Zum Hauptinhalt springen

Zu teure Bauvorschriften?

Von Bernd Vasari

Politik

Architekten und Bauträger kritisieren strenge Sicherheitsbestimmungen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Die steigende Normierung von Bauprojekten und Richtlinien führe zu immer höheren Kosten beim Wohnbau, klagt Michael Anhammer, Architekt und Sprecher von IG-Architektur bei einer von der Werbeagentur Artphalanx veranstalteten Diskussionsrunde mit dem Titel "Was macht Wohnen teuer?" Um Kosten zu sparen, würden viele Architekten bei Innovation und Kreativität einsparen. "Viele Bauwerke in Wien schauen daher wie Kisten aus."

Auch Hans Jörg Ulreich, Sprecher der österreichischen Bauträger, ist mit der derzeitigen Bauordnung nicht glücklich. "Ich wollte in einem Altbau in Ottakring die Erdgeschoßzone für Wohnungen umwidmen. Das kann ich aber nur, wenn ich einen Lift einbaue." Dabei hätte er mit anderen Stockwerken nichts zu tun. Solche Regelungen würden dazu führen, dass man entweder nicht mehr bauen würde oder den Staat nicht mehr ernst nehme, so Ulreich. Die Normierungen würden letztendlich auch auf die Bewohner Wiens zurückfallen. Wenn weniger gebaut werde, dann gebe es auch weniger Wohnungen. Und weniger Angebot ergebe höhere Mieten.

Pro Stellplatz 8200 Euro

Ein hoher Kostenpunkt beim Bauen ist etwa die Stellplatzverpflichtung für Pkw bei Neu- und Zubauten. Derzeit muss pro Wohnung ein Garagenplatz gebaut werden. Jeder Stellplatz weniger kostet 8200 Euro. Das Geld muss an einen Garagenbetreiber gezahlt werden. In den Garagenbau gehe viel Zeit und Energie, sagt Anhammer, diese wäre anders besser aufgehoben. Ulreich: "In Wien gibt es Carsharing und super Öffis. Ich kann eine Luxus-Dachgeschoßwohnung auch ohne Stellplatz verkaufen." So viele Parkplätze seien gar nicht nötig.

Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) sieht das anders. Es gebe derzeit in Wien durch den Zuzug so viele Pkw wie noch nie. Da sei es besser, diese unter der Erde zu haben, damit an der Oberfläche weiterhin Wohnstraßen und Fußgängerzonen möglich sind. Und die 1:1 Regelung (ein Garagenplatz pro Wohnung) soll ohnehin in der kommenden Novelle der Bauordnung, die mit Jahreswechsel in Kraft treten soll, verändert werden. Wenn hochwertige Öffis in der Nähe sind, werde sich der Schlüssel auf 1:0,7 ändern. Aufgrund von unterschiedlichen Bedürfnissen - vor allem in den Außenbezirken sei man mehr auf ein Auto angewiesen - werde die Regelung in Zukunft flexibler gestaltet sein. Die Stellplatzverpflichtung werde es aber weiterhin geben, sagt Ludwig.

Angezweifelt werden auch der verpflichtende Einbau von sogenannten Notkaminen und die geltenden Brandschutzbestimmungen. "Ich kann ohne einen Brandschutzplaner nicht einmal ein kleines Projekt umbauen", so Anhammer. Überhaupt seien Sicherheitsvorkehrungen in der Bauordnung zu streng geregelt. Anhammer fordert hier mehr Spielraum. Er verweist auf alte Bauwerke, wie der Kaimauer am Donaukanal, wo es auch ohne strenge Sicherheitsvorkehrungen funktioniere. Dort gebe es etwa Betrunkene, Kinder und Radfahrer und keine Absperrung zum Fluss. Trotzdem habe der Ort eine hohe Qualität. Das wäre heute nicht mehr möglich. Auch die Barrierefreiheit, die in jedem Neu- und Zubau gewährleistet sein muss, wird kritisiert.

Menschliche Kostentreiber

Die Notrauchfänge werden mit der kommenden Novelle abgeschafft, kontert Michael Ludwig. Regelungen zur Barrierefreiheit sind für ihn hingegen unverzichtbar. "Viele Menschen werden immer älter und wollen immer länger in ihrer Wohnung bleiben. Barrierefreiheit ist ein Kostentreiber aber menschlich wichtig." Auch Menschen mit Kinderwägen würden davon profitieren.

Die Sicherheitsbestimmungen seien ebenfalls notwendig. Nachdem eine EU-Richtlinie gegen Erdbeben in die Bauordnung übernommen wurde, gab es Kritik von allen Seiten, erzählt Ludwig. Eine Woche später gab es ein Erdbeben in Norditalien. Die erste Frage, die ihm gestellt wurde war: "Welcher Politiker ist dafür verantwortlich, dass dort Häuser zusammenbrechen?" Als Politiker habe man diese Verantwortung zu tragen. Ulreich widerspricht: "Die Verantwortung liegt bei uns, nicht bei den Politikern."