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Zerbrochene Kindheiten im Krieg

Von Bernd Vasari

Politik
Wegschauen ist keine Lösung. Die Ausstellung weist auf die Situation von Kindersoldaten hin.
© Urban

Statt Lesen und Schreiben lernen Kindersoldaten, wie man Städte angreift.


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Wien. "Mit sechs Jahren wurde ich ausgebildet, wie man Städte angreift und wie man mit einer Waffe umgeht." So schildert der ehemalige Kindersoldat John Kon Kelei im Heeresgeschichtlichen Museum (HGM) seine schlimmen Erfahrungen bei der südsudanesischen Rebellengruppe "Sudan People’s Liberation Army" (SPLA). Ihm gegenüber sind österreichische Schüler im Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren, die fassungslos den Ausführungen des heutigen Anwalts lauschen. Vierjährige wurden zur gleichen militärischen Disziplin erzogen wie Sechs- oder Zehnjährige, setzt Kelei fort. Auch die Kleinen sollten wissen, dass es sich um kein Spiel, sondern um die Realität handelte. Bei Fehlern wurde man in die Sonne gestellt, bis man bewusstlos war. "Mir wurde beigebracht, so oft wie möglich zu hassen und sonst keine Gefühle zu zeigen." An seine Zeit vor der Rekrutierung durch die SPLA kann sich John Kon Kelei kaum noch erinnern.

Das HGM veranstaltete heuer zum vierten Mal die Aktionswoche zum Thema "Kindersoldaten", in der Schülergruppen durch eine temporäre UNO-Ausstellung geführt wurden und danach die Möglichkeit hatten, mit ehemaligen Kriegskindern in Kontakt zu treten. Neben John Kon Kelei war auch Zlata Filipovic eingeladen. Sie erlebte als 11- bis 13-Jährige die Belagerung von Sarajevo. Ein Leben ohne Heizung und regelmäßige Nahrung sowie mit dem Wissen, jederzeit von einer der bis zu 900 Bomben, die täglich auf die Stadt fielen, getroffen und verletzt oder getötet zu werden.

Der Krieg teilte ihr Leben in zwei Abschnitte, ein Leben vor und ein Leben nach dem Krieg. Sie betont: "Das ist auch heute noch so." Es gäbe keinen weiteren dritten Abschnitt, auch wenn man glauben könnte, der Erfolg als Autorin und das jetzige Leben in Dublin würden dies rechtfertigen. Sie träume bis heute höchstens zweimal im Jahr und dann sind es fürchterliche Albträume. Feuerwerke und plötzliche Geräusche lösen panische Angst in ihr aus. Vor dem Krieg war Filipovic ein typisches Kind aus der Mittelschicht, das MTV sah und Skifahren ging. "Wenn ich an Krieg dachte, dann glaubte ich, es sei ein Relikt aus der Geschichte oder passiere irgendwo weit weg." Auf keinen Fall rechnete sie damit, dass ihr Leben einmal davon bestimmt werden würde.

Bereits vor dem Krieg führte Zlata Filipovic ein Tagebuch, das sie auch während der Belagerung weiterschrieb. Das Tagebuch wurde in Frankreich veröffentlicht und machte sie berühmt. Mit Hilfe des Herausgebers und der französischen Regierung konnte sie damals mit ihren Eltern fliehen. Filipovic ist es heute wichtig, mit ihrer Geschichte ein Bewusstsein zu schaffen, dass Krieg nicht nur weit weg ist und aus Zahlen und Fakten besteht, sondern dass hier Menschen getötet und traumatisiert werden. Ihre Geschichte könnte auch von jedem anderen Kind stammen, unterstreicht sie.

Kindersoldaten auch in Europa

Bei den Führungen im HGM werden die Schülergruppen mit dem gesamten Ausmaß des Kindersoldatenlebens konfrontiert. Eine Museumspädagogin erzählt von üblichen Rekrutierungsmaßnahmen, bei denen Familienangehörige von Militärs oftmals gefoltert oder getötet werden, um an das Kind zu kommen. Kindersoldaten seien vorwiegend bei ärmeren Rebellengruppen begehrt, da sie weniger Verpflegung als Erwachsene brauchen und zumeist aufs Wort den Anweisungen gehorchen. Mädchen, die eingezogen werden, sind oft Opfer von sexueller Unterdrückung und Vergewaltigung. Auch in Europa gab es Kindersoldaten, die Pädagogin verweist auf den Zweiten Weltkrieg und den Jugoslawienkrieg.

Eliana (14) und Hamed (16), zwei Schüler, die an der Führung teilnahmen, schockierte ein gezeigter Film, wo ein Junge etwa seinen Arm verloren hatte. "Diesen Kindern wird keine andere Wahl gelassen, als in den Krieg zu ziehen", stellte Hamed verbittert fest. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist", ergänzte Eliana gegenüber der "Wiener Zeitung". Die Ausstellung habe die beiden bestärkt, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Hamed beteuert, dass er nie eine Waffe in die Hand nehmen werde. Das war aber auch schon vor der Ausstellung seine Einstellung. Er kenne andere Jugendliche in seinem Alter, die Gewalt und Krieg verherrlichen würden. "Aber für mich sind das keine Menschen." Der 16-Jährige würde Spielzeugwaffen und gewalttätige Computerspiele verbieten. Spielzeug für Kinder sollte schließlich nichts mit Krieg zu tun haben.

Waffenlobbys kein Thema bei Führung

Die Rolle der USA und Europas und die Verantwortung von Waffenlobbys werden in der Führung nicht diskutiert. "Das würde die Schüler auch überfordern", sagt Kelei, "aber sie werden es ihren Eltern erzählen. Die kennen die Hintergründe." Und wenn Eltern den Fragen ausweichen, dann werden ihre Kinder weiterfragen, bis sie eine Antwort erhalten.

Für Kelei steht fest: Die Kinder von Politikern sind sehr einflussreich. Barack Obama etwa weinte, nachdem in einer amerikanischen Schule Kinder im Alter seiner Töchter von einem Amokläufer hingerichtet wurden. Er werde nun alles daransetzen, um Waffengesetze in den USA restriktiver zu machen, ist sich der ehemalige Kindersoldat sicher. Nach jeder Führung wendet er sich an die österreichischen Schülergruppen: "Ihr braucht nicht traurig sein. Wir haben die Möglichkeit, dem ein Ende zu bereiten. Das Thema Kindersoldaten wird eines Tages im Museum stehen."