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War die Zeit des Schreibens gut genützt? Fragen, Antworten und Gedanken einer langjährigen Rezensentin und Glossistin.
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Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts tippte ich meine ersten Beiträge für das "Extra" der "Wiener Zeitung", steckte die fertigen Seiten in ein Kuvert, beklebte das Kuvert mit einer Briefmarke und trug es zum Briefkasten. Es waren Zeiten harter Anschläge: Wir arbeiteten noch mit Schreibmaschinen. Bei meiner eigenen, immerhin bereits elektrischen, klemmte ständig das "D". Man glaubt gar nicht, wie oft man beim Schreiben ein "D" oder "d" braucht, es war ein Dilemma. Aber dann kam der Computer, ich bekam einen Internetzugang und ging nicht mehr zum Briefkasten oder zur Post, um einen Artikel aufzugeben. Die harten Anschläge verklangen, es wurden jetzt Zeichen erbeten - 3.000, 5.000, 10.000 Zeichen.
Einmal stürzte mein Computer ab, da klemmte nicht nur ein Buchstabe, da löste sich das ganze Alphabet in nichts auf. Schwarzer Bildschirm, schwarzer Kopf. Ich kramte meine zum Glück noch nicht entsorgte Schreibmaschine hervor - die "Wiener Zeitung" wartete auf Glosse und Rezension - und ich stellte fest, dass ich das Schreiben verlernt hatte, weil schreiben und denken nicht mehr eins waren. Leider wurde ich in Zeichen bezahlt und nicht in Stunden, sonst hätte ich ordentlich Reibach gemacht.
So viele Stunden
Aber in zeitlichem Aufwand ist journalistische und literarische Schreibarbeit ohnedies nicht zu messen. Bei einer Schullesung antwortete ich vor vielen Jahren auf die Frage einer Schülerin, wie viel Zeit ich mit Schreiben verbringe: "Meist mehrere Stunden pro Tag." Worauf sie ehrlich entsetzt ausrief: "So viel?! Was man in dieser Zeit Tolles machen könnte!" Das gab mir zu denken und das war fortan mein Maß, ergänzend zu Inhalt und Stilistik, zu Figurenzeichnung und Dramaturgie, wenn ich selber Texte schrieb oder in Rezensionen für die "Wiener Zeitung" Bücher-Neuerscheinungen kritisch begutachtete: Wäre die Zeit nicht anderweitig nützlicher verwendet gewesen? Für den Autor, die Autorin, für mich als Lesende?
Bewerten hat ja immer auch mit Werten zu tun. Bei den vielen Büchern, die ich für das "Extra" rezensieren durfte, schien mir die Zeit mit wenigen Ausnahmen bestens genützt im Sinne interessanter neuer Einblicke, guter Unterhaltung, kognitiver Fähigkeiten und nicht zuletzt im Sinne der Freiheit des Wortes. Denn es sind nicht nur Zeichenzahlen oder zwei Buchdeckel, die Texte beschränken, ganz allgemein mehren sich die Anzeichen politisch gewollter Beschränkungen auch und vor allem bei der schreibenden Zunft: Laut einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen haben in den letzten fünf Jahren etwa 85 Prozent der Weltbevölkerung einen Rückgang der Pressefreiheit in ihrem Land erfahren. Durch Verbote, Restriktion, staatliche Gleichschaltung oder durch die Einstellung wichtiger Qualitätszeitungen.

In Zeiten höchster Emotionalisierung mit wenig Sinn und Raum für sachlich geführte, differenzierte Diskussionen fühlt man auch beim Schreiben für die Öffentlichkeit mehr Gegenwind und muss aufpassen, dass man sich nicht in vorsichtige Selbstbeschränkung hineinschreibt. Deshalb stimmte es mich immer zuversichtlich, wenn die frisch gedruckten Bücher der Autoren und Autorinnen auf meinem Schreibtisch lagen. So viele Menschen, die wichtige und unterhaltsame Geschichten erzählen, die schreibend Haltung zeigen und sich kluge Gedanken machen über unsere Zeit, egal ob im literarisch kleinen oder weltumspannenden Setting - und die das auch souverän formulieren können.
Man muss nicht ihrer Meinung sein, denn auch die klügsten und brillantesten Schriftsteller und Schriftstellerinnen sind nicht vor Irrtümern oder literarischen Debakeln gefeit, aber darauf kommt es nicht an. Es geht darum, das Wort zu ergreifen und dem Wort Gewicht zu geben, indem man sich der Bedeutung und der Schönheit, aber auch der manipulativen Fähigkeiten und dunklen Seiten der Sprache bewusst ist.
Zur Not mit Bleistift
Und so stelle ich mir vor, wie gerade jetzt, während in der Redaktion der "Wiener Zeitung" die Schreibtische geräumt werden, Schreibende in Österreich und in anderen Ländern engagierte und wichtige Zeichen setzen. In Zeiten der Schreibmaschinen hätte man versinnbildlicht ihre Anschläge hören können, jetzt hört man ein emsiges Summen und Brummen: Wir haben noch genügend Strom und falls er uns einmal ausgehen sollte, haben wir Bleistift und Papier in der Schublade!
Was man in dieser Zeit Tolles machen könnte? Die Journalisten und Journalistinnen der "Wiener Zeitung", die Redakteurinnen und Redakteure, haben etwas Tolles gemacht, indem sie ihre Zeit fürs Schreiben und Berichterstatten, fürs Recherchieren und Analysieren nützten, etwas, dessen Wert nicht hoch genug geschätzt werden kann, vor allem in Zeiten wie diesen mit ihren hohen demokratiepolitischen Herausforderungen: eine gute, eine sehr gute Zeitung!
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming, Tirol. Sie schreibt seit dem Jahr 1992 für das "extra".
Gedruckt erscheint dieser Artikel in der letzten Print-Ausgabe des "extra" am 30. Juni.

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