Zum Hauptinhalt springen

Zurück bleibt verseuchtes Land

Von Michael Ortner

Wirtschaft

Vergiftetes Wasser, belastete Böden, kranke Menschen: Die Folgen des Zinnabbaus in Bolivien sind fatal.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Kleinschürfer holen Reste von Zinn-Erz aus einem Fluss nahe einer Zinnmine in Huanuni im Bezirk Oruro.
© Herbert Wasserbauer

Wien. Fast jeder Österreicher trägt einen Schatz mit sich herum. Er ist rechteckig und passt in jede Hosentasche: das Smartphone. Bis zu 50 verschiedene Metalle sind darin enthalten. Darunter wertvolle und seltene Mineralien wie Kobalt, Tantal, Zinn, Wolfram oder Gold. Ohne sie funktionieren die Smartphones nicht. Doch häufig stammen die Metalle aus Konfliktregionen wie der Demokratischen Republik Kongo (DRK), wo mit der Förderung Kriege finanziert werden. Der Begriff "Konfliktmineralien" entstand.

Auch in Bolivien ist der Boden reich an Rohstoffen. Das erkannten bereits im 16. Jahrhundert die Spanier. Nach der Eroberung sicherten sie sich die großen Silbervorkommen im Land, das dreizehn Mal so groß ist wie Österreich. Heute sind es internationale Konzerne, die Bodenschätze fördern. Mineralien und Erze, vor allem Zink, Gold, Silber, Zinn und Blei, machen 45 Prozent der Exporte aus.

Trinkwasser mit Schwermetallen belastet

Die Folgen des Bergbaus bekommen die Bewohner schmerzhaft zu spüren. "Unser Wasser ist massiv mit Schwermetallen belastet", sagt Jaime Caichoca, Landwirtschaftsexperte des bolivianischen Zentrums für Ökologie und andine Völker (Cepa), das für mehr soziale Gerechtigkeit kämpft, zur "Wiener Zeitung". Caichoca lebt in der Provinz Oruro im Westen Boliviens. In der Region gibt es rund 300 aktive Minen, in den meisten wird Zinn abgebaut, aber auch Gold, Silber und Blei. Seit Anfang der 2000er Jahre würden die Unternehmen verstärkt chemische Produkte zum Abbau einsetzen. "Die Menschen bekommen Durchfall vom Trinkwasser. Wenn sie durch verunreinigtes Wasser gehen, holen sie sich Infektionen", erzählt Caichoca. Darum müssen die rund 3000 Bewohner der Region aus der Provinzhauptstadt Oruro mit Wasser versorgt werden.

Um Zinn aus dem Gestein zu lösen, werden viel Wasser und hochgiftige Zyanide benötigt. Meist bleibt eine orange-braune Brühe zurück, die in Rückhaltebecken aufgefangen wird. Oft gelangt das mit Schwermetallen belastete Wasser jedoch auch in die Umwelt. Böden werden mit Bergbauabfällen kontaminiert, Gräser und Sträucher sterben ab. Auch die Tierwelt wird in Mitleidenschaft gezogen. "Wir haben Missbildungen bei neugeborenen Lämmern und Kälbern", sagt Caichoca. Die katastrophalen Folgen für Mensch, Umwelt und Tiere zwingen viele zur Flucht. Zurück bleibt verseuchtes Land.

Keine Sanktionen zu befürchten

Die Ursache für die massive Verschmutzung: Nur die wenigsten Minen besitzen Becken für die Abwässer oder Kläranlagen. Die meisten Betreiber haben keine Umweltzertifikate. Brauchen sie auch nicht. Denn Sanktionen haben sie von den Behörden keine zu befürchten. Sie tolerieren die Verschmutzung. Ein Umweltzertifikat ist mit vielen Pflichten verbunden, etwa Schäden und Umweltverschmutzungen zu vermeiden. "All das ist mit großen Kosten verbunden", sagt Caichoca. Würden die Behörden kontrollieren, ob Unternehmen Zertifikate haben, müssten viele Minen schließen. Das ist das wahre Dilemma. Am Bergbau hängen viele Arbeitsplätze. "Wir hätten ein Heer von Arbeitslosen", sagt der Landwirtschaftsexperte.

Drei Player mischen in Boliviens Bergbaugeschäft mit: der Staat, private Unternehmen und Bergbaugenossenschaften, die "cooperatives mineras". Letztere sind mächtige Organisationen, in denen rund 200.000 Menschen organisiert sind. Laut Héctor Córdova, Bergbauanalyst der katholischen Denkfabrik Fundación Jubileo, haben von 1700 Genossenschaften 1440 kein Umweltzertifikat. "Die Regierung ist den Genossenschaften wohlgesonnen, denn es handelt sich um potenzielle Wählerstimmen", sagt er. In einem Bericht der Österreichischen Forschungsstiftung für internationale Entwicklung (Öfse) heißt es, viele der "cooperatives mineras" sind für "gravierende Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich."

Um etwas gegen die drastische Umweltverschmutzung zu unternehmen, haben sich knapp 90 Dörfer aus der Region zur Organisation Coridup zusammengeschlossen. Sie fordern von der Politik, die Schäden zu beheben und zukünftige Schäden zu vermeiden. "Wir haben das Recht auf ein Leben in einer gesunden Umwelt", sagt er. Ihre Organisation ist eine der wenigen, die mit öffentlichem Protest die Erfüllung der Umweltgesetzgebung einfordern. Die Gegenwehr zeigte Wirkung: Das Gesundheitsministerium hat in zwei Dörfern Beobachtungsstellen eingerichtet. Die Bewohner haben nun die Hoffnung, dass man genauer rückverfolgen kann, welche Stoffe gesundheitsschädigend sind. "Dass Gestein aus den Minen in Folie eingeschlossen wird, ist für uns ein Erfolg. Dadurch kann das Regenwasser keine Schadstoffe mehr ausspülen", sagt Caichoca. Der Regierung und den Unternehmen ist der Zusammenschluss der Bewohner jedoch ein Dorn im Auge. Es gab Drohungen und auch einige Zusammenstöße zwischen den betroffenen Gemeinden und den mineros.

Finanzielle Unterstützung bekommt das von Caichoca geführte Cepa von der Dreikönigsaktion aus Österreich. "Wir helfen den Gemeinden etwa, Kontakt zu Universitäten herzustellen, damit sie Wasserproben entnehmen können", sagt Herbert Wasserbauer, Koordinator bei der Dreikönigsaktion, die sich gemeinsam mit mehreren NGOs zur Arbeitsgemeinschaft Rohstoffe zusammengeschlossen hat und einen nachhaltigeren Umgang mit Mineralien fordert. "Der Abbau der Rohstoffe muss ökologisch und menschenrechtskonform ablaufen", sagt Wasserbauer. Unternehmen in Europa sollten sich mehr dafür interessieren, woher ihre Rohstoffe kommen.

Seit 9. Juli ist das Interesse Pflicht. Denn seither ist eine neue EU-Konfliktmineralienverordnung in Kraft. Sie legt fest, dass Importeure von Rohstoffen wie Tantal, Wolfram, Zinn und Gold offenlegen müssen, woher sie die Rohstoffe haben. Die EU ist von großer Bedeutung für den Rohstoffsektor. Denn rund 16 Prozent dieser vier Rohstoffe, die weltweit gehandelt werden, werden in die Europäische Union importiert.

Die Verordnung hat jedoch auch viele Haken. Sie gilt nur für diese vier Mineralien. Kobalt etwa, das ebenfalls in Smartphones verbaut wird, wird zu einem Großteil in der DRK gefördert. Daneben ist die EU gerade dabei, die Konfliktregionen zu definieren. In einem US-Gesetz betrafen die Sorgfaltspflichten nur die DRK und ihre Nachbarländer. Die EU-Verordnung könnte bald auch für Myanmar und Kolumbien gelten. "Das ist alles noch in der Schwebe", sagt Karin Küblböck, Ökonomin und Expertin für Rohstoffe am Öfse.

EU-Verordnung geht nicht weit genug

Zwischen EU-Kommission, Parlament und Rat wurde lange diskutiert, wie die Verordnung aussehen soll. Der Vorschlag des Parlaments hätte weiter gegriffen. Er sah vor, dass nicht nur Unternehmen, die den Rohstoff importieren, sondern auch "First Importers" - also Unternehmen, die Produkte mit verbauten Mineralien auf den Markt bringen - von den Sorgfaltspflichten miteingeschlossen sind. "Die Verordnung ist ein wichtiger Schritt, der Bewusstsein schafft. Doch sie geht zu wenig weit, denn ein Großteil der Unternehmen ist gar nicht betroffen", sagt Küblböck. Außerdem gebe es sehr hohe Schwellenwerte: Bei Wolfram liegt dieser bei 250 Tonnen - so viel, wie jedes Jahr in Ruanda abgebaut wird. Daneben kritisiert die Rohstoffexpertin die vierjährige Übergangsfrist bis 2021, die den Unternehmen viel Zeit lässt.

Zurück zum Schatz in der Hosentasche. Dort bleibt er nicht lange. Laut einer Studie der Arbeiterkammer von 2015 beträgt die Nutzungsdauer von Smartphones im Schnitt nur 1,8 Jahre. Zwar werden nur drei Prozent entsorgt, doch für jedes Neue müssen erneut Rohstoffe abgebaut werden. Dem Konsument alleine will Küblböck die Verantwortung trotzdem nicht umhängen. "Da bräuchte man Regulierungen und Anreize, damit Geräte repariert und recycelt werden können." In der Pflicht sieht sie die großen Unternehmen - und die Länder, in denen Mineralien abgebaut werden.

Jaime Caichoca und Hectór Córdova waren auf Einladung der AG Rohstoffe in Wien. Zu dieser Arbeitsgemeinschaft haben sich die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar, Global 2000, Finance & Trade Watch, Südwind und das Netzwerk Soziale Verantwortung zusammengeschlossen. Ziel ist, die negativen Auswirkungen des Rohstoffabbaus für die IT-Produktion zu verringern und Gesellschaft und Politik zu einem nachhaltigeren Umgang mit den Mineralien zu bewegen.

Boliviens Wirtschaft

Boliviens Wirtschaft ist stark exportorientiert und daher anfällig für Schwankungen auf den Rohstoffmärkten. Hauptexportgut ist Erdgas. "Der Rückgang der internationalen Rohstoffpreise hat auch zu einen wertmäßigen Verfall der Exporte Boliviens von 12,15 (2014) auf 6,6 Milliarden Dollar (2016) geführt", sagt Wolfgang Köstinger, Wirtschaftsdelegierter der WKO in Santiago de Chile. Für heuer erwartet er einen leichten Aufwärtstrend. Rund die Hälfte der Exporte machen Mineralien und Erze aus. Gold, Blei und Kupfer gehen vor allem in die USA. Nach Österreich wird in erster Linie Zinn exportiert, Wolfram und kleinere Mengen an Zink und Antimon. Mengenangaben zu Tantal gibt es keine verlässlichen, da zum großen Teil illegal im Amazonasgebiet abgebaut wird.