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Nachzeichnung einer Flucht ins Ungewisse, die für alle tödlich endete.
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Wien. "Mich freut gar nichts hier. Wäre schon gerne bei Euch. Es ist so furchtbar, dass wir nicht die Wahrheit über unser Weiterkommen erfahren." Diese Worte schrieb Fanny Hahn am 10. Mai 1940 aus Kladovo an ihre Tochter "Kitty", die es bereits nach Palästina geschafft hatte. Doch die Eltern, die in Wien die Parfümerie "Kitty" - benannt nach ihrer Tochter - besessen hatten, saßen noch gemeinsam mit 1200 anderen jüdischen Flüchtlingen in Kladovo fest. Auch sie wollten weiter in das britische Mandatsgebiet Palästina, denn die meisten restlichen Länder nahmen im Herbst 1939 keine Flüchtlinge mehr auf.

Die "Wahrheit über das Weiterkommen" ihrer Eltern sollte "Kitty" Hahn bis an ihr Lebensende belasten. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht im April 1941 in Jugoslawien war der Anfang vom Ende. Ein Jahr später wurden alle Flüchtlinge, auch die Hahns, ermordet: zuerst die Männer im Oktober 1941 im Zuge der "Partisanenbekämpfung", im Frühling 1942 Frauen und Kinder während eines Bustransports, bei dem die Abgase in das Wageninnere weitergeleitet wurden. Nur 230 Personen, großteils Jugendliche von 15 bis 17 Jahren, war noch im März 1941, kurz vor dem Einmarsch der Deutschen, die Flucht nach Palästina gelungen.
"Kitty" starb vor einem Jahr 91-jährig in Israel. "Ihr ganzes Leben schmerzte sie die Wunde, dass sie im Jahr 1940 nicht die Mittel hatte, ihren Eltern zu helfen und sie zu retten", erzählt ihr Sohn, der heute in Israel lebt und am 13. September nach Wien kommen wird. Anlass ist die Eröffnung einer Ausstellung über den Kladovo-Transport im Burgenländisch-kroatischen Zentrum im vierten Bezirk. "Die Räumlichkeiten sind sehr schön, das ist ein würdevoller Ort", freut sich Projektleiter Zeljko Dragic, seines Zeichens serbisch-stämmiger Jude. Dragic möchte auch speziell die ex-jugoslawische Community Wiens mit der Schau erreichen. Der Bildband zur Ausstellung ist zweisprachig - Deutsch und Serbokroatisch.
Aufklärung für die Jungen
Der tragische Verlauf des gescheiterten Kladovo-Transports betreffe vor allem Serbien und Österreich, betont der Historiker. Flüchtlinge aus Wien stünden bei der Ausstellung im Vordergrund. In der ex-jugoslawischen Community sei das Bewusstsein über Tragweite und Bedeutung des Zweiten Weltkriegs durchaus vorhanden, mehr als in einigen anderen Migranten-Communitys. Doch die junge Generation wisse nur wenig. Deshalb sind Führungen mit Schulklassen geplant. "Bei mir geht es nicht um Schuld. Die Würde der Menschen ist mir wichtig und dass das Unheil im Bewusstsein bleibt." Zeljko Dragic arbeitet als Chefredakteur der Online-Ausgabe des Monatsmagazins "Kosmo", dessen Zielgruppe Österreichs ex-jugoslawische Community ist. "Kosmo" ist auch Veranstalter der Ausstellung, die bis 14. Oktober dauert.
Die Idee zur Ausstellung kam Dragic bei Recherchen in Belgrad für seine Dissertation über das "Verhältnis der serbisch-orthodoxen Kirche zum Judentum im 20.Jahrhundert". "Viele Juden versuchten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs über das Königreich Jugoslawien in andere Länder zu gelangen. Das Königreich bot als eines der wenigen europäischen Länder zentraleuropäischen Juden noch Zuflucht." Bei der Untersuchung stieß Dragic auf drei Ausflugsschiffe, auf denen fast nur Flüchtlinge aus Wien waren, die alle die Flucht nicht geschafft haben. Eines der Probleme war, erläutert Dragic, dass sich die britische Mandatschaft in Palästina gegen weitere jüdische Flüchtlinge gewehrt hat.
Chronik einer Tragödie
Bis heute geben Zeitzeugen auch amerikanischen Juden und zionistischen Organisationen die Schuld am Scheitern des Kladovo-Transports, weil diese sich nicht genügend eingesetzt hätten. Verantwortlich für die Organisation zeichnete der "Mossad le Alija Bet", eine in Palästina gegründete Zweigorganisation der zionistischen Arbeiterpartei, die nicht mit dem später gegründeten israelischen Geheimdienst zu verwechseln ist. Gemeinsam mit der zionistischen Dachorganisation "Hechaluz" organisierte sie "illegale" Transporte, um europäische Juden nach Palästina zu bringen.
Beim Kladovo-Transport wurden die Flüchtlinge zunächst in Bratislava auf drei jugoslawische Ausflugsschiffe aufgeteilt. Ende 1939 wurden die Schiffe an der rumänischen Grenze gestoppt, da das Eis auf der Donau das Weiterkommen verhinderte. Im Donauhafen Kladovo musste man monatelang die Eisschmelze abwarten. Kälte, Schmutz und Enge auf den Schiffen wurden unerträglich, weshalb die Insassen schließlich in Zelten am Ufer untergebracht wurden, in denen sich aber Malaria, Krätze, Furunkulose sowie Kinderlähmung und Typhus breitmachten. Viele warteten verzweifelt auf Einwanderungszertifikate von jüdischen und zionistischen Institutionen. Mehrmals wurden angekündigte Weiterreisen in letzter Sekunde abgesagt. So ereilte alle das Gefühl, von der restlichen Welt vergessen worden zu sein. Als die Fahrt im September 1940 endlich weiterging, wurden die Flüchtlinge zu ihrem Entsetzen stromaufwärts, zurück ins kleine serbische Städtchen Sabac nahe Belgrad geschickt. Dort durften sie sich immerhin frei bewegen, einige versuchten, Arbeit zu finden. Dass schließlich alle ermordet wurden, erfuhren ihre Verwandten in Palästina erst am Ende des Kriegs.
Zeljko Dragic hat neues Material für die Ausstellung gesammelt. "Ich habe eine ganze Woche mit Zeitzeugen aus Israel in Serbien verbracht. Einige sprechen noch immer Serbisch." Manche von ihnen werden auch die Ausstellung besuchen. Der Enkel des Ehepaars Hahn hält fest: "Die Hahns verließen Wien als freie Menschen, erreichten Jugoslawien als freie Menschen, wurden zu Flüchtlingen und starben als Gefangene der Nazis."
Ausstellung Kladovo-Transport
13.9. bis 14.10., Mo-Fr 10-17 Uhr, Burgenländisch-kroatisches Zentrum, Schwindgasse 14/4
1040 Wien
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