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Zeugnis mit Kratzern

Von WZ-Korrespondentin Veronika Eschbacher

Politik
Afghanischen Mutter mit dem Diplom ihres Kindes.
© Eschbacher

Nach dem Fall der Taliban setzten die Afghanen große Hoffnungen in das Schulsystem, es sollte das Land rasch entwickeln.


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Bamiyan. Mohammad Saif steht dicht gedrängt mit seinen Kommilitonen vor der Außenwand seiner Universität in der zentralafghanischen Stadt Bamiyan. Im Hintergrund ist der berühmte, 2001 von den Taliban zerstörte, "Kleine Buddha" zu sehen, samt den begehbaren Höhlen links und rechts - doch Ali und seine Studienkollegen interessieren sich nur für die frischen Ausdrucke an der Wand der Universitätsmauer. Hier sind die Ergebnisse der Prüfungen der vergangenen Woche ausgehängt. Ali zieht sich auf den Schultern eines anderen hoch und entdeckt seinen Namen. Einmal 100 Prozent, einmal 94 Prozent sind die Ergebnisse des Archäologie-Studenten. Mit einem breiten Lächeln macht er sich wieder auf in sein Dorf unweit von Bamiyan-Stadt.

Wie für Saif haben für Millionen Studenten und Schüler in Afghanistan die dreimonatigen Winterferien begonnen. Sie bringen ihren Eltern, die oft auf vieles verzichten, um ihren Kindern Bildung zu ermöglichen, Zeugnisse und Diplome nach Hause. Gleichzeitig wächst aber die Enttäuschung über das Bildungssystem im Land, in das nach dem Fall der Taliban große Hoffnungen gesetzt worden waren. In dem Sektor hat sich nicht nur tiefgehende Korruption breitgemacht, auch die sich verschlechternde Sicherheitslage erlaubt vielerorts keinen Schulbesuch mehr.

Dabei waren die Erwartungen groß. Kaum waren die radikalislamischen Taliban 2001 vertrieben, setzte in Afghanistan eine bis dahin ungekannte Aufbruchsstimmung im Bildungsbereich ein. Bereits Wochen, bevor die Schule beginnen sollte, hatten sich in den Dörfern und Städten Freiwillige eingefunden, die die Schulen wieder aufbauten und so gut wie möglich instand setzten. Im Gegensatz zu den 1960er und 70er-Jahren, in denen die Investitionen in Bildung Familien nicht die erwünschten Resultate brachten, da sich das Bildungsangebot des Staates nicht nach den Bedürfnissen der lokalen Wirtschaft ausrichtete, kamen mit der internationalen Intervention auch lukrative Stellen ins Land.

Auch Mohammad Saif erinnert sich genau an seinen ersten Schultag, er war acht Jahre alt. Einerseits, weil ihn der Schuldirektor erst nicht einschreiben wollte, denn Saif war in seinem Dorf nicht registriert, nachdem er während der Taliban-Zeit mit seiner Familie in den Süden des Landes geflohen war. So wies ihn der Schuldirektor an, das erste Jahr ohne Namen - und somit ohne Zeugnis - die Schule zu besuchen. Andererseits weiß er noch die erste Aufgabe, die sein Lehrer ihm gestellt hatte: einen Vogel zu zeichnen.

Zentrum für Vetternwirtschaft

Seither sind 15 Jahre vergangen und die großen Hoffnungen vielerorts verflogen. Unter der Regierung von Hamid Karzai begannen Politiker in Kabul wie in den Provinzen, das Bildungsministerium mehr als Zentrum für Vetternwirtschaft zu sehen als für seine eigentliche Aufgabe. Korruption hielt Einzug und unterminierte viele Anstrengungen. Das Bildungsministerium überprüfte die Qualifikationen des wachsenden Lehrerkorps kaum; obwohl laut afghanischer Verfassung Bildung in Afghanistan kostenlos ist, stiegen die Kosten für afghanische Familien - auch, weil informelle Gebühren erhoben wurden. 2005 stagnierten erstmals die Zahlen der Schulanfänger, wofür die wiederaufkeimende Gewalt, die anfangs sehr oft auch Schulen traf, nicht der einzige Grund war.

Taliban kontrollieren Schulen

Vielmehr profitierten die Aufständischen von echten Ressentiments in konservativeren Gegenden gegen staatlichen Einfluss und unflexible Lehrpläne. Zwei Jahre später begann die Regierung in Kabul, mancherorts den Taliban eine gewisse Kontrolle über die Schulen zu erlauben - was nicht zuletzt die Bildung von Mädchen erschwerte: Laut der neuen Bildungspolitik der Taliban sind Mädchenschulen zwar prinzipiell erlaubt, meist aber nur bis zur 6. Klasse. Die informellen Absprachen mit den Aufständischen laufen offenbar auch mit der jetzigen Regierung weiter: Erst kürzlich erklärte ein Behördenvertreter, er sei "froh", dass die Taliban in der Provinz Herat über 219 der insgesamt 969 Schulen die Kontrolle ausübten, und räumte ein, dass fünf Distrikte der Provinz für Regierungsvertreter nicht zugänglich seien.

Lange war die immens wachsende Zahl der eingeschriebenen Schüler von vielen Seiten als Erfolg gepriesen und als einer der wichtigsten Gründe angeführt worden, warum sich das internationale Engagement in Afghanistan auszahlt. Elf Millionen Schüler seien eingeschrieben, hieß es unter der Regierung Karzai - eine beachtliche Steigerung von den 900.000, die laut USAID 2001 in den Schulen des Landes lernten.

Doch hier sorgte der mittlerweile abgelöste afghanische Bildungsminister, Asadullah Hanif Balkhi, für Aufregung: Kurz nach Amtsantritt zweifelte er öffentlich die Zahlen der Vorgängerregierung an - es seien vielmehr nur sechs Millionen Schüler eingeschrieben. USAID, die unabhängige Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung, die bis inklusive Juni 2017 den afghanischen Bildungssektor mit mehr als 900 Millionen US-Dollar unterstützte, setzt die Zahlen heute bei acht Millionen an.

Diplom gegen Geld

Im Spätherbst erschütterte zudem ein von Balkhi initiierter Korruptionsbericht über das Bildungsministerium den Sektor. Dieser wirft ein Schlaglicht darauf, wie sehr im Ministerium und Schulen Amtsmissbrauch in den vergangenen zehn bis 15 Jahren Einzug gehalten hat.

Dem Bericht zufolge finden sich 36 verschiedene Arten von Korruption im Schulsektor. Mittlerweile ist etwa weit verbreitet, dass Lehrer für ihre Bestellung Gelder bezahlen - laut dem Bericht zwischen 800 bis 1000 Dollar pro Posten. So erschleichen sich einerseits unqualifizierte Personen die Stellen, die auch das Vertrauen in die Lehrerschaft erodieren lassen. Da der "Eintrittsbetrag" gleichzeitig dem Zweijahresgehalt eines Lehrers entspricht, heißt das zudem, dass die Lehrer sich neben der Schule noch eine andere Beschäftigung suchen müssen, um ihre Familien durchzubringen.

Murasa Hamidi hat soeben die 10. Klasse abgeschlossen. Sieben Stunden Unterricht hat sie am Tag, und im Schnitt ist sie mit ihren 45 Mitschülerinnen eine Stunde pro Tag ohne Lehrer. "Sie sagen dann, sie waren krank oder hatten eine Arbeit zu erledigen", sagt die 17-jährige Schülerin und zuckt mit den Schultern. Ab und an würden die Lehrer Geld einsammeln, meist, um armen Mitschülern zu helfen, aber auch, um kaputte Fenster oder sonstige Reparaturen in der Schule zu finanzieren. Hamidi weiß auch den Preis für ein positives Jahreszeugnis: zwischen 5000 und 8000 Afghani, das sind umgerechnet 72 beziehungsweise 115 US-Dollar.

Eigentlich sollte Hamidi auch für alle ihre 16 Schulfächer Bücher gratis erhalten. Bekommen hat sie aber nur drei, die anderen musste sie am Basar kaufen. Laut dem Korruptionsbericht ist auch diese Praxis weit verbreitet. Auch die Wirrungen rund um die Schülerzahlen öffnen der Korruption Türen: Lehrer und Schulen, die in Wirklichkeit nicht arbeiteten, nicht geöffnet waren oder weniger Klassen hatten, strichen dennoch Gelder ein.

Für die Kabuler Denkfabrik "Afghanistan Analysts Network" ist der Bericht die "klarste und schonungsloseste Korruptionsbeurteilung in Afghanistans Bildungssektor bisher". Der Report arbeitete 66 Empfehlungen aus - etwa, dass die Gemeinden ihre Lehrer selbst einstellen, in vielen korruptionsanfälligen Prozessen die Transparenz erhöht wird oder etwa das Bildungsministerium generell verkleinert werden solle. Ob angesichts des Ausmaßes an Korruption hier Verbesserungen greifen, bis Ende März die nächsten Erstklässler Vögel malen und ihre ersten Buchstaben schreiben, bleibt fraglich.

Schulsystem Afghanistan
Das afghanische Schulsystem ist in drei Sektoren unterteilt: Im Grundschulsektor mit den Klassen eins bis sechs, mit Schülern von sieben bis zwölf Jahre, werden Lesen, Schreiben, Mathematik und Nationalkultur unterrichtet. In der Unterstufe, Klasse sieben bis neun, Schüler von 13 bis 15 Jahren.
In der Oberstufe, den Klassen zehn bis zwölf, können Schüler zwischen der Vorbereitung auf eine akademische Bildung oder Fächern wie angewandte Landwirtschaft, Kunst, Handel oder etwa Pädagogik wählen. Neben elf staatlichen Universitäten gibt es eine Vielzahl von privaten Universitäten, die teilweise aber auch politische und ideologische Ziele verfolgen. Bildung für Mädchen und Frauen leidet weiterhin stark: Laut Weltbank waren 2012 lediglich zwölf Prozent der Studierenden weiblich, laut afghanischer Regierung gehen 3,5 Millionen Kinder nicht in die Schule, 85 Prozent davon Mädchen. Nur 37 Prozent der jugendlichen Frauen können Lesen und Schreiben, im Vergleich zu 66 Prozent jugendlicher Männer.