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Zäune versus Menschlichkeit

Von Bernadette Grohmann-Németh

Gastkommentare

Die Flüchtlingspolitik in Ungarn und ein Blick zurück auf das Jahr 1956.


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Tausende Flüchtlinge versuchen derzeit, per Bahn aus Ungarn herauszukommen. Ungarns Regierungschef kündigte an, Flüchtende mit Gefängnis zu bestrafen und mit der Armee gegen sie vorzugehen. Dies verstößt nicht nur gegen EU-und Völkerrecht, sondern auch gegen jede Menschlichkeit.

Der Rechtsruck in unserem Nachbarland entsetzt vor allem jene, die sich erinnern, dass vor 59 Jahren, als das Sowjetregime den Ungarn-Aufstand niederwalzte, 180.000 Ungarn nach Österreich flüchteten.

Mein Vater war einer von ihnen. Als 17-Jähriger verließ er 1956 sein Zuhause, um in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den Eisernen Vorhang zu überqueren - ein Unterfangen, das Viele das Leben kostete. Er hatte Glück und gelangte ins Flüchtlingslager Traiskirchen, in dem es damals trotz viel mehr Flüchtlinge immerhin Strohsäcke zum Schlafen gab statt Pappkartons.

War er ein politischer oder "nur" ein Wirtschaftsflüchtling? Für mich überschneiden sich die Kategorien wie Symptome in der Medizin. Flüchtet nur der berechtigt, der der Front gegenüberstand? Oder genügt es, wenn im Nachbardorf die Panzer rasseln und die Köpfe zwar nicht auf offener Straße, aber später im Gefängnis rollen? Wie viele weigerte sich auch mein Vater, sein Leben in einem Terrorregime fortzusetzen und nahm eine potenziell tödliche Flucht in Kauf. Dafür bewundere ich ihn. Ich sah es nie als Selbstverständlichkeit, im schönen Österreich geboren zu sein - sondern als glücklichen Zufall. Ich bin nicht lederhosenstolz auf meine Berge, sondern sehe mich als staunenden Gast, so wie wir alle letztlich Gast sind in unserem Leben.

Die Wiederbegegnung meines Vaters mit seinem Land in den 1960ern war nicht besonders gastfreundlich. Aufgrund seiner Kontakte zum Vatikan sollte er, der inzwischen Theologie studiert hatte und in Rom Priester geworden war, als lukrativer Spion für die Sowjetregierung arbeiten. Er weigerte sich beharrlich, obwohl ihm die Staatspolizei als Alternative einen tödlichen Unfall in Aussicht stellte. Ein drittes Mal weigerte er sich kurz danach, bereits wieder in Österreich: diesmal der katholischen Kirche gegenüber, die ihm anbot, ihn in eine Landpfarrei zu verbannen, wo er Frau und Kinder geheimhalten könne, nachdem er sich in meine Mutter verliebt hatte; eine übliche Praxis. Dass er auch dieser Heuchelei den Rücken kehrte und stattdessen Bibliothekar wurde, passt für mich in das Bild, das mir von ihm geblieben ist.

Es fällt mir schwer, in Ungarn Puszta-Romantik zu sehen, zumal mein Vater ein Leben lang unter den psychischen und physischen Folgen seiner Flucht litt. Klar ist: Es gibt dort wie hier unzählige hilfsbereite Menschen. Aber auch Abschottungspolitik, Zäune und den Glauben an einen "starken Mann", der die Probleme mit Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit lösen will.

Doch keine Zäune der Welt halten Verzweifelte von der Flucht ab. Ohne legale Einreise wird es das Symptom Schlepper immer geben, denn wer nichts zu verlieren hat, den schreckt nur wenig. Österreichs Politik scheint dies langsam zu begreifen, jetzt, wo Blut aus Lkw tropft. Die ungarische Regierung offenbar nicht. Meine Familie schämt sich dafür. Und ich bin froh, dass mein verstorbener Vater diese Schlagzeilen nicht mehr mitbekommt.