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Zu kaltes Frühjahr irritiert auch die Bienen

Von Eva Stanzl

Wissen

Von invasiven Kuckuckshummeln bis zu Wildbienen-WGs: das vielfältige Leben der Nützlinge zum Weltbienentag.


Die Gelbe Skabiose, ein hellgelb blühendes, oft leicht behaartes Kraut, wird immer seltener gesehen. Die Erderwärmung nimmt ihr die Lebenskraft, ihr Pollen- und Nektarvorrat wird weniger, die Blüten vertrocknen - und Wildbienen, die sich von ihnen ernähren, finden immer weniger Nahrung.

"In den vergangenen Jahren konnte man in Ostösterreich beobachten, dass aufgrund der extremen sommerlichen Hitze Pflanzen verkümmerten und die darauf spezialisierten Bienen ausblieben. Betroffen waren etwa die Hosenbiene Dasypoda argentata und die Seidenbiene Colletes graeffei, zwei beim Blütenbesuch spezialisierte Arten", sagt der Wiener Landschaftsökologe Heinz Wiesbauer anlässlich des Weltbienentags am Samstag zur "Wiener Zeitung" und erklärt auch den Grund: Die Futterpflanzen der beiden summenden Insekten - Gelbe Skabiose und Gelber Lauch - seien im Hochsommer zunächst in einem kleineren Gebiet und nach einigen Jahren in mehreren Gegenden des pannonischen Raums vertrocknet gewesen. "Die Hosenbiene wird seit einigen Jahren in Österreich nicht mehr nachgewiesen und die Seidenbiene steht vor dem Aussterben", sagt der Wildbienenforscher.

707 Wildbienen-Arten sind in Österreich nachgewiesen. Die Vielfalt dieser für die Bestäubung der Pflanzen wichtigen Insekten sei "stark gefährdet", warnt der Experte in seinem Buch "Wilde Bienen" zu den Lebensweisen dieser Insekten. Neben den Verlusten von Lebensräumen, intensiver Landbewirtschaftung und Spritzmitteleinsatz mache der Klimawandel den Wildbienen zu schaffen.

Das "Haustier" Honigbiene

Präzise ist die Artenzählung freilich nicht. 707 in der Zahl heißt im Klartext, dass jede Art ein Mal nachgewiesen wurde. Eine Spezies, die im Laufe von 50 Jahren nicht gesichtet wurde, gilt als ausgestorben. Da die Lebensbedingungen schlechter werden, verschwinden viele Bienenarten im Grunde unbemerkt. Und da die Wissenschaft durch moderne, genetische Analysen immer neue Spezies beschreibt, steigt ihre Vielfalt zwar auf dem Papier, aber ohne Garantie.

Grundsätzlich steht die Wildbiene beim Kampf um Nahrung in Konkurrenz zur Honigbiene. Das darf man so verstehen: "In Österreich gibt es rund 33.000 Imker mit etwa 460.000 Bienenvölkern. Ein Bienenvolk hat im Sommer bis zu 50.000 oder 60.000 Bienen, bestehend aus einer Königin, mehreren hundert Drohnen und zahlreichen Arbeiterinnen", erläutert der Wiener Imkerlehrer Erich Witzmann.

Wildbienenforscher zeigen sich beunruhigt, da die Zahl der Bienenstöcke stetig steige - laut Wiesbauer seit 2020 um etwa ein Viertel. Zugleich aber gebe es immer weniger Freiland, immer weniger gemischte Blumenwiesen, immer mehr Monokulturen. "Lebensraumverluste, intensive Landbewirtschaftung, Spritzmitteleinsatz, hohe Stickstoffeinträge und die Konkurrenz zur Honigbiene machen den Wildbienen zu schaffen. Dazu kommen noch die massiven Auswirkungen der Klimaerhitzung", erklärt der Landschaftsökologe, der die Honigbiene eher als "Haustier" sieht, wie er erklärt: "Sie kann in beliebiger Zahl nachgezüchtet werden und ist deshalb nicht gefährdet. Wenn eine Wildbiene ausstirbt, ist sie unwiederbringlich verloren."

Das "Haustier Honigbiene" organisiert sich freilich ganz anders als seine Verwandten in freier Natur. Es bildet Staaten in geschützten Höhlen, in denen es selbst bei minus 20 Grad plus 25 Grad erzeugen kann, um zu überwintern. Im Laufe der Saison sammeln die Honigbienen Nahrungsvorräte und bei zu wenig Honigreserven füttern Imker Zuckerwasser zu.

Eine Honigbienen-Königin legt im Juni um die 2.000 Eier pro Tag, "derzeit allerdings wegen Schlechtwetters weniger", erläutert der Imker Witzmann. Bis Ende Juni sei Schwarmzeit, sagt er. Bevor die neue Königin schlüpft, verlässt die alte Königin mit etwa 70 Prozent ihres Volks die alte Behausung. Neben den verbliebenen 30 Prozent ihrer Bienen hinterlässt sie hunderte verdeckelte Zellen, aus denen in den drei Wochen danach neue Bienen schlüpfen.

Bei den Wildbienen verhält es sich anders. Zahlreiche Arten leben solitär. Man könnte sagen, jedes Weibchen ist ein Single und sorgt alleine für seine Brutzellen, die es etwa im Boden, in Mauerritzen oder Markstängeln anlegt. Die summenden Single-Weibchen werden nicht von anderen Bienen unterstützt.

Soziale Wildbienen

Es gibt aber auch soziale Arten, zu denen die Hummeln zählen, die in kleineren Völkern mit bis zu 100 Arbeiterinnen leben. Die Hummel-Königin überwintert. Im Frühjahr muss sie für Nachwuchs sorgen. Sind die ersten Arbeiterinnen geschlüpft, kümmern diese sich um die Aufzucht ihrer Geschwister.

Die Furchenbienen wiederum leben mutunter sogar in WGs, in denen mehrere Weibchen gemeinsam für die Nachkommen sorgen.

Etwa ein Viertel der Wildbienen-Arten legen ihre Eier in fremde Nester. Diese Kuckucksbienen sind hoch spezialisiert: Sie nutzen meist nur eine oder einige wenige Arten als Wirte. Brutal geht es bei den Kuckuckshummeln zu. Sie schlüpfen verspätet im Frühjahr, wenn andere Hummeln schon ihre Nester angelegt haben. Wenn die Arbeiterschaft der Wirtinnen groß genug ist, dringt die Kuckuckshummel in das fremde Nest ein, vertreibt die Königin und unterwirft deren Volk mit Hilfe eines besonderen Duftes, den sie verströmt. Der Odeur macht das Volk abhängig, das nach der feindlichen Übernahme nun der Kuckuckshummel Gefolgschaft leistet.

Immer weniger Insekten

Auf der ganzen Welt gibt es immer weniger Insekten. Eine Sonderausgabe der Fachzeitschrift "Biology Letters" zeigt, dass sowohl die Anzahl an Individuen als auch die Biomasse der Insekten und die Artenvielfalt schrumpfen. Zudem werden Insektengemeinschaften immer einheitlicher. "So, wie sich Landschaften ähnlicher werden, gleichen sich auch die Insektengemeinschaften an", sagt Mitherausgeber Martin Gossner von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Während "Allerweltsarten", wie gewisse Heuschrecken, im Notfall auf andere Lebensräume ausweichen können, stünden die Überlebenschancen von stark spezialisierten Arten deutlich schlechter.

Die Folgen dieses Insektensterbens seien zahlreich und zumeist negativ für die verbliebenen Ökosysteme. Insbesondere nennt das Autorenteam eine Abnahme von gewissen Pflanzenarten wegen des Artenschwundes bei Hummeln.

Die Wechselwirkungen zwischen den Arten und den Veränderungen sind komplex. Etwa konnten die Honigbienen durch die Niederschläge im April und Mai und der zum Teil verregneten Obstblüte weniger Nahrungsvorräte einbringen - mit weniger Frühlingshonigertrag. "Die Honigbienen sind derzeit am Einlagern der Nahrungsreserven für den Winter und da ist leider der Regen dazwischengekommen", sagt Robert Brodschneider vom Institut für Biologie der Universität Graz. Auch Witzmann bestätigt: "Die derzeit kalte Witterung ist äußerst schlecht, es wird dieses Jahr wenig Honig geben."

Die Honigbiene fliegt erst ab etwa zehn Grad Celsius aus, die Hummel jedoch schon ab zwei Grad. "Wenn die Witterungsverhältnisse ungünstig sind, gibt es Arten, die damit deutlich besser zurecht kommen als die Honigbiene. Deswegen müssen verschiedene Bestäuber in einem Gebiet vorkommen, denn nur so können alle Pflanzen immer noch bestäubt werden. Dadurch sichern wir auch für uns Menschen die Obst- und Gemüseerträge", sagt der Wiener Umweltökologe und "Wissenschafter des Jahres" Franz Essl.

Vielfältige Blütenpracht

Honigbienen sind für 80 Prozent der Bestäubung verantwortlich, der Rest entfällt auf Wildbienen und einige andere Insekten, wie Schmetterlinge. In artenarmen Landschaften steht Nahrung nicht die ganze Saison zur Verfügung: Wo nur Raps gesetzt wird, gibt es Ende April drei Wochen lang Nektar in Hülle und Fülle und für den Rest des Jahres gibt’s nichts.

In der Gemengelage sei der Terminus "Bienensterben" zu wenig definiert, findet Brodschneider, Spezialist für Völkerverluste von Honigbienen. Auch die direkten und indirekten Auswirkungen des Klimawandels auf diese Insekten seien wenig erforscht. "Normalerweise wäre im November ja für die Honigbienen Schicht im Schacht. Milde Frühwinter verlängern aber die Saison. Die summenden Insekten arbeiten sich dann länger ab, anstatt sich zu schonen und in Winterruhe zu gehen, während Parasiten länger Gelegenheit haben, sich zu vermehren", sagt er: Die Erderwärmung könne der Virulenz von Erkrankungen Rückenwind geben. Die Varroamilbe gilt als eine der größten Gefahren für die Honigbiene. Laut US-Forschern ernähren sich die 1,6 Millimeter kleinen Tiere in der Hauptsache vom Fettkörper der Tiere, der für wichtige Körperfunktionen überlebenswichtig ist.

Ein Bienenvolk liefert 25 Kilo Honig im Jahr. In Österreich können heimische Imker den Bedarf allerdings nicht einmal zur Hälfte decken.