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Michael Staudigls Arbeit untersucht die Tiefenstruktur. | Unterstützung erhält er dabei vom Wissenschaftsfonds. | Graz. Gewalt hat viele Gesichter. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner sei die Absicht, die menschlichen Möglichkeiten der Sinngebung zu vernichten, meint der Philosoph Michael Staudigl. In seiner Arbeit versucht er die Tiefenstruktur des "Zirkels von Gewalt und Gegen-Gewalt" offenzulegen. Wenn die Weltgesundheitsorganisation von jährlich rund 1,6 Millionen Todesfällen aufgrund von Gewalt spricht, wird deutlich, wie eindimensional das Gewaltverständnis in vielen Bereichen noch immer ist.
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"Obwohl sie Gewalt mit Gesundheit in Zusammenhang bringt, verwendet die WHO nie den Begriff der strukturellen Gewalt", bemerkt der Philosoph Michael Staudigl vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. "Würde man diese Form von Gewalt etwa mit vermeidbaren Hungersnöten, Krankheiten oder Armut generell in Verbindung bringen, hätte man nicht nur viel mehr Gewaltopfer, sondern müsste die Verantwortlichen auch zum Handeln zwingen."
Dennoch: Dass Gewalt in unterschiedlichsten Ausprägungen auftreten kann, wird mittlerweile bereits in zahlreichen Forschungsfeldern thematisiert, es beginnt sich sogar eine "interdisziplinäre Gewaltforschung" zu entwickeln. Was all diesen Bemühungen fehlt, ist allerdings ein integrativer Gewaltbegriff, "ein Paradigma, mit dem die verschiedenen Formen von Gewalt, von der physischen über die strukturelle bis zur symbolischen, als Aspekte eines Phänomens - nämlich der gewaltsamen Verletzung - erfasst werden können", so Staudigl.
Um diese theoretische Lücke zu schließen, schlägt der Philosoph eine Annäherung an das Gewaltthema mit dem Instrumentarium der Phänomenologie vor: "Grundsätzlich geht es der Phänomenologie um die Frage, wie wir der Welt Sinn abgewinnen. Meine Hypothese lautet, dass Gewalt Sinn zerstört, indem sie unsere Möglichkeiten der Sinngebung untergräbt."
(Neo-)Koloniale Gewaltformen
Gewalt zerstört die körperliche Integrität ihrer Opfer und auf einer höheren Ebene auch ihre soziale und kulturelle Identität. Eine Annahme, die Staudigl am Beispiel von Gewalt im Kolonialismus erläutert: "Diese richtete sich nicht nur gegen die Körper der Kolonialisierten, sondern ebnete auch den Weg für eine systematische Ausbeutung ihrer Lebenswelt und eine Kolonialisierung ihres Denkens und Empfindens."
So wurden etwa durch das Verbot traditioneller Praktiken wie Jagen und Sammeln die kulturellen Sinnzusammenhänge abgeschnitten und damit die Grundfunktion des menschlichen "Ich kann" - nämlich die Erfüllung unserer Bedürfnisse - negiert.
"Verliert jemand dieses Ich kann, wird nicht nur der Körper zu einem nicht funktionierenden Instrument, die Person verliert überdies die Möglichkeit, die Sinnhaftigkeit ihrer Lebenswelt zu enthüllen, ihr Sinn zu geben oder diesen zu verändern", erläutert Staudigl.
Der Zusammenbruch traditioneller Sinngebungsmuster wurde zudem durch die Missionare mit ihrer Neuinterpretation religiöser Praktiken vorangetrieben. Eine andere Form kultureller Gewalt war die Abwertung der Sprache, wodurch tradierte Sinnzusammenhänge immer schwerer weitergegeben werden konnten. "Letztlich fanden sich die Kolonialisierten in einer weitgehend sinnentleerten Welt wieder", fasst Staudigl die Resultate kolonialer Gewalt zusammen.
Das führte schließlich zum Zusammenbruch ganzer Kulturen. Aber: "Vergleichbares ist auch im Rahmen neoliberaler Globalisierungsbestrebungen zu beobachten, wo die tradierten Sinngebungsmuster ohnehin fragiler Übergangsgemeinschaften aufs Neue angegriffen werden."
Überkompensation von Sinnverlust
Als Reaktion auf diesen gewaltsamen Entzug von Sinn durch die totale Beschneidung des "Ich kann" entstehe wiederum Gewalt: "In einer Welt, in der einem alle Möglichkeiten genommen sind, schaffen sich die Menschen oft ein mit Sinn überfrachtetes Gegenmodell", so der Philosoph. Beispielhaft dafür sind etwa ideologische Vorstellungen von einer reinigenden und dadurch Gemeinschaft stiftenden Gewalt oder die Erlösungsphantasien von Suizid attentätern.
"Hier kommt auch das exzessive Spiel mit der Verletzlichkeit des Menschen dazu. Die eigene Körperlichkeit wird auf eine Weise eingesetzt, dass sie mit sich selbst zumindest auch die von anderen auslöscht, also die endgültige Selbstaufgabe des Ich kann wird am eigenen Leib und möglichst vielen fremden zelebriert".
Mit seiner vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Grundlagenarbeit dekonstruiert Staudigl nicht zuletzt den Mythos der "sinnlosen Gewalt". Die verschiedenen Formen von Gewalt können - so seine Überlegung - weder als biologische noch als sozial determinierte Konstante der menschlichen Existenz adäquat thematisiert werden. Gewalt müsse vielmehr als Handlungsmöglichkeit gesehen werden, deren Sinn in der mehr oder weniger bewussten Zerstörung von Sinn liegt. Die Überprüfung dieser Hypothese an konkreten Fällen soll nun ihr Potenzial für die Gewaltforschung ausloten.
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