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Zivilisiert unversöhnlich

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Politik

Die dritte und letzte Fernsehdebatte der US-Präsidentschaftskandidaten bot kaum Neues.


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Washington D.C./Las Vegas. Es ist vollbracht, und niemand dürfte das mehr erleichtern als die Kandidaten selbst. Am Mittwochnachmittag (Ortszeit) ging im Festsaal der University of Nevada zu Las Vegas die dritte und letzte Fernsehdebatte zwischen den US-Präsidentschaftskandidaten über die Bühne. Sie brachte so gut wie keine Überraschungen – was angesichts der Konstellation Hillary Clinton versus Donald Trump an sich eine Überraschung darstellt. Der einzige Moment, der von der von Fox News-Moderator Chris Wallace exzellent moderierten eineinhalbstündigen Diskussion im Gedächtnis hängen bleiben wird, dürfte wahrscheinlich Trumps Ankündigung sein, im Fall des – mittlerweile praktisch als fix geltenden – Sieges Clintons nämlichen nicht anerkennen zu wollen.

Aber selbst das war erwartbar, trommelt der New Yorker Immobilienmagnat doch seit Wochen ganz im Ernst, dass die Wahl angeblich zugunsten der ehemaligen Außenministerin manipuliert werde. "Ich werde das entscheiden, wenn es soweit ist", antwortete Trump entsprechend auf Wallace' Frage, ob er beabsichtige, mit der Tradition zu brechen und im Fall seiner Niederlage das offiziell verlautete Wahlergebnis einfach nicht anzuerkennen. Aber sonst?

Offenbar Kreide gefressen

War ihr letztes Aufeinandertreffen vor zehn Tagen in Missouri dank eines gänzlich schmerzbefreiten Trump noch in ein an Peinlichkeit kaum zu überbietendes Schauspiel ausgeartet, im Rahmen dessen der Ex-Reality-TV-Star unter anderem versprach, Clinton im Fall seiner Wahl ins Gefängnis zu werfen und sie einen "Teufel" nannte, der "nichts als Hass im Herzen trägt", ging es diesmal relativ zivilisiert ab. Was vor allem an Trump lag, der, offenbar als Konsequenz aus seinem fortschreitenden Totalabsturz in den Meinungsumfragen, ordentlich Kreide gefressen hat. Auch wenn der 70-Jährige sämtliche in den vergangenen Tagen bekannt gewordenen Geschichten von Frauen, die ihn der Grapscherei beschuldigen, bestritt – "Alles erfunden, ich kenne keine einzige von denen" – und auch sonst seiner von Lügen, Halbwahrheiten und Schwachsinn geprägten Rhetorik treu blieb, tat er es an diesem Abend in einer für seine Verhältnisse zivilisierten Art und Weise.

Vielleicht lag es an der Vorbereitung: Im Laufe des Nachmittags stellte sich heraus, dass ihm niemand geringerer als Reince Priebus, der Vorsitzende des Republican National Council, dabei geholfen hatte. Was auch insofern ein interessantes Licht auf die Partei wirft, als sich viele ihrer Mitglieder in den vergangenen zwei Wochen von Trump aufgrund von dessen jüngst bekannt gewordenen, offen sexistischen Kommentaren distanziert haben ("Wenn man berühmt ist, kann man sich mit den Frauen alles erlauben. Du kannst sie küssen, du kannst ihnen auf die Pussy greifen").

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Republikaner mittlerweile mehr zu Trumps Partei geworden sind als Trump zu einem Republikaner, saß auf seine Einladung hin im Publikum: Sarah Palin, mittlerweile aufgrund gar allzu heftiger Bildungslücken weitgehend diskreditierte Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin von 2008. (Ein weiterer bemerkenswerter Gast von Trump an diesem Abend: Malik Obama, einer von acht Halbgeschwistern von Barack Obama, der sowohl die kenianische wie die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt und in der Familie die Rolle des Faktotums über hat.) Und inhaltlich?

Bekannte Standpunkte

Auch wenn sich Chris Wallace alle Mühe gab, die Debatte weniger an den Personen aufzuhängen als an den konkreten Plänen der beiden, ergab sich diesbezüglich in Vegas nichts Neues. Clinton will sicher stellen, dass die nächsten Richter, die auf der Bank des Supreme Court Platz nehmen, nicht von jenem Charakter sind, die das Land mit einem Abtreibungsverbot und/oder der Aufhebung der Homo-Ehe ins Mittelalter zurück judizieren.

Trump, der schon mal meinte, dass es für Frauen, die abtreiben, "irgendeine Form von Strafe geben muss", gelobte dagegen, genau solche Richter vorzuschlagen. Clinton will die Steuern erhöhen, aber nur für Haushalte, die über 250.000 Dollar im Jahr verdienen. Trump verweigerte de facto jede Auskunft zu seinen Steuerplänen – die extreme Erleichterungen für reiche bis extrem reiche Amerikaner vorsehen –, versprach aber "ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent, mindestens." Immigration? Trump will "die Mauer" zu Mexiko bauen, Clinton eine Kompromisslösung für die rund elf Millionen illegal in den USA lebenden Menschen finden (und für ihre mittlerweile fünf Millionen hier geborenen Kinder). Außenpolitik? Trump findet Putin, Assad und die Regierung des Iran schlauer als die amerikanische und stellt in Frage, ob hinter dem Hackerangriff auf die Demokratische Partei und Clintons Wahlkampfmanager wirklich die Russen stecken; obwohl es mittlerweile keine einzige unabhängige Ermittlungsbehörde mehr gibt, die das bestreitet.

Auf die Frage, wie sie die Staatsschulden in den Griff bekommen wollen – das Congressional Budget Office hat ausgerechnet, dass die Budgetpolitik Clintons zu einer Schuldenquote führen werde, die 86 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, während Trumps Pläne auf satte 105 Prozent kommen würden – flüchteten sich beide in Phrasendrescherei. Die Frage bleibt, ob das alles noch irgendeine Rolle spielt. Wer an diesem Abend noch allen Ernstes "unentschlossen" war, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Zu dem Zeitpunkt, als die Kandidaten in Las Vegas die Bühne betraten, hatten bereits 2,3 von insgesamt rund 200 Millionen wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern ihre Stimmen abgegeben. Die Wahl findet am Dienstag, den 8. November statt.