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Zeitenwende, ein Jahr später

Von Thomas Seifert

Leitartikel

Die Schande des Angriffs macht Russland zum Paria-Staat.


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Der 24. Februar 2022 teilt für 44 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer die Zeit in ein Davor und ein Danach. Auf den Instagram-Seiten von jungen Menschen aus Kiew oder Charkiw erkennt man diese Trennlinie auf den ersten Blick. Davor, ähnlich wie bei Altersgenossinnen und -genossen in Wien oder Graz: Mode, Partys, Sport, Lifestyle, Reisen. Danach: rauchende Trümmer, in der Erde steckende Raketen, Panzerwracks.

Wladimir Putin hat vor einem Jahr aber nicht nur das Leben von Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer zur Hölle gemacht, sondern an diesem Tag auch die Zukunftsperspektive der Russischen Föderation selbst verändert und den Startschuss zu einer Entwicklung gegeben, die auch die Geschicke der Europäischen Union, der transatlantischen Beziehungen und der Großmächtepolitik verändert hat und weiter verändern wird.

Doch der Reihe nach: Die Liste der Kriegsverbrechen im Zuge von Putins völkerrechtswidrigem Überfall auf die Ukraine wird täglich länger, das Ziel des Kreml bleibt weiterhin die gewaltsame Unterwerfung der Ukraine. Diese Schande und Kriegsschuld hat Putin in den Geschichtsbüchern zur Unperson und Russland auf Jahrzehnte zum Paria-Staat gemacht. Für die Ukraine ist dieser Krieg ein schrecklicher, schmerzhafter, aber historischer Schritt zur Nationenbildung: Denn nie zuvor hat man das Land entschlossener, geeinter, patriotischer und opferbereiter erlebt.

Russland selbst geht durch eine dunkle Ära der Repression, die leiseste Kritik am Kreml kann zur Strafe führen. Russland wärmt sich an einer wohligen Melange aus Sowjet- und Zarennostalgie, deren Hauptzutat die imperiale Vergangenheit ist. Doch Nostalgie ist das Gegenteil von Zukunftshoffnung und die Zukunft Russlands hat Putin mit diesem Krieg wohl auf lange Sicht verspielt.

Denn Russlands Kraft und Stärke ruhten immer darin, eine eurasische Macht zu sein. Die Hauptstädte St. Petersburg (dazwischen Leningrad) und Moskau hatten stets den Blick auf Europa gerichtet. Der Weg nach Europa ist Russland nun versperrt, die Ukraine wünscht nichts mehr als einen möglichst tiefen Graben und eine möglichst hohe Mauer zum östlichen Nachbarn, Belarus wird entweder annektiert oder befreit sich aus der russischen Umklammerung. Jedenfalls: Russland wird von einer eurasischen Macht zu einem asiatischen regionalen Player, der bestenfalls als Vasallenstaat und Energie- und Rohstofflieferant für China taugt.

Die EU ist jäh aus dem Traum von Globalisierung und Friedensdividende erwacht.

Die Welt sortiert sich nun wieder nach Blöcken - hier der Westen, da das sino-russische Reich, dazwischen eine neue Dritte Welt. Die Zeitenwende ist in vollem Gang.