einer der Sprüche des jovialen, lustigen und trinkfesten Midge lautete: "Je mehr wir trinken, desto vifer sind wir". Erfindungen lieferte er am laufenden Band: "Zehn Ideen pro Minute, neun verrückt, die zehnte toll", berichteten Mitarbeiter. Oft blieb er beim Golfen stehen und rief: "Mir ist gerade etwas eingefallen!" Dann eilte er davon, um sich Notizen zu machen. Am Ende seiner Karriere sollte er mehr als 100 Patente besitzen.
Kurz vor seinem 27. Geburtstag erhielt die Firma Kettering Engineering von General Motors (GM) einen Auftrag, der lapidar lautete: "Stop Knocking" (Klopfen). Jeder, der vor dem Ersten Weltkrieg ein Auto lenkte, kannte das Phänomen. Es war das unheilbringende Geräusch, das durch die unkontrollierte, zu frühe Verbrennung des Kraftstoffs entstand, wenn die Zylinder auf Hochtouren liefen. Die mechanische und thermische Belastung des Motors ist durch das "Klopfen" extrem hoch, der Benzinverbrauch enorm. Auf Grund der geringen Effizienz - 95 % der Energie ging verloren - bewältigten die Autos Steigungen nur schlecht oder gar nicht.
Im Dauerbetrieb wurden Kolben, Lager, Zylinderköpfe und Zündkerzen irreparabel beschädigt. "Knock" ruinierte die Armee-Flugzeuge und stellte in den Luftschlachten des Ersten Weltkriegs ein unkalkulierbares technisches und daher auch militärisches Risiko dar.
"Antiklopfmittel"
Den "Antiknock"-Auftrag vergab GM nicht aus wissenschaftlichem Interesse. Vielmehr suchte der Autokonzern seinen Konkurrenten Ford auszustechen, dessen Modell T den amerikanischen Markt beherrschte. Man wollte einen neuen, kostengünstigen Wagen produzieren - und zwar für die Mittelklasse, nicht für Reiche. Doch das Management von GM hegte Zweifel, ob man Durchschnittsverdienern Autos mit hohem Spritverbrauch, geringer Fahrleistung und durch das "Klopfen" bedingter, hoher Anfälligkeit verkaufen könne.
Midgley ging mit Feuereifer ans Werk. Monatelang schlief er auf einer Pritsche in seinem Labor. Er arbeitete Tag und Nacht. Zuerst suchte er "Knock" genau zu definieren. Als technischer Ingenieur verstand er wenig von der chemischen Zusammensetzung der Treibstoffe. Bald jedoch wurde ihm klar: Die Lösung des Problems lag im Bereich der Chemie. Viele Monate lang studierte Midge einschlägige Fachbücher - aus dem Ingenieur wurde ein Chemiker.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nahm Midgley seine Suche nach einem "Antiklopfmittel" wieder auf. In seiner Lagerhalle stapelten sich die durch "Knock" ruinierten Zylinder von Flugzeugmotoren bis zur Decke. Im Laufe der Zeit testete er mehr als 33.000 Chemikalien auf ihre Wirksamkeit und stand dabei unter Zeitdruck, denn GM verlor allmählich die Geduld und drohte immer häufiger mit der Einstellung des erfolglosen Projekts sowie der Sperre der Geldmittel.
Midge entdeckte schließlich 1921, dass man Blei mit Kohlenstoff und Wasserstoff zu Tetraethylblei mischen kann und dieser Zusatz ein - wie er glaubte - optimales Antiklopfmittel für Benzin darstellt. Es war wie ein Wunder. Die Autos schnurrten dahin, die Motoren liefen rund und kraftvoll. Das neue Zusatzmittel kam am 1. Februar 1923 in die Tankstellen und musste händisch dem Benzin beigemengt werden. Eine breite Studie über verbleites Benzin durchzuführen, hielt man für unnötig.
Midgley genoss seinen Triumph, er wurde gefeiert und zu einem reichen Mann. Als 1924 in einer Tetraethylblei-produzierenden Fabrik zwei Arbeiter starben und sechzig schwer erkrankten, unterdrückte man die schlechte Nachricht, keine Zeitung schrieb darüber. Midgley selbst atmete verbleites Benzin ein, um alle Gerüchte zu zerstreuen. Zur Heilung seiner Bleivergiftung, die er dabei erlitt und die man der Öffentlichkeit geflissentlich verschwieg, zog er sich ein Jahr lang aus dem Berufsleben zurück. Das neue Wundermittel hieß fortan nur mehr "Ethyl" und von Midgley bestellte Experten bestätigten - bei Einhaltung gewisser Sicherheitsvorkehrungen - dessen vollkommene Unschädlichkeit. Ihr Urteil sollte über 40 Jahre lang den Vertrieb von verbleitem Benzin sichern.
Giftige Kühlmittel
1928 war der berühmte Erfinder zum Leiter der Forschungsabteilung des GM-Konzerns aufgestiegen, zu dem auch Frigidaire, der größte Produzent von Kühl- und Klimaanlagen gehörte. Dessen Geschäfte gingen schlecht, denn die verwendeten Kühlmittel waren höchst problematisch, teils hochgiftig, die Dämpfe lebensgefährlich.
Es lag daher nahe, Midgley mit der Lösung des Problems zu betrauen. Und dieser ging sogleich ans Werk. Hatte er zur Entwicklung seines "Antiknock"-Mittels Jahre gebraucht, so stellte er seine revolutionäre, zweite weltweit bejubelte Erfindung bereits nach einigen Monaten vor: das Wundergas Fluorkohlenwasserstoff (FCKW).
"Freon", wie es Midgley nannte, schien ideal zu sein. Innerhalb weniger Jahre eroberte diese Chemikalie die Welt. Sie kühlte unzählige Bürogebäude und Wohnungen, amerikanische Pullman- Waggons ebenso wie die Schächte von Goldminen in Südafrika. Der Markt für Kühlschränke entwickelte sich anfangs nur zögerlich. Als es der Propaganda jedoch gelang, die Menschen von den Vorteilen der neuen Produkte zu überzeugen, explodierte der Absatz. Der fast unerschöpfliche, dabei, wie man glaubte, ungefährliche Einsatz von FCKW nicht nur bei Kühlung, sondern auch als Treibgas - sei es in der Lebensmittelindustrie oder der Kosmetikbranche - rief Begeisterung hervor. Ein neues Zeitalter schien angebrochen zu sein - bis man 1970 einen unerklärlichen Rückgang der die Erde umhüllenden Ozonschicht registrierte. Alarmierte Wissenschafter meldeten "Ozonlöcher", die sich nicht mehr schlossen. Dadurch könnten UV-Strahlen ungefiltert eindringen, viele schwere Krankheiten auslösen und die Landwirtschaft schädigen!
FCKW als Ozonkiller
Wie man 1974 feststellte, war FCKW der Ozonkiller. Sollte es weiter ungebremst in die Atmosphäre gelangen, würde es in der Folge alles Leben auf unserer Erde zerstören. Der amerikanische Bundesstaat Oregon wurde mit dem Verbot von Treibgas in Spraydosen am 1. Mai 1977 zum Vorreiter. Im "Montrealer Protokoll" von 1987 einigte man sich auf ein weltweites Verbot von FCKW.
Die Menschheit war einer Katastrophe entgangen, von der Robert Midgley nichts ahnen konnte, als er im Jahre 1944 hochgeehrt verstarb. Die schädlichen Effekte seines bleihaltigen Benzins waren ihm jedoch von Anfang an bewusst gewesen. Möglicherweise unterschätzte er sie. Sicher ist jedoch, dass er sein Möglichstes tat, um "Ethyl" auf dem Markt zu halten, und von seiner Erfindung in ungeheurem Ausmaß profitierte.
Tatsächlich dauerte es Jahrzehnte, bis sich die warnenden Stimmen durchsetzten. Noch 1972 waren die amerikanischen Umweltschutzbehörden an dem Versuch, bleihaltiges Benzin zu verbieten, gescheitert. Erst als sich die Bleikonzentration in der Luft immer mehr erhöhte und Mediziner eindringlich auf die Gefahren für die Menschheit hinwiesen, setzte ein Umdenken ein. Am 1. Jänner 2000 kam es zu einem Verbot in der EU.
Die Nachwirkungen der einst als so segensreich gepriesenen Erfindungen von Thomas Midgley Jr. werden jedenfalls noch Generationen beschäftigen. Der Historiker John McNeill bemerkte, dass Midgley "mehr Auswirkung auf die Atmosphäre hatte als jeder andere Organismus in der Erdgeschichte".
Anna Sigmund ist Historikerin und Autorin zahlreicher historischer Bücher, darunter "Die Frauen der Nazis", Bände I bis III, und "Sexualität im Dritten Reich" (2008).

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