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"Zu wenige Frauen in der Start-up-Szene"

Von Christian Rösner

Politik

Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner anlässlich der Veranstaltung "Gründen in Wien" im Interview.


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Wien. Morgen, Freitag, findet das Start-up-Event "Gründen in Wien" statt. An diesem Tag öffnen Co-working Spaces, Jungunternehmen, Hubs, Förderstellen und Initiativen ihre Türen und zeigen, wie Geschäftsideen erfolgreich realisiert werden können. Wie es um die Start-up-Szene in Wien bestellt ist und welche Auswirkungen dieser wirtschaftliche Trend auf Wien hat, erklärte Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner in einem Interview.

"Wiener Zeitung": Sie haben einmal gesagt, Wien soll Start-up-Hauptstadt Zentral- und Osteuropas werden. Was wurde daraus?Renate Brauner: Wir sind gut unterwegs. Das Ziel, dass wir Start-up-Hauptstadt werden, haben wir natürlich noch nicht erreicht, aber wir haben dafür eine Vielzahl an Maßnahmen gesetzt, wie zum Beispiel eine Menge an Förderprogrammen. Im Moment gibt es etwa einen besonderen Start-up-Schwerpunkt, der mit 3 Millionen Euro dotiert ist. Gleichzeitig gibt es sehr viele Angebote im Beratungsbereich und auch im Immobilienbereich - etwa eigene Start-up-Büros in Neu Marx oder im Technologiezentrum Aspern. Weiters haben wir das Start-up-Welcome-Package, wo internationalen Start-ups die Wiener Szene drei Monate lang testen können.

Viele bezeichnen Start-ups als Modererscheinung. Warum ist das Thema so wichtig für Sie?

Weil da ein riesen Schwung an Energie und Innovation zu uns nach Wien schwappt, der für die Dynamik unseres Wirtschaftsstandortes sehr wichtig ist. Außerdem sind Start-ups - und das wird oft unterschätzt - ein wichtiger arbeitsmarktpolitischer Faktor. Nach zweieinhalb Jahren haben Start-ups im Schnitt 7,5 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Wenn sich alles nur noch um die Start-ups dreht, kommen denn dann die normalen EPUs nicht unter die Räder?

Das ist natürlich eine berechtigte Frage. Nein, kommen sie nicht. Start-ups sind sehr innovations- und technologiegetriebene Unternehmungen, die "nur" 7 Prozent aller Gründerinnen und Gründer ausmachen. Vergangenes Jahr gab es in Wien rund 8700 Gründungen - allen stehen unsere Beratungs- und Förderschwerpunkte zur Verfügung. Ich denke da zum Beispiel an den eigens eingerichteten Call für innovatives Handwerk.

Es gibt den Vorwurf, dass gerade in der Start-up-Szene das Thema Selbstausbeutung ein sehr großes ist: Junge Menschen arbeiten Tag und Nacht, um ihre Ideen auf Schiene zu bringen. Wie lässt sich dass mit unseren sozialen Errungenschaften, wie etwa geregelte Arbeitszeiten, vereinbaren?

Grundsätzlich muss man darauf aufpassen, dass diese sozialen Errungenschaften und Regeln nicht über Bord gekippt werden. Und wir beobachten sehr kritisch, dass es in der Start-up-Szene so wenige Frauen gibt - und das hat auch ganz sicher mit diesem
Thema zu tun. Weil mit zwei Kindern kann man eben nicht rund um die Uhr arbeiten und - überspitzt gesagt - den Rest der gemeinsamen Zeit am Wuzzler verbringen. Es gibt bei den Start-ups aber auch solche, die sagen: Ich will das gar nicht, ich will nicht wachsen, sondern bleiben, wie ich bin. Das ist eben die Vielfalt, die die Wiener Wirtschaft auszeichnet und die es auch geben muss. Außerdem gibt es ja auch immer mehr Start-ups, die sich auch sozialen und nachhaltigen Themen widmen, auch für diese Social Entrepreneurs hat die Wirtschaftsagentur eine eigene Förderschiene gestartet. Deswegen richtet sich der Event "Gründen in Wien" auch an alle Gründerinnen und Gründer.

Apropos nachhaltig. Wie nachhaltig sind eigentlich Start-ups, wenn man bedenkt, dass sie oft nur zum Laufen gebracht werden, um sie letztendlich teuer an Großkonzerne verkaufen zu können?

Hier leidet die gesamte Branche unter der Öffentlichkeitswirksamkeit von einigen wenigen Beispielen. Ich war erst vor kurzem zu Besuch bei einem Start-up, das hochspezialisierte 3D-Drucke von medizinischen Marmorgelenken macht. Die sagen zum Beispiel, sie denken gar nicht daran zu verkaufen. Und sie beklagen, dass sie eben unter diesem oft falschen Ruf leiden: Start-ups wollen nur schnell Geld machen und sonst gar nichts.

Sie meinen also, ein Großteil der Start-ups will das nicht?

Erfolgreich zu sein hat viele Gesichter. Und nicht alle wollen das, was sie mit viel Herzblut aufgebaut haben, möglichst schnell wieder zu Geld zu machen. Daher darf man nicht alle einfach in einen Topf werfen.

Arbeitet die Wirtschaftsagentur auch mit der Wirtschaftskammer zusammen - wird parteiübergreifend an einem Strang gezogen?

Ja, natürlich. Bestes Beispiel ist das Pioneers Festival, das wir gemeinsam unterstützen. Und auch bei internationalen Präsentationen kooperieren wir - das ist ganz selbstverständlich und auch notwendig. Und nicht zuletzt sitzt Präsident Ruck ja auch mit mir gemeinsam im Präsidium der Wirtschaftsagentur Wien.

Reagiert die Stadt auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die das Entstehen einer großen Start-up-Szene mit sich bringt?

Wir unterstützen zum Beispiel die erwähnten Coworking Spaces, stellen Infrastruktur speziell für Start-ups zur Verfügung. Auch die Veranstaltung "Gründen in Wien" ist eine Reaktion auf diese neue Vielfalt in der Wirtschaft.

Und wie sieht es mit urbanen Angeboten aus - Nachtleben, WLAN-Ausbau, Öffis rund um die Uhr? Böse Zungen behaupten, Wien wäre vergleichsweise verschlafen...

Wien verbindet eine junge Szene und moderne Infrastruktur mit sozialer Sicherheit. Man darf nicht vergessen, dass sich auch ein Start-up-Gründer das Bein brechen kann und ärztliche Versorgung braucht. Bei uns bekommt er sie. Und wissen Sie, wonach die Forscher im Life-Science-Bereich als Erstes gefragt haben, als sie vor zehn Jahren nach Wien gekommen sind? Nach einem Kindergarten. Und zwar einem mit erweiterten Öffnungszeiten. Bei uns gibt es das. Und die Frage der Mobilität in der Nacht haben wir - mit oder ohne Start-up-Szene - schon vor Jahren gelöst. Zeigen sie mir doch einmal eine andere europäische Stadt mit Nacht-U-Bahn - die man auch als Frau benutzen kann.

www.wirtschaftsagentur.at

Zur Person

Renate

Brauner

ist Stadträtin für Finanzen, Wirtschaft und Internationales. Sie ist weiters auch Vorsitzende der Wiener SPÖ-Frauen.