Zum Hauptinhalt springen

Zeigen, wie es wirklich ist

Von Mathias Ziegler

Politik
"Herr Müller und die Dönermonarchie" - eine Annäherung der Kulturen.
© Georg Thum

Der Wahl-Münchner Ludwig Müller hat eine Affinität zur türkischen Sprache.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Nein, er will nicht als Gutmensch eingeordnet werden, sagt Ludwig Müller, der sich als Kabarettist dagegen wehrt, schubladisiert zu werden. "Gerade beim Kabarett ist es eine sehr schwierige Gratwanderung, wenn man Ausländerwitze macht - selbst Christoph Grissemann und Dirk Stermann, die sonst eher auf ‚political correctness‘ pfeifen, halten sich beim Thema Migration zurück", meint er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" im Vorfeld seines neuen Programms mit dem provokanten Titel "Herr Müller und die Dönermonarchie" - ein tiefgründiges Wortspiel, in dem neben dem Döner eben auch die frühere Donaumonarchie steckt, Sinnbild eines durchaus funktionierenden Vielvölkerstaates, wie Müller findet.

Ein weiterer Vielvölkerstaat, den der Kabarettist als Vorbild bei der Integration sieht, ist auch die Schweiz. Und auch Deutschland, meint Müller, der seit sieben Jahren den größten Teil seiner Zeit in München verbringt, sei Österreich zumindest bei der Auseinandersetzung mit Integration "um ein Jahrzehnt voraus, da ist die Diskussion viel lebendiger". Er fügt allerdings hinzu, dass das Zusammenleben von In- und Ausländern in Österreich mit weniger Reibungen funktioniere. "In Wien wurde eine Ghettoisierung verhindert, die Öffnung der Gemeindebauten durch die Stadtregierung war sicher gut. Gleichzeitig lautet aber auch das Motto: Nur net anstreifen, nur kane Wellen - ob das jetzt so positiv ist, wage ich zu bezweifeln."

Er selbst hat hingegen schon ordentlich angestreift, vor allem an den Türken, und zwar im positiven Sinn. Schließlich hat Müller in der ORF-Produktion "Mein Almanca" ("Almanca" ist das türkische Wort für "Deutsch") mitgespielt, einer Mischung aus Sitcom und Sprachkurs. Spätestens seit dieser Erfahrung hat er überhaupt keine Berührungsängste mehr und im Gegenteil eine richtige Affinität zur türkischen Sprache entwickelt. "Ich versuche sie auch jetzt selbst zu lernen", sagt er, "und wenn ich auf dem Yppenplatz, wo ich meine Wiener Wohnung habe, einkaufen gehe, spreche ich die Türken auch schon mit türkischen Worten an, lasse mir erklären, wie man was ausspricht - die freuen sich richtig, wenn man ihnen sprachlich entgegenzukommen versucht."

Beeindruckende Lebensläufe

Freilich bleibt es meist noch beim Versuch, denn "Türkisch ist echt eine schwierige Sprache". Seit er sie lernt, versteht Müller umso besser, wie schwer sich umgekehrt Türken beim Deutschlernen tun müssen. Umso größer ist seine Bewunderung für türkische Mitmenschen, die es bei uns zu etwas bringen - obwohl der Kabarettist, der sich eigentlich nicht in die Politik einmischen will, kritisiert, dass im Staatsdienst Migranten immer noch stark unterrepräsentiert sind: "Bei der österreichischen Polizei zum Beispiel sind Türken oder Ex-Jugoslawen noch rar, im Gegensatz zu Deutschland. Und warum sitzen im Integrationsstaatssekretariat fast nur Österreicher?"

Was die Türken betrifft, die Müller konkret bei den Dreharbeiten zu "Mein Almanca" kennengelernt hat, hat ihn vor allem die Hauptdarstellerin Zeynep Buyrac fasziniert: "Die hat in Ankara eine deutsche Schule besucht und spricht fließendes Wienerisch, als käme sie aus Döbling." Und in eben diesem Wienerisch hat sie sich darüber beschwert, dass es in Österreich immer heiße: "Ihr Türken . . .", obwohl man ja nicht alle über einen Kamm scheren dürfe. Das nimmt auch breiten Raum in Müllers neuem Programm ein: "Ich will nicht belehren, sondern einfach auf witzige Art und Weise zeigen, wie es wirklich ist. Zum Beispiel führe ich ein fiktives Streitgespräch mit einem Türken, in dem genau diese pauschalen Vorwürfe auch ein Thema sind, wobei die Inhalte aus realen Gesprächen stammen."

Und Vorurteile gibt es viele, auf beiden Seiten. In diesem Zusammenhang zitiert Müller gerne den Bürgermeister von Bad Vöslau, der seine Bürger einmal aufgefordert habe, anonym Vorurteile gegen die jeweils anderen Bevölkerungsgruppen einzusenden. "Da kam dann raus, dass die Österreicher zum Beispiel den Türken vorwarfen: ‚Ihr werft euren Müll auf die Straße und schert euch um nichts.‘ Und die Türken hielten den Österreichern vor: ‚Ihr behandelt eure Hunde besser als eure Kinder.‘ Vor allem hat mich ein Zitat des Bürgermeisters beeindruckt: Er meinte, wir sollten die Diskussion darüber beenden, ob Leute dazugehören oder nicht, weil die, die schon da sind, eben da sind."

Yppenplatz als Volltreffer

Diesem Umstand sollte endlich auch in der Bildungspolitik Rechnung getragen werden, findet Müller: "Der typische Österreicher lernt in der Schule Englisch, Französisch, Italienisch und vielleicht noch Russisch - aber selten Türkisch, Serbisch oder Tschechisch." Umso wichtiger findet er es, mit fremden Kulturen auf Tuchfühlung zu gehen. So wie er selbst auf dem Yppenplatz, "auch wenn mich viele Freunde davon abhalten wollten, dorthin zu ziehen". Aber für seine Recherchen sei es ein Volltreffer gewesen, erklärt Müller: "Eh ich mich’s versah, war ich mittendrin in der türkischen Community und lernte dort auch die aufgeklärte Seite der Migration kennen."