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Zu viel Wahlkampf im TV?

Von Fritz Hausjell

Gastkommentare
Fritz Hausjell lehrt Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

Die vielen Fernsehdebatten der Wahlkämpfer haben vor allem Journalisten übersättigt - das TV-Publikum kann abschalten, wenn es langweilig wird.


Die Debatte darüber, ob dem Publikum zu viele TV-Konfrontationen zugemutet würden, führte die heimische Presse überraschend früh und fast nur negativ. Politiker-Streitgespräche im Hörfunk und in den Printmedien selbst wurden allerdings erst gar nicht thematisiert. Dafür wurden Umfragen gerne zur Kenntnis genommen, wonach mehr Menschen sich aus Printmedien als aus dem TV zur Wahlentscheidung informieren würden. Zudem präsentierte schon zu Wahlkampfbeginn das Magazin "trend" eine Studie darüber, wie die Bevölkerung die Unabhängigkeit der ORF-Berichterstattung beurteilt. Wie unabhängig Österreicher die Berichterstattung einzelner Printmedien bewerten, die sich selbst als "unabhängig" bezeichnen, hat man gar nicht vergleichend erfragen lassen.

Liegt diese einseitige Auseinandersetzung an der Urangst der Printmedien vor dem übermächtigen TV? Ist die Konkurrenz beim Publikum die Ursache für schon so früh geäußerte Ängste? Geht es auch um die Werbemärkte? Dabei ist der ORF kein Konkurrent der Printmedien, da Wahlwerbespots im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht erlaubt sind.

Im Übrigen leben viele Zeitungen publizistisch ein Stück von der TV-Konkurrenz: Sie greifen TV-Konfrontationen intensiv auf, führen den Diskurs fort, publizieren eigene Umfragen dazu.

Vielleicht ist es ein wenig auch die Angst um die mediale Ressource "Politiker", die wegen vieler TV-Auftritte dann weniger für Zeitungs- und Magazin-Interviews zur Verfügung stehen. Und der Wettbewerb der Mediengattungen um die entsprechende Aufmerksamkeit des Publikums, das sich bei vielen Bildschirmpräsenzen ausreichend vom TV informiert fühlen könnte?

Die Kritik am "Zuviel" hat vielleicht auch einfach damit zu tun, dass sich viele Journalisten aus beruflichen Gründen mit jeder TV-Debatte beschäftigen müssen. Da kommt rasch ein Sättigungsgefühl. Aber das TV-Publikum ist nicht jeden Tag dasselbe, es setzt sich von Sendung zu Sendung neu zusammen. Und: Wird es jemandem zu viel, hat nach mehr als einem halben Jahrhundert TV-Erfahrung jeder den Aus- oder Umschaltknopf entdeckt. Die hohen Quoten sprechen jedenfalls dafür, dass die Entscheidungen des ORF und der Privatsender, die diesmal mehr als vor fünf Jahren, wenngleich in Summe viel weniger als der ORF geboten haben, richtig waren.

Ob mehr TV-Konfrontationen auch mehr Wähler bringen, wird sich am Sonntag zeigen. Ob es bei den nächsten Wahlen noch mehr oder wieder weniger TV-Konfrontationen geben wird, hängt zunächst davon ab, welche Rolle die Wissenschaft dem TV für die Wahlentscheidung empirisch begründet zubilligt. Und es gibt auch eine schlichte physische Grenze bei den Politikern: Selbst im Wahlkampf hat der Tag nur 24 Stunden, und Auftritte vor Publikum sowie Betriebs- und Hausbesuche werden weiterhin nötig sein. Werden die Medienredaktionen weiter geschrumpft, stellt sich zudem die Frage, wer so viel in so knapper Zeit qualitätsvoll schaffen sollte.

Damit wären wir bei der Frage nach der Qualität des üppigen TV-Angebots. Aber dazu reicht ein einzelner Gastkommentar nicht.