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Zaungäste des großen Fußballfests

Von Thomas Haunschmid / WZ Online

Politik
Eine Karte für das WM-Spiel wäre unerschwinglich, aber der Fußball macht Spaß.
© kalcsics/ nameit

Der französischen Nationalmannschaft hat die Lagune von Knysna kein Glück gebracht. Die Equipe Tricolore hat sich zwar den wohl schönsten Ort der weltbekannten Gardenroute im Süden des Landes als WM-Quartier ausgesucht - der erhoffte Erfolg bleibt aber aus.


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Da half es auch nichts, dass die lokale Tourismusbehörde alles daran setzte, den Franzosen ihren Aufenthalt so angenehm, sprich so französisch wie möglich zu gestalten - inclusive Austern-Fest.

Getreu dem Wunsch des französischen Konsuls Antoine Michon, der "Knysna am liebsten in ein französisches Dorf verwandeln würde", wurden die Bewohner in Französisch-Kurse und in "Schulungen zu einer vorbildlichen Dienstleistungsqualität", wie es ein Tourismus-Vertreter ausdrückt, geschickt.

Einen Einblick in das Leben abseits der "frankophonisierten WM-Metropole", also in den Alltag hinter der glitzernden Fassade Knysnas, versprechen wir uns von einer Township-Tour. Sie soll uns dorthin führen, wo die von den "WM-Maßnahmen" betroffenen Arbeits-MigrantInnen aus Südafrikas Armenhaus Eastern Cape und auch zahlreiche Flüchtlinge aus ganz Afrika wohnen.

Gemeinsam mit unserem Township Guide, der Xhosa Cynthia Gobeini, verlassen wir die geschäftige Hauptstraße von Knysna mit ihren schicken Boutiquen, Souvenirständen, Cafés und klimatisierten Shopping Malls und fahren den Hügel hinter der Stadt hinauf. Die Häuser werden kleiner und bescheidener.

Wohnen im Shack

Die Mischung aus schwarz, weiß und farbig funktioniere hier im Township Honley sehr gut, betont Cynthia. Heute sei es, anders als zu Apartheid-Zeiten, keine Frage der Haut-Farbe, ob man hier willkommen ist, sondern eine Frage des Geldes. Leute, die wenig oder gar kein Geld haben, wie die Flüchtlinge aus Simbabwe, Ruanda und anderen Krisenherden Afrikas, wohnen meist in einem Shack, einer Blech oder Holzhütte, die im Garten eines gemauerten Hauses steht. Man zahlt dem Vermieter 200 Rand, das sind umgerechnet 20 Euro, und 50 Rand zusätzlich für Strom.

Nicht alle Flüchtlinge seien gleich willkommen, erklärt Cynthia, als wir ein paar von Somalis betriebene kleine Geschäfte passieren. Die Somalis mag man hier, Migranten aus Malawi und Simbabwe weniger. Die Leute denken, dass die ihnen die Jobs weg nehmen. "Ich aber würde eher sagen, dass die uns nicht die Jobs wegnehmen, sondern einfach für weniger Geld arbeiten", betont Cynthia. "Wir Südafrikaner sind stolz und uns kann man ja von hier nicht vertreiben. Wir sagen also: Ich habe Familie und kann mit 20 Rand am Tag nicht leben." Simbabwer und Malawis hingegen arbeiten sehr wohl für diesen Hungerlohn.

Wie viele Flüchtlinge in ganz Südafrika leben, lässt sich nicht genau sagen. Zwischen eineinhalb und höchstens zwei Millionen, schätzt Tara Polzer, Soziologin und Senior Researcher am Forced Migrations Program an der University of the Witwatersrand in Johannesburg. Die gebürtige Deutsche beschäftigt sich seit mehr als 8 Jahren mit der Frage, wie Südafrika mit simbabwischen Flüchtlingen umgeht und wie sich die Migration auf die regionale Politik auswirkt. Seit 2009 dürfen Simbabwer ohne Dokumente zwar nicht mehr abgeschoben werden, aber auch keiner bezahlten Tätigkeit nachgehen. Dabei läge es durchaus im Interesse Südafrikas, die Simbabwer arbeiten zu lassen. Denn die Geldüberweisungen dieser (illegalen) ArbeitnehmerInnen in ihre Krisen geschüttelte Heimat machen das Überleben vieler Menschen dort erst möglich, ist Tara Polzer überzeugt. Damit beuge man außerdem einem weiteren Flüchtlingsstrom vor.

Die Flüchtlingskarte wird nicht gespielt

Ganz im Gegensatz zu manchen österreichischen Fraktionen hat bis jetzt keine politische Partei in Südafrika die Ausländerkarte gezogen, obwohl es sehr einfach wäre, damit zu punkten. Denn die südafrikanische Gesellschaft ist nicht frei von xenophober Tradition und Emotion. Das heiße aber nicht, so die Soziologin Polzer, dass dieses Gefühl sich immer gewaltsam entladen muss. Und wenn, dann passiere es meist bei Protesten für besseres Service Delivery, also bei Demonstrationen für mehr Jobs, für neue Häuser, für Wasser und Strom. Es reiche schon, wenn einer der Rädelsführer zur Plünderung der Geschäfte von Flüchtlingen aufrufe. "Dann kippt die Stimmung leicht und alle machen mit bei der Hatz!"

Nigerianer mag man nicht

Nach einigen Serpentinen den Hügel hinauf und wieder hinunter erreichen wir das Township Khayalethu South. Hier wohnen viele Nigerianer. Keiner mag sie, betont Cynthia Gobeini. "Sie machen unsere Kinder von starken, synthetischen Drogen wie Tik oder Crystal Meth abhängig. Dann drohen sie, uns zu töten, falls wir sie bei der Polizei anzeigen." Daher traue sich kaum jemand gegen sie vorzugehen.

In Khayalethu South befindet sich auch das Synethemba Youth Center, eine Initiative, die sich um Straßenkinder kümmert. Synethemba bedeutet auf Xhosa "Wir haben Hoffnung", erklärt der Leiter des Jugendzentrums, Irvin Campher. Eines der Hauptziele sei es, die Jugendlichen wieder zurück in die Schule zu bringen. Von insgesamt 30 betreuten Kindern haben elf den Weg zurück in die Schule gefunden. Der Rest wird tagsüber unter anderen von mehreren freiwilligen Helfern aus Deutschland und England betreut. Es gibt Schreib- und Rechenkurse, Kunstworkshops, Sportprogramme und Kochkurse.

Im 'Unterstütze eine Kind-Programm' versucht man Gewerbetreibende aus der Gegend als Paten zu gewinnen, die das Synethemba Youth Center dann mit 150 Rand monatlich unterstützen. Zurzeit seien die Jugendlichen weniger am Job-Schnupperprogramm, wo sie die Arbeitswelt kennen lernen dürfen und sollen, interessiert, gibt Irvin Campher zu. Schon seit Wochen probieren die Fußball-Begeisterten Township-boys and - girls die richtigen Schritte für den Diski Dance . "Ursprünglich wurde der Tanz 2009 von South African Tourism konzipiert, um Besuchern die Idee und den Geist des südafrikanischen Fußballs und natürlich die Leidenschaft unseres Landes näher zu bringen. Inzwischen ist der Diski-Dance mit den unseren Fußballstil imitierenden Bewegungen genau so typisch für Südafrika geworden wie Braai, das ist unser Barbecue, oder die inzwischen weltberühmte Vuvuzela."

Gefährliches Heizen

Die letzte Station unseres Township-Trips ist Gunguria. Die Staubstraße zu Cynthia Gobeinis Haus ist vom Regen inzwischen vollkommen verschlammt. Seit 8 Jahren wohnt sie nun schon mit Mann und vier Kindern in ihrem ziemlich heruntergekommenen Holzhaus. Zwei Schlafzimmer, Bad mit Waschmaschine und kaputtem Trockner, karge Küche mit Herd, Wohnzimmer mit Fernseher und DVD-Player. Der Boden ist feucht und schlammig braun, ein Ferkel schlüpft durch die Haustüre. Übler Geruch macht sich bemerkbar.

Regendurchweichter Rattenkot, sagt Cynthia. "Das lecke Dach ist unser größtes Problem, klagt sie, überall sind Löcher, die wir mit Plastik zu stopfen versuchen. Im Winter ist es dann sehr kalt. Wir nehmen große Fässer und brennen Holzstücke darin ab, um die Zimmer zu wärmen. Das ist nicht ungefährlich. Wenn du sie vor dem Schlafengehen vergisst und die Decke darauf fällt, brennt dir dein ganzes Haus ab."

Cynthia Gobeini ist auf der Warteliste für ein von der Regierung gesponsertes, modernes, gemauertes Haus. Ihre jetzige Situation sei immerhin besser als die ihrer Mutter, sagt sie, denn die wohne immer noch unter einem Plastikdach. Neid auf die wohlhabenden Leute, die im Zentrum von Knysna in schönen Häusern wohnen, kenne sie nicht. "Denn die haben schließlich dafür gearbeitet, damit sie dort hinkommen, wo sie jetzt sind. Und das habe ich auch vor."