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Zivilgesellschaftliche Akteure und transnationale Unternehmen

Von Bernhard Mark-Ungericht

Politik

Die nationalen Ableger der europäischen "Kampagne für Saubere Kleidung" veranlassen Kunden von C&A, Nike, H&M usw., Protestkarten an die Unternehmen zu senden, in denen diese aufgefordert werden, für die Einhaltung von Menschen-, Frauen-, Kinder- und ArbeitnehmerInnenrechten bei ihren Zulieferbetrieben zu sorgen. Greenpeace gelingt es, eine Weltöffentlichkeit gegen den Plan von Shell, eine Öl-plattform in der Nordsee zu versenken, zu mobilisieren . . .


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Die Aufzählung von Beispielen ließe sich noch beliebig fortschreiben und die Interaktionen zwischen zivilgesellschaftlichen Anspruchsträgern werden - angesichts gesamtgesellschaftlicher Veränderungsprozesse - noch an Intensität zunehmen.

Unternehmen wurden zu politischen Institutionen

Unternehmen, besonders international tätige, sind verstärkt zu politischen Institutionen geworden. Mit dem Aufbau internationaler Beschaffungs- und Produktionsketten konnten Unternehmen einerseits auf billige Arbeitskraft zurückgreifen, andererseits entstehen damit auch Risiken für die Unternehmen, weil diese heute mehr als je zuvor einer kritischen (Welt-)Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Diese Öffentlichkeit wird von zivilgesellschaftlichen Akteuren hergestellt.

Angesichts des Rückbaus staatlicher Regulierung stellen zivilgesellschaftliche Akteure heute vermehrt direkt Forderungen an die Unternehmen und versuchen deren Politik zu beeinflussen. Die Intensivierung des Wettbewerbs kommt ihnen dabei entgegen, denn die Erhöhung der Wettbewerbsintensität führte dazu, dass bereits kleine Veränderungen im öffentlichen Erscheinungsbild eines Unternehmens drastische Auswirkungen auf die Wettbewerbsposition haben können.

Kampagne-Strategien

Alle Kampagnen zivilgesellschaftlicher Akteure, die gegen Unternehmen geführt werden, zielen auf die Beeinflussung der öffentlichen Meinung ab. Die Nutzung neuer Kommunikationstechnologien ermöglicht dabei die Koordination und Entwicklung gemeinsamer Kampagnen-Strategien, und durch die Vernetzung heterogener zivilgesellschaftlicher Organisationen gelingt es, Bevölkerungsgruppen mit völlig unterschiedlichen weltanschaulichem Hintergrund für ein gemeinsames Thema zu mobilisieren. (z.B. die Arbeitsbedingungen in der Sportschuhindustrie).

Unternehmen reagieren bisher kaum adäquat

Die Unternehmen reagieren bisher kaum in adäquater Weise auf diese neue Herausforderung. Sie neigen dazu, Probleme so lange zu verdrängen und zu leugnen, bis der öffentliche Druck zu groß wird. Darauf bedacht, gewohnte Prozesse und Abläufe zu schützen, versuchen sie in einer späteren Phase über eine symbolische Politik (z.B. die Formulierung vager Verhaltenskodices) die Öffentlichkeit zu beruhigen.

Diese Strategie entspringt einem tragischen Unverständnis der gesellschaftlichen Entwicklungsdynamik und dem Unverständnis für die Natur und Strategien zivilgesellschaftlicher Akteure. Hinzukommt noch, dass die Unternehmenskulturen und die verantwortlichen Manager häufig nicht über die für einen produktiven Dialog notwendigen Voraussetzungen verfügen. Shell ist so zumindest teilweise zum Opfer der eigenen Unternehmenskultur geworden, weil die extrem von Technikern geprägte Unternehmenskultur keinerlei Verständnis für Menschenrechts- und Ökologiefragen aufbrachte.

Lösung gemeinsam mit den Betroffenen

Im Idealfall aber kommt es zum Aufbau und zur Pflege langfristiger Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Anspruchsgruppen und Unternehmen. Dadurch erst können Problembereiche frühzeitig identifiziert und gemeinsam mit den Betroffenen gelöst werden. Für das Unternehmen ergibt sich dadurch auch die Chance für eine Reorganisation der Unternehmung im Sinne gesellschaftlicher (und nicht nur kurzfristig ökonomischer) Produktivität.

Die britische "Ethical Trading Initiative" ist der bisher erfolgreichste Versuch in diese Richtung. In der von der britischen Regierung unterstützen Initiative erarbeiteten die Vertreter von Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und beteiligten Unternehmen einen Verhaltenskodex für Unternehmen und ihre Zulieferbetriebe. Unternehmen, die der Initiative beitreten wollen, müssen diesen Verhaltenskodex umsetzen und unabhängig kontrollieren lassen.

Im Vordergrund steht dabei ein lernorientierter Ansatz: Die einzelnen Akteure haben verstanden, dass eine Lösung der unterschiedlichen Probleme (Beseitigung von Ausbeutung, Reorganisation von Beschaffungsketten, Durchführung unabhängiger Kontrollen etc.) erst im Dialog der unterschiedlichen Perspektiven gelingen kann.

Eine Befragung von 130 international tätigen NGOs durch Wissenschaftler der Universität Notre Dame und einem weltweit führenden Unternehmensberatungskonzern ergab, dass diese heute gleichzeitig konflikt- aber auch kooperationsbereiter sind. Es liegt also an den Unternehmen, sich für einen Weg zu entscheiden.

Guerillakrieg oder Dialog

Sie haben zwei Alternativen: Sie können sich auf einen kostspieligen Guerillakrieg einlassen, in dessen Gefolge nicht nur der Unternehmenswert riskiert wird, sondern auch Innovationspotentiale verschenkt werden, oder aber sie können sich auf einen demokratischen Dialog einlassen und damit Zugang zu jenem unternehmensexternen Wissen erhalten, das für die Lösung komplexer Probleme notwendig ist.

Für die zukünftige Entwicklung des Verhältnisses zwischen Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Anspruchsgruppen wird entscheidend sein, inwieweit es den zivilgesellschaftlichen Akteuren gelingt, Druck auf Politik und Unternehmen zu machen und inwieweit verantwortungsbewusste Manager diesen Druck für eine Reorganisation betrieblicher Prozesse und eine Neudefinition des unternehmerischen Selbstverständnisses zu nutzen bereit sind.

Dr. Bernhard Mark-Ungericht von der Karl-Franzens-Universität Graz hat sich mit diesem Thema auf der State of Peace-Konferenz der Peace University Schlaining beschäftigt.