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Zuckersüße Totenschädel

Von Muhamed Beganovic

Politik
Tote Seelen im Weltmuseum ganz lebendig.
© Latinidade

"Dia de los Muertos" vermischt aztekische und christliche Bräuche.


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Wien. Drei Tage lang werden tote Seelen ihre lebendige Verwandtschaft besuchen, und das wird gefeiert. Daran glauben die Mexikaner. Auch in Wien wird das volkstümliche Fest "Dia de los Muertos" vom 31. Oktober bis 2. November im Weltmuseum zelebriert. Totenaltar inklusive.

Rafael Gutierrez Donadio erinnert sich immer noch sehr gut an die Totentagsfeier aus seiner Kindheit. Er erinnert sich an das gute Essen, die bunten Kleider und die Stimmung. Diese Tage waren aber auch wie eine Art Ausbildung für ihn. "Meine Mutter hat mir alles beigebracht, was es über die Feierlichkeiten zu wissen gibt. Ich habe jedes Jahr ausgeholfen und bin quasi als Organisator groß geworden", erzählt der 52-jährige Kulturmanager mit mexikanischen Wurzeln. Seit neun Jahren veranstaltet er die Totentagsfeier. Heuer im Wiener Weltmuseum. Jedes Jahr kommen rund 200 Besucher.

"An diesen drei Tagen wandern die Seelen von Verstorbenen auf Erden und besuchen die Verwandtschaft. Das ist ein Grund zu feiern", erklärt Donadio den Geist der Feier. Totenaltare werden für die Verstorbenen aufgebaut. Oft müssen Grabsteine dafür herhalten, da viele Menschen direkt am Friedhof feiern. Auf dem Altar kommen dann Lieblingsspeisen des Verstorbenen, Fotos, Blumen, Kerzen, Calaveras de Dulce (Schädel aus Zucker oder Schokolade), die den Namen des Verstorbenen auf der Stirn eingraviert haben, und auch Pan de Muerto, das Totenbrot. "Die Familie versammelt sich um den Altar und feiert mit Speis, Trank und Musik", sagt Donadio. Typisch für die Feier sind die beeindruckend geschminkten Menschen, die sich wie Skelette anmalen, um "sich so symbolisch in tote Seelen zu verwandeln, obwohl sie paradoxerweise ganz lebendig sind", so Donadio.

Mit dem Dia de los Muertos möchte Donadio der mexikanischen Community in Wien die Möglichkeit bieten, gemeinsam zu feiern und die Tradition am Leben zu erhalten. Heuer fiel es ihm leicht sich für einen Veranstaltungsort zu entscheiden. "Die Feier ergänzt die Ausstellung (Südamerikasammlung, Anmerkung der Redaktion), die gerade im Weltmuseum läuft, auf eine sehr wunderbarere Art und Weise, nicht zuletzt wegen dem unmittelbaren Mexikobezug. Dort wird auch das berühmte Penacho, eine Federkrone aus dem alten Mexiko, ausgestellt", sagt Donadio. In dessen Nähe werden am 2. November auch ausgeschmückte Totenaltare zu sehen sein, die einen weiteren Teil der altmexikanischen Kultur repräsentieren. Er selbst wird einen Totenaltar für seine verstorbene Mutter aufbauen. Jedes Jahr baut er einen und schmückt ihn mit den traditionellen Artikeln, dazu selbstverständlich auch Zuckerschädel. Nur eines fehlt ihm heute. "Ich konnte niemanden finden, der mir ein Totenbrot bäckt."

Ein Cocktail aus heidnischen Bräuchen

Dia de los Muertos gehört zu den traditionsreichsten und wichtigsten Feiertagen Mexikos. Sein Ursprung kann auf die alten Azteken zurückverfolgt werden, ist aber nicht gänzlich ein heidnisches Ritual aus vorspanischen Zeiten. Die Azteken hatten einen lockeren Zugang zum Tod. "Sie glaubten, dass der Tod keine Unterbrechung oder Ende des Lebens darstellt, sondern eine Art Fortsetzung. Genauso wie wenn nach dem Tag die Nacht kommt und dann wieder ein neuer Tag. Sie haben das als ewigen Kreis wahrgenommen", erklärt Donadio. Der Dia de los Muertos wurde in der präkolumbischen Ära, zu Erntezeit gefeiert. Als die Spanier vor etwa 500 Jahren Mexiko kolonialisierten und die christliche Religion einführten, hatte die Bevölkerung Mexikos plötzlich ein anderes Verständnis von Leben und Tod. Dennoch blieb Dia de los Muertos fortbestehen. Das Bemühen spanischer Missionare das Fest gänzlich abzuschaffen scheiterte immer wieder. Es kam zu einem Kompromiss. Das Fest wurde mit Allerheiligen und Aller Seelen zusammengelegt. So entstand ein völlig neues Fest, ein Cocktail aus heidnischen Bräuchen der indigenen Bevölkerung und Elementen der christlichen Religion. "Dia de los Muertos ist ein religiöses, traditionelles, aber auch ein folkloristisches Fest", fasst es Donadio treffend zusammen.

Vor zehn Jahren wurde der Festtag von der Unesco in ihrem Programm "Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" aufgenommen. Das Programm, eine Ergänzung des Welterbeprogramms, inkludiert unter anderem Mythen, kulturelle Bräuche, Tanz und Musik. Mit der Aufnahme in das Programm verpflichten sich Länder, ihre jeweilige Bräuche aufrechtzuerhalten. Österreich ist im Programm vertreten. Das Imster Schemenlaufen, eine volkstümliche Parade mit theatralischen Zügen, wurde 2012 ebenso in die Liste aufgenommen.

Halloween macht Totenfest Konkurrenz

Dia de los Muertos kann nicht mit Halloween verglichen werden, das will Donadio klarstellen. "Halloween hat mehr der Charakter eines Events. Es bewegt sich mehr auf eine Ebene der oberflächlichen Unterhaltung, die heutzutage ausgezeichnet vermarktet wird", kritisiert er das Fest aus den USA. Dennoch kann nicht verleugnet werden, dass Halloween in Mexiko aber auch bei der mexikanischen Diaspora immer populärer wird. In manchen Fällen führt das dazu, dass die Feierlichkeiten an Halloween angepasst werden. Die Kolonialisierung brachte christliche Elemente in ein heidnisches Fest. Durch die Globalisierung und Kommerzialisierung könnte das religiöse wieder gänzlich verschwinden. Donadio sieht es dennoch locker:

"Halloween ist keine wirkliche Konkurrenz, denn es hat für viele Mexikaner keine Bedeutung. Wenn Freunde aus Österreich mich zu einer Halloween-Party einladen, dann feiere ich gerne mit, aber es ist eher so, als würde ich in eine Disco gehen. Es ist eben nur Spaß." Dia de los Muertos ist für ihn hingegen viel mehr. "Das Fest ist tief religiös und gleichzeitig volkstümlich, eine Angelegenheit, bei der sich die Familie versammelt, sich an die Verstorbenen erinnert, Gitarre spielt, singt, sich mit den Leuten am Grab nebenan unterhält und mit ihnen die mitgebrachten Speisen und Getränke teilt. Es ist eigentlich ein Fest des Lebens."