Zum Hauptinhalt springen

Ziele ohne Weg

Von Judith Belfkih

Leitartikel

Beschreitbare Wege zu finden, ist schwieriger, als sich ehrgeizige Ziele zu setzen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 1 Jahr in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Es sind ehrgeizige Ziele, die sich die Europäische Union dieser Tage setzt. Jüngste formulierte Etappe: Spätestens 2030 wollen die EU-Staaten 42,5 Prozent ihrer Energie aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne zu beziehen. Das neue Gesetz - es muss noch in den Instanzen abgenickt werden - soll das bisherige Ziel für 2030 von 32 Prozent ersetzen. Dazu haben die EU-27 zuletzt das Aus von Verbrennermotoren besiegelt. Ab 2035 sollen keine Benzin- oder Dieselfahrzeuge mehr zugelassen werden - ausgenommen Autos, die mit klimaneutralen synthetischen E-Fuels betrieben werden.

So weit so erfreulich. Angesichts der drastischen Prognose des Weltklimarats ist nichts gegen diese Zielsetzungen zu sagen, ganz im Gegenteil ist es höchste Zeit, die Ziele höher zu stecken. Das war es allerdings mit den Gründen zur Freude. Denn die Wege, um diese Ziele zu erreichen, sind noch nicht in Sicht, geschweige in ein Navigationssystem in Richtung Klimaneutralität einspeist. Das Problem sind nicht die Ziele an sich, sondern die realistischen Wege dorthin. Ein Stolperstein ist etwa die Diskrepanz von EU-weiten Vorgaben und nationalstaatlichen Umsetzungen. Ein Knackpunkt sind dabei unterschiedliche geografische Voraussetzungen: Nicht überall sind Wasser, Wind und Sonne gleichermaßen verfügbar und auch nutzbar. Hier einheitliche Wege vorzugeben, ist gar nicht möglich. In diesem Punkt wäre einmal mehr Solidarität oder zumindest ein verknüpftes Vorgehen der Staaten gefragt. Das Denken in gesamteuropäischen Lösungen für gesamteuropäische Probleme wurde zuletzt bei der Gasbeschaffung im Zuge der Russland-Sanktionen einem Stresstest unterzogen. Die Bilanz fällt hier wohl durchwachsen aus. Ob die nach wie vor angespannte ökonomische Lage und die voranschreitende zeitliche Dringlichkeit die Solidarität stärken werden, darf zumindest bezweifelt werden.

Eine weitere Hürde liegt in der Hoffnung auf klimafreundliche Technologien. Ein paar Innovationen und alles ist wieder gut - diese Perspektive stellte zuletzt auch Kanzler Karl Nehammer in der Raum. Fachleute warnen eindringlich vor dieser Hoffnung. Man wisse bereits alles, was nötig sei, um die Klimawende zu schaffen. Es brauche keine neuen Technologien, sondern ein konsequentes Umsetzen der bekannten Erkenntnisse, so der Tenor. Es ist schon alles da, was wir brauchen.

Die EU macht es sich aktuell leicht und schwer zugleich. Leicht war der bisherige Teil mit dem Setzen engagierter Ziele. Der schwierige Teil beginnt gerade erst. Denn Grund zum Aufatmen wird es erst geben, wenn zu den ambitionierten Zielen beschreitbare Wege sichtbar werden.