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Zeiten negativer Bond-Renditen bald vorbei

Von Karl Leban

Wirtschaft

Die Anleihemärkte spiegeln die Inflation und die nahende Zinswende bereits deutlich wider.


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Viele Jahre standen die Anleihemärkte geradezu kopf. Grund dafür war der expansive geldpolitische Kurs der Notenbanken, der wegen der Viruskrise mit zusätzlich ausgeweiteten Programmen für Bondkäufe noch verschärft wurde. Dieser Kurs sorgte in Europa und den USA für ein noch nie da gewesenes Zinstief und bei Anleihen besonders kreditwürdiger Staaten wie etwa Deutschland oder Österreich vielfach sogar für negative Renditen. In diesem Fall waren Investoren bereit, dem Emittenten eine Art Gebühr dafür zu zahlen, dass sie ihm Geld leihen.

Gegen Jahresende 2020 - am Höhepunkt der Entwicklung - belief sich das weltweite Volumen von Anleihen mit negativer Rendite schätzungsweise auf circa 17,5 Billionen US-Dollar, umgerechnet rund 15.400 Milliarden Euro. Doch nun neigen sich diese Zeiten allmählich dem zu Ende zu. Immer deutlicher spiegeln die Anleihemärkte die erhöhte Inflation und die in den USA, aber wohl auch in Europa bald zu erwartende Zinswende wider. Mit den Renditen der Bonds geht es nun nach oben.

"Bei den langen Laufzeiten - zehn Jahre - haben wir in der Eurozone die negativen Renditen bereits hinter uns gelassen", sagt Felix Düregger, leitender Asset-Manager der Bank-Austria-Tochter Schoellerbank. Mit Blick auf die kommenden Zinserhöhungen in den USA (ab März) und der Eurozone (wohl gegen Jahresende) "dürften auch bei den kurz laufenden Euro-Staatsanleihen negative Renditen in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören", so Düregger.

Zinswende wird eingepreist

Zuletzt wurden zehnjährige deutsche Bundesanleihen mit einer positiven Rendite von 0,3 Prozent und ihre US- Pendants bereits über der Marke von 2 Prozent gehandelt. Zum Vergleich: Ihre Tiefststände hatten die Renditen dieser Bonds im dritten Quartal 2020 mit minus 0,85 Prozent beziehungsweise plus 0,5 Prozent. "Die Auswirkungen der bevorstehenden Zinswende sind damit deutlich sichtbar", so Düregger. Bei zehnjährigen österreichischen Bundesanleihen ist die Rendite ebenfalls gestiegen - binnen 13 Monaten von minus 0,5 auf plus 0,6 Prozent.

Die rasant steigenden Verbraucherpreise machen sich an den Finanzmärkten demnach immer stärker bemerkbar. Mit 7,5 Prozent im Jänner waren die jüngsten US-Inflationszahlen jedenfalls nach wie vor hoch, wobei die Preissteigerungen nicht nur einzelne Segmente betrafen, sondern den breiten Markt.

Indes hat die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihrer letzten Zinssitzung wegen des auch im Euroraum nicht nachlassenden Inflationsdrucks vermehrt Signale in Richtung einer Straffung ihrer Geldpolitik ausgesendet. Bis Ende des Jahres wird mit einer Inflationsrate von 4,4 Prozent gerechnet. Für September ist eine Beendigung der Anleihenkäufe durch die EZB zu erwarten. Ende 2022 und Anfang 2023 könnten dann Zinserhöhungen um je 0,25 Prozentpunkte erfolgen, wie in Expertenkreisen vielerorts zu hören ist.

"Vor diesem Hintergrund wird es zu weiteren Rendite-Anstiegen bei Staatsanleihen kommen", sagt Düregger. Ein "großer Unsicherheitsfaktor" bestehe jedoch in der geopolitischen Lage rund um den Ukraine-Konflikt. "Sollte es da zu einer Eskalation kommen, könnten selbst bei zehnjährigen deutschen Staatsanleihen (sie gelten als Benchmark, Anm.) wieder negative Renditen verzeichnet werden."

Renditen "weiter auf Bergfahrt"

Auch der Chefanalyst der Raiffeisen Bank International (RBI), Peter Brezinschek, sieht den "Rendite-Zug weiter auf Bergfahrt" - aber mit Schwankungen. Dies deshalb, weil die Aktienmärkte schwächeln könnten und verzinsliche Wertpapiere wie Anleihen dann eine "Parkmöglichkeit" für Investorengelder wären, um weniger Risiko ausgesetzt zu sein, wie Brezinschek erklärt. Die Kurse der Anleihen würden dann steigen und die Renditen wieder fallen.

Vor allem für europäische Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten geht Fritz Mostböck, Chefanalyst der Erste Group, von einem "leichten Aufwärtstrend" der Renditen aus. Bei zehnjährigen deutschen Bundesanleihen etwa rechnet er mit Sicht auf zwölf Monate mit einem Anstieg um 0,4 Prozentpunkte. Indes sieht Mostböck bei Papieren mit kurzen Laufzeiten vorerst nur eine "Seitwärtsbewegung", nachhaltige Rendite-Anstiege erwartet er "erst im nächsten Jahr".

Zinslast für Staaten steigt

Für die Staaten bedeuten die tendenziell steigenden Renditen, "dass die ,extrem günstigen‘ Refinanzierungsbedingungen der vergangenen Jahre vorbei sind", sagt Düregger. "Staaten, die eine besonders hohe Verschuldung aufweisen, müssen mit steigenden Risikoaufschlägen rechnen." Derzeit seien für die Eurostaaten jedoch "keine Komplikationen" in Sicht, betont Düregger. "Die meisten Refinanzierungen wurden langfristig abgeschlossen, und die aktuell höheren Refinanzierungssätze werden die Kosten der Schulden nur langsam steigen lassen", hält der Finanzmarktexperte zur Begründung fest.

"Bis dato sind die Staatsverschuldungen an den Märkten kein Thema, weil Covid - Stichwort: Koste es, was es wolle - im Vordergrund steht", sagt denn auch Mostböck. Faktum sei, dass die Verschuldung wesentlicher Staaten seit der Weltfinanzkrise 2008 - auch vor der Pandemie - nicht abgebaut werden konnte. "Sollten die Zinsen aber steigen, auch im Euroraum, werden sich Länder wie etwa Italien, Frankreich, Spanien oder Portugal naturgemäß etwas schwerer tun", so Mostböck. Mit einer anhaltend hohen Inflation könnten sie ihre Schulden zwar teilweise "weginflationieren", alles in allem bleibe die Verschuldungssituation aber global gesehen - auch hinsichtlich großer westlicher Industrienationen wie die USA und Großbritannien - "eigentlich ungelöst".

In diesem Zusammenhang fällt das Fazit von Mostböcks Analysten-Kollegen Brezinschek eindeutig aus: "Der Druck auf die Regierungen, mehr auf Budgetdisziplin zu achten, steigt."

Jüngste Aussagen der Österreichischen Bundesfinanzierungsagentur (OeBFA) bestätigen, dass sich die Konditionen bei der Neuaufnahme frischen Geldes schon etwas verschlechtert haben. "Wir haben seit Jahresstart doch einen deutlichen Aufwärtstrend bei den Zinsen gesehen", sagte Markus Stix, Chef der OeBFA, die im Namen der Republik Anleihen emittiert und deren Schulden managt.

Im vergangenen Jahr konnte die Bundesfinanzierungsagentur noch alle ihre Bond-Emissionen mit einer negativen Rendite begeben. Gleichzeitig war der Zinsaufwand für die Staatsschulden mit 0,87 Prozent des Bruttoinlandsprodukts so gering wie noch nie (in absoluten Zahlen waren es 3,5 Milliarden Euro). Aufgrund der negativen Renditen bei einigen seiner Anleihen profitierte der österreichische Staat zuletzt von Einnahmen aus seinen Emissionen.

Für Deutschland, das an den Anleihemärkten wegen seiner hohen Bonität einen besonders guten Ruf genießt, war das Schuldenmachen im Vorjahr infolge der negativen Renditen sogar ein Milliardengeschäft. Unter dem Strich zahlten Investoren dem wirtschaftlich potentesten Land Europas insgesamt rund sechs Milliarden Euro dafür, dass sie ihm Geld borgen durften.

Noch keine Alternative zu Aktien

Doch was bedeuten die nun steigenden Renditen für Anleger? Kann mit Staatsanleihen kurz- bis mittelfristig wieder Geld verdient werden?

Erste-Chefanalyst Mostböck winkt ab: "Für Anleger bleiben die Rendite-Chancen bei Staatsanleihen aus meiner Sicht vorerst gering, da unter Berücksichtigung der Inflation die realen Renditen überschaubar bleiben." Ähnlich argumentiert auch Brezinschek. Zum jetzigen Zeitpunkt sieht der Raiffeisen-Experte bei Anleihen erst ein Drittel des Rendite-Anstiegs erreicht, der notwendig wäre, um die erhöhte Inflation abgedeckt zu bekommen. "Zwei bis drei Jahre wird es wohl dauern, bis man bei zehnjährigen Staatsanleihen reale Renditen erzielen und damit wieder Geld verdienen kann", meint Brezinschek. "Es wird auch noch mehr als zwei Jahre dauern, bis Anleihen eine ernsthafte Konkurrenz für Aktien darstellen, weil die Dividendenrenditen bei Aktien derzeit noch deutlich über den Renditen gut gerateter Unternehmensanleihen und Staatsanleihen liegen."

Inflationsgeschützte Bonds

"Mit Blick auf die Bond-Renditen war das abgelaufene Jahr eher volatil, für viele Anleger war mit Staatsanleihen wegen der fallenden Kurse nichts zu verdienen", resümiert Fondsmanager Düregger. Von einem ähnlichen Szenario sei grundsätzlich auch für das heurige Jahr auszugehen, zumal sich die Debatte rund um die erhöhte Inflation bei den Zentralbanken wohl fortsetzen werde.

Unabhängig davon macht Düregger aber auf Folgendes aufmerksam: "In der Vermögensverwaltung der Schoellerbank konnten wir im vergangenen Jahr durch eine hohe Gewichtung inflationsgeschützter Staatsanleihen zeigen, dass auch bei steigenden Renditen mit Staatsanleihen Geld verdient werden kann." Neben inflationsgeschützten Staatsanleihen bescheinigt Düregger mittelfristig auch Staatsanleihen aus Emerging Markets in lokaler Währung Potenzial. "Viele dieser Länder haben bereits 2021 Zinsschritte gesetzt und sind den entwickelten Ländern damit im Zyklus einen Schritt voraus", gibt der Asset-Manager zu bedenken. "Auch auf der Währungsseite sehen wir für die Schwellenländer noch Aufholpotenzial."

Indes empfiehlt Düregger, sichere Staatsanleihen auch dann "als Diversifikationsinstrument zu Aktien" im Portfolio zu halten, wenn die Renditen niedrig sind. "Das macht immer Sinn. Nicht zuletzt dienen sichere Staatsanleihen als stabiler Anker, der selbst bei aufziehenden Gewittern für Stabilität im Depot sorgt."