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Zum Zocken verdammt

Von Irene Prugger

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diarium


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"Die Börse ist überall" und: "Der Nachbar fliegt, fährt und wohnt immer billiger." Das sind offenbar zwei Grundgesetze des modernen Reisegeschäfts. Ob ich mit Bus oder Zug fahre oder mit dem Flugzeug fliege - die Passagiere, die neben mir sitzen, haben ihre Tickets meistens billiger erworben. Ob ich in einem Luxushotel oder in einer einfachen Pension übernachte - ich bezahle den regulären Preis, während meine Zimmernachbarn einen sensationellen Sonderrabatt ausgehandelt haben, entweder durch Früh-, Frühest-, Spät- oder Spätestbuchung.

Warum gelingt mir das nie? Bin ich beim Buchen früh dran, kann es sein, dass die Preisentwicklung für Flug und Hotel anschließend rasant nach unten rasselt, bin ich spät dran, sind die günstigen Plätze schon vergeben und es gilt ab jetzt der reguläre Preis.

Auf den Internet-Seiten der Hotel-Buchungsplattformen bekommt man es vor Augen geführt: Das Zimmer kostete gestern so viel, heute ist es zehn Euro billiger. Morgen kann es um 30 Euro teurer sein. Bei Flügen buchst du heute oder morgen um 30 oder gar 50 Prozent teurer oder günstiger als gestern oder vorgestern oder übermorgen. Welche Preisentwicklung zu erwarten ist, sagt dir keiner von den Anbietern, sie behaupten, sie wüssten es auch nicht. Ist das der erbarmungslose Wettkampf von Angebot und Nachfrage? Oder lässt man einfach so zum Spaß eine Kugel auf einem Roulettetisch mit zwei-, drei- und vierstelligen Zahlen kreisen?

Das Internet ist besonders perfide: "Drei Personen sehen sich gerade dieses Angebot an." Solche Sätze wirken beunruhigend, wenn das in Frage kommende Zimmerangebot knapp ist. Auch der Hinweis, die letzte Buchung sei vor zehn Minuten erfolgt, treibt den Puls nach oben und man muss sich vorsehen, keine unüberlegten Entscheidungen zu treffen. Überlege ich jedoch zu lange, wird mir das mit "Schnäppchen" bezeichnete Angebot vor der Nase weggeschnappt.

Da lobe ich mir jene Unterkunftsbetriebe, die noch brav ihre Preise nach Winter-, Sommer- und Zwischensaison auflisten. Aber auch sie haben Sonderangebote, die aus irgendeinem Grund bei mir nicht gelten. Nicht etwa deshalb, weil ich zu besagtem Termin nicht anreisen kann, sondern weil man dabei entweder unter 18 sein muss, das Angebot nur für eine sechsköpfige Familie, für Senioren oder einen Single mit Hund gilt, oder sonstige Beschränkungen wirksam werden.

Man kommt sich vor wie in einer Spielhöhle, die zur Spielhölle ausartet: Soll ich jetzt oder später setzen? Für welche Zahl soll ich mich entscheiden? Wir sind in unserer Konsumwelt offenbar zum Zocken verdammt. Also zocke ich, es hilft ja nichts. Nach der Buchung informiere ich mich nicht mehr über die Preisentwicklung, weil ich mir wenigstens Nerven sparen möchte und den Vorwurf, dass ich wieder einmal nicht den richtigen Riecher hatte. Aber mein Sitznachbar im Flugzeug beugt sich gewiss bald zu mir und fragt: "Haben Sie auch so günstig gebucht?"

Irene Prugger, geb. 1959, Schriftstellerin und freischaffende Journalistin, lebt in Mils in Tirol.