Zum Hauptinhalt springen

Zufriedene Verlierer

Von Walter Hämmerle

Kommentare

Warum trudeln manche Parteien ohne Gegenwehr ihrem Untergang entgegen? Ein Erklärungsversuch.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

An irgendeinem Zeitpunkt im Leben einer altehrwürdigen Partei scheinen Niederlagen ihren Schrecken zu verlieren. Offensichtlich kann auch in der Politik versagen zur Angewohnheit werden: zweifellos lästig und unangenehm, aber eben auch nicht zu ändern.

Der Verlust der absoluten Mehrheit ist für Machtmenschen - und nur solche zieht eine Partei mit einer solchen Mehrheit an - noch ein Schock, die schlimmste anzunehmende Katastrophe. Doch dann fühlt sich der Schmerz nach jeder weiteren Niederlage immer weniger schmerzhaft an. Und wenn man unten angekommen ist, tut es plötzlich gar nicht mehr weh.

Das kommt natürlich einer Selbstaufgabe der Parteien gleich - zumindest, wenn man eine Partei als Vehikel zur Gewinnung, Erhaltung und Ausübung politischer Macht begreift, was vielleicht unserer romantischen Vorstellung dieser säkularen Gesinnungsgemeinschaften widerspricht, aber der Realität recht nahe kommt.

In Österreich gibt es aktuell zwei Beispiele einer solchen Selbstaufgabe (Team Stronach, BZÖ und ähnlich strukturierte Experimente ausgenommen): die Wiener ÖVP und die Vorarlberger SPÖ. Während bei den Roten in Wien Panik herrscht, und angesichts unerfreulicher Umfragen ein Jahr vor der Wahl der Parteimanager ausgetauscht wird, und auch die Schwarzen im Ländle Hyperaktivität auf allen Ebenen versprühen, um den sicheren Verlust der Absoluten vielleicht doch noch irgendwie abzuwenden, scheint die Stimmung bei den beiden Zwergen tadellos. Dass sowohl die Ländle-SPÖ wie auch die Rathaus-ÖVP demnächst womöglich nur noch einstellig anschreiben, treibt hier niemandem die nackte Verzweiflung ins Gesicht. Keine Spur von politischem Überlebenskampf, ja nicht einmal ein klitzekleines Köpferollen. Kurz: Mit der Aussicht, demnächst unter die 10-Prozent-Marke abzusinken, jagt man hier keinen Funktionär hinter dem Ofen hervor. Stattdessen stößt man auf lauter Stoiker im Angesicht der Endlichkeit, die sich allesamt sicher sind, dass man da halt nichts machen kann.

Diese Selbstaufgabe widerspricht jeder politischen Logik. Warum verhält es sich trotzdem so?

Möglich, dass mit der schrumpfenden Größe auch die Außenwahrnehmung abhanden kommt. Von innen heraus betrachtet ändert sich ja vielleicht gar nicht so viel: man rittert um eine Handvoll interessanter (und finanziell lukrativer) Posten, absolviert zahllose Sitzungen und Besprechungen, versucht, das eigene politische Fortkommen und Überleben zu gewährleisten, muss interne Konflikte moderieren, applanieren und mitunter auch entscheiden und so weiter und so fort. Eigentlich besteht, wenn man es genau betrachtet, gar kein so großer Unterschied zwischen einer Partei mit 9,9 Prozent und einer anderen mit 29,9 Prozent; zumindest dann nicht, wenn beide nicht regieren.

Vielleicht trösten sich deshalb ja so viele Funktionäre in diesen Parteien damit, dass es sich nur um einen quantitativen Unterschied handelt zwischen sich selbst und den anderen, größeren Parteien. Und reine Masse ja bekanntlich nichts mit der Qualität zu tun habe. Sie vergessen dabei nur, dass in der Demokratie Quantität auch eine Qualität ist, und nicht die unwichtigste.