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Zum zweiten Mal

Von Katharina Schmidt, Petra Tempfer und Brigitte Pechar

Politik

Bei der Stichwahlwiederholung lag Alexander Van der Bellen schon am Wahlsonntag vorne. Die FPÖ erklärte im Laufe des Abends, auf eine weitere Anfechtung zu verzichten.


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Wien. Um 17.09 Uhr war die Wahl gelaufen. Anders als beim ersten Anlauf der Bundespräsidentenstichwahl am 22. Mai muss man diesmal nicht bis zum Tag nach dem Urnengang zittern. Christoph Hofinger vom Sora-Institut, das für den ORF die Hochrechnungen durchführte, befreite die erschöpften Wähler bereits kurz nach Schließen der letzten Wahllokale am Sonntag um 17 Uhr. Alleine durch das Ergebnis in den Wahllokalen liege Alexander Van der Bellen vorne, sagte Hofinger. Die erste Hochrechnung, die um 17.09 Uhr ausgestrahlt wurde, sah Van der Bellen mit 53,6 Prozent vor seinem FPÖ-Mitbewerber Norbert Hofer. Bei einer Schwankungsbreite von 1,2 Prozent bestand damit kein Zweifel mehr, dass der Nachfolger Heinz Fischers im Amt des Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen heißen wird - zum zweiten Mal, aber diesmal wohl fix.

Eineinhalb Stunden später trat der frischgewählte Präsident vor die ORF-Kameras. In gewohnter Gelassenheit meinte er auf die Frage, ob er mit dem Sieg gerechnet habe: "Man rechnet nicht, man hofft." Er machte das Engagement einer "ganz, ganz breiten Bewegung, die ihresgleichen sucht" für den Wahlsieg verantwortlich. Er habe von Anfang an für ein proeuropäisches Österreich argumentiert. Auch später am Abend, als er in der Hofburg ein erstes Statement abgab, betonte er, dass er ein "weltoffener, proeuropäischer Bundespräsident" sein wolle. Er werde sich "sehr bemühen, für alle Österreicher da zu sein, egal ob sie mich gewählt haben oder nicht". Und: "Vor allem werde ich selbstverständlich ein überparteilicher Präsident sein. Für unser Land ist konstruktive Zusammenarbeit und das Streben nach einer positiven Veränderung des Landes wichtig", sagte der (er)neu(t) gewählte Präsident. Zuvor hatte er Norbert Hofer seinen Respekt ausgedrückt und ihm "zu seinem sehr respektablen Ergebnis" gratuliert. Und er hatte seinen eigenen Wählern Dank ausgesprochen.

Früher am Abend hatte sich auch Hofer selbst zu Wort gemeldet: Er anerkannte den Wahlsieg seines Kontrahenten und wünschte ihm "Besonnenheit". Hofer betonte, er werde "bei der nächsten Nationalratswahl antreten". Nachgefragt, wie er das meine, schlug er Gerüchte in den Wind, wonach er Strache als Spitzenkandidat ablösen wolle. "Ich werde als Kandidat ganz sicher hinter HC Strache antreten." Bei der nächsten Bundespräsidentenwahl 2022 wolle er jedenfalls wieder antreten.

Gratulationen an Van der Bellen kamen auch von Kanzler und Vizekanzler: Christian Kern, der sich im Wahlkampf eindeutig für den ehemaligen Grünen verwendet hatte, betonte: "Ich bin überzeugt, dass wir mit Van der Bellen einen Präsidenten bekommen, der Österreich in hervorragender Art und Weise im In- und Ausland vertreten wird." Er gratulierte dem Wahlsieger und bedankte sich bei den Wahlbeisitzern, die "einen korrekten Wahlablauf ermöglicht" hätten. Wie vermutlich viele Österreicher sei er froh, dass der Wahlkampf jetzt vorbei sei. Dieser sei mit Mitteln geführt worden, "die nicht immer vorbildlich gewesen sind".

Auch Hofer sprach er seinen Respekt aus. Er richtete sich außerdem an dessen Wähler: "Es ist wichtig, dass sich am heutigen Tag niemand als Verlierer fühlen soll. Wir alle sind Österreich", sagte Kern. "Es ist jetzt sehr wichtig, wieder zu einem normalen Umgangston miteinander zu kommen", betonte der Kanzler. "Ich sehe es als meine Aufgabe, in Zusammenarbeit mit dem Bundespräsidenten dafür zu sorgen."

Auch Vizekanzler Reinhold Mitterlehner gratulierte Van der Bellen zu seinem Sieg und zollte Hofer Respekt. Er sagte, "es war ein sehr emotionaler Wahlkampf. Wichtig für den Bundespräsidenten ist aber nun, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen".

Der einjährige, sehr emotionale Wahlkampf sei geschlagen und nun liege ein demokratisches Ergebnis vor, so Mitterlehner. Bei der Wahlentscheidung habe wohl Weltoffenheit und Internationalität gezählt. Nun sollte auch in der Regierung weniger Emotion und wieder mehr Sacharbeit möglich sein. Der Vizekanzler betonte, dass es keinen Richtungsstreit innerhalb der ÖVP gebe. Klubchef Reinhold Lopatka hatte eine Wahlempfehlung für Hofer abgegeben und sich damit den Zorn des Parteichefs zugezogen. Lopatka meinte, er sehe "keine Niederlage". Weder Alexander Van der Bellen noch Norbert Hofer seien Kandidaten der ÖVP gewesen.

Glawischnig erleichtert, Strache enttäuscht

Während die Grünen in den Wiener Sofiensälen feierten und in das FPÖ-Wahlkampfzentrum im Parlament mehr Medien als Anhänger gekommen waren, meldeten sich auch die anderen Klubobleute zu Wort: Grünen-Chefin Eva Glawischnig - die Grünen hatten ihren ehemaligen Parteichef im Wahlkampf finanziell und personell unterstützt - zeigte sich erleichtert. Sie wolle Van der Bellen und seinem Team von ganzem Herzen gratulieren. Sein Sieg sei ein "Zeichen für ein Miteinander und gegen ein Gegeneinander". Der Wahlkampf habe viele irritiert, das sei ein Stil gewesen, den "die Österreicher nicht wollen".

FPÖ-Parteichef Strache meinte: "Natürlich hätte ich mir das anders gewünscht." Er gratulierte trotzdem Hofers Wählern und bedankte sich bei Hofer für seinen Einsatz im Wahlkampf. Dem Wahlsieger wolle er "aufrichtig zu seinem Sieg gratulieren". Strache verwies darauf, dass alle gegen Hofer gewesen seien. "Hier hat das System sich noch einmal klar durchgesetzt." Als mit ausschlaggebend für Van der Bellens Sieg bezeichnete er die Wahlempfehlung Mitterlehners. Diese habe im ländlichen Raum gegriffen.

Als eine "Richtungsentscheidung für unser Land" bezeichnete SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder den "sehr sehr schönen Erfolg" Van der Bellens. Die Wähler hätten damit den Auftrag erteilt, "nicht zu diskutieren und zu streiten, sondern zu arbeiten".

Der Klubchef der Neos, Matthias Strolz, erklärte: "Die Weltoffenheit war uns Neos ganz wichtig." Er kann aber auch die Hofer-Wähler und deren Unzufriedenheit mit der Regierung nachvollziehen. Sein Gegenüber vom Team Stronach, Robert Lugar, meinte, Hofer habe "angesichts dessen, dass alle gegen ihn waren" ein "gutes Ergebnis geschafft".

Damit dürfte er nicht ganz unrecht haben: Laut der Sora-Befragung über Wahlmotive haben 42 Prozent Van der Bellens diesen gewählt, um den Gegenkandidaten zu verhindern. Nur 34 Prozent wählten ihn wegen seiner Person. Bei den Sympathisanten Hofers ist das Verhältnis genau umgekehrt: 51 Prozent wählten den FPÖ-Kandidaten wegen ihm selbst, 24 Prozent wollten den Gegenkandidaten verhindern. Interessant ist, dass sich die Verhinderung des Gegenkandidaten als Wahlmotiv seit der ersten Stichwahl im Mai noch verstärkt hat.

Frauen und Hochgebildete wählten Van der Bellen

Wie schon im Mai ist auch diesmal ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern festzustellen: Die Frauen wählten tendenziell eher Van der Bellen, die Männer eher Hofer - vor allem die jungen Frauen standen an der Seite des ehemaligen Grünen, während die jungen Männer in erster Linie den blauen Kandidaten bevorzugten. Im Trend der vorangegangen Urnengänge liegt auch das Wahlverhalten nach Bildungsniveau. Unter Arbeitnehmern ohne Matura erzielte Hofer 64 Prozent, unter jenen mit zumindest Matura brachte es Van der Bellen auf 76 Prozent.

Weiteres Detail der Wahltagsbefragung: Beide Kandidaten konnten ihre Wähler punktuell weniger überzeugen als im Mai. Während im Mai noch 67 Prozent der Hofer-Wähler Sympathie als Motiv nannten, waren es nun nur noch 46 Prozent, bei Van der Bellen war der Abstand mit 50 zu 37 Prozent in der Wiederholung ein bisschen geringer. In puncto Glaubwürdigkeit sind die Werte bei Hofer von 62 auf 51 Prozent zurückgegangen, bei Van der Bellen von 61 auf 50 Prozent. Welche waren die wichtigsten Motive, sich für Van der Bellen zu entscheiden? In erster Linie glauben seine Wähler, dass er Österreich im Ausland gut vertreten könne (für 67 Prozent ein wichtiges Motiv). Auch die proeuropäische Haltung, Amtsverständnis und Kompetenz zählen als Motive.

So wie es derzeit aussieht, wird Van der Bellen unter Beweis stellen können, ob er all diese Eigenschaften erfüllt. Denn im Laufe des Abends kam das Aufatmen in einem anderen Punkt: Aller Wahrscheinlichkeit nach müssen wir nicht noch einmal wählen. Die FPÖ verkündete nämlich den Verzicht auf eine neuerliche Wahlanfechtung. Ende Jänner wird Van der Bellen angelobt. Auf die traditionelle Neujahrsansprache des Präsidenten werden die Österreicher 2017 verzichten müssen. Nicht aber auf jene 2018.