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Zittern nach dem großen Anschlag

Von Michael Schmölzer

Politik

Kriminalität und Alkoholismus als Veteranen-Los. | Das Pentagon veröffentlicht eine alarmierende Studie. | Wien/Washington. Seit neun Jahren befinden sich die USA im Kampf gegen den Terror, erst jetzt treten die Folgen dieses Einsatzes zutage: Eine Studie des Pentagon führt an, dass die Zahl der psychisch erkrankten US-Soldaten sprunghaft angestiegen ist. Das US-Verteidigungsministerium geht von einer Versechsfachung der Fälle aus - was vorsichtig geschätzt sein dürfte.


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Die meisten betroffenen GIs leiden unter Posttraumatischen Belastungssstörungen (PTSD), zehntausende Veteranen kämpfen in den USA mit den Langzeitfolgen der Krankheit. Dabei handelt es sich um eine schwere Stressreaktion, sie verändert den Charakter und führt in vielen Fällen zu Berufsunfähigkeit und Alkoholismus. Laut Pentagon befindet sich derzeit die Mehrheit der kriegsversehrten US-GIs nicht wegen klassischer Verletzungen, sondern wegen psychischer Probleme im Lazarett. Bei Männern sind mentale Probleme Krankheitsursache Nummer eins, bei Frauen sind Formen von PTSD der zweithäufigste Grund für eine Behandlung. Die Dunkelziffer jener, die mental nicht mehr einsatzfähig sind, das aber kaschieren, dürfte dabei beträchtlich sein. Für die meisten ist ein Eingeständnis ihrer Krankheit ein Zeichen von Schwäche. Dienstuntauglichkeit bedeutet zudem das Ausscheiden aus der Armee. Was in den USA nicht so einfach ist - immerhin ist man als Soldat vertraglich gebunden. Viele US-Soldaten sehen sich zudem als Zivilisten mit Perspektivlosigkeit konfrontiert.

Der rasante Anstieg von PTSD-Fällen ist von Psychiatern und Veteranen-Vereinigungen bereits zu Beginn des Afghanistan- und Irakkrieges prognostiziert worden. Je länger ein Soldat im Feld stehe, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit an PTSD zu erkranken, so die Voraussage. Die Krankheitsfälle stiegen dabei mit Dauer und Zahl der psychischen Belastung nicht linear, sondern beinahe exponentiell.

Die düsteren Prophezeiungen scheinen sich zu bewahrheiten: Allein im Jahr 2005 haben sich 6000 US-Veteranen das Leben genommen, das sind 17 Suizide pro Tag. Die Tendenz ist steigend. Kriegsveteranen stellen in den USA ein Drittel aller männlichen Obdachlosen; Drogenkonsum, die Kriminalitäts- und Scheidungsrate dieser Gruppe liegt weit über dem Durchschnitt.

"Angst und Entsetzen"

Dass Kriegserfahrungen die Psyche zerstören können, ist spätestens seit dem Ersten Weltkrieg bekannt, wurde aber erst 1980 von der US-Armee offiziell anerkannt. Die große Zahl an Vietnam-Veteranen, die völlig durchgedreht aus dem Dschungelkrieg heimkehrten, sorgte dafür, dass PTSD offiziell anerkannt wurde. Im US-Handbuch für psychische Störungen ist seitdem vermerkt, dass die Krankheit eine verzögerte Reaktion auf ein Ereignis sei, das intensive Angst, Entsetzen, Hilflosigkeit oder Schuldgefühle ausgelöst habe.

Das Problem trifft in zunehmendem Maß auch andere Länder: Der 38 Jahre alte Deutsche Martin Jäger ist einer jener Soldaten, für die Afghanistan zur Hölle wurde. Der "Spiegel" hat in einem Beitrag über sein Schicksal berichtet. Jäger fuhr einen Gepäcksbus zum Flughafen, als sich ein Selbstmordattentäter in unmittelbarer Nähe in die Luft sprengte. Teile des Busses wurden hundert Meter weit geschleudert. Die Bilder von abgetrennten Gliedmaßen und sterbenden Kameraden verfolgen Jäger bis heute.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland beginnt er sich von seiner Umgebung abzuschotten und verbringt seine Nächte mit Computer-Kriegsspielen. Wenn er nicht Krieg spielt, sieht er sich Fotos von zerfetzten Soldaten und abgetrennten Gliedmaßen an, Bilder, die er in Afghanistan geschossen hat. Seinen Job als Berufskraftfahrer hat er verloren: Seit dem Anschlag zittern seine Knie oft so, dass er die Kupplung nicht betätigen kann. Eine Therapie will Jäger trotzdem nicht beginnen.