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Zurück in die Gegenwart

Von Judith Belfkih

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Agenda 2000 und Horizon 2020, Industrie 4.0, Web 2.0, Bio 3.0 und seit kurzem Staatsoper 4.0 - Projekte, die sich Modernität und Zukunftsorientiertheit auf die Fahnen schreiben, machen das gerne sichtbar, derzeit am liebsten mit Zahlen. Neben futuristischen Jahreszahlen, die Projekten einen vorwärtsgewandten Anstrich geben sollen, ist die Analogie zu Software-Updates besonders beliebt. Ob es eine Industrie 153.0 geben wird, ist zu bezweifeln. Die Bezifferungswut, die sich allzu oft als Etikettenschummelei erweist, wird sich irgendwann totlaufen. Spätestens nach 10.0.

Auch die positiven zukunftsgewandten Jahreszahlen-Spielereien in Titeln sind eine Modeerscheinung. George Orwells Gedankenexperiment "1984" blickte schließlich auch in die Zukunft, jedoch in eine sehr düstere. Dass der Text aktuell von der Realität überholt wird und gerade wieder die Bestsellerlisten erobert, ist beängstigend. Im Sommer soll gar eine Musical-Adaption am Broadway uraufgeführt werden.

Was in den meisten Zahlenspielereien als Gefahr lauert: Sie glauben an die Veränderung an sich als einzige Lösung. Vor lauter sehnsuchtsvollem Blick in die Zukunft vergessen viele dabei den in die Gegenwart. Das Rad ständig neu zu erfinden, nachdem man es zerstört hat, ist in seiner Innovationskraft überschaubar. Das Informationszeitalter, in dem die Erneuerungsspirale sich immer schneller zu drehen hat, läuft Gefahr die Qualität des Bestehenden zu verkennen. Die Zufriedenheit, die darin läge, kompensieren wir mit Ratgebern zur Entschleunigung. Der einfache Weg zurück in die Gegenwart gilt dabei längst als Umweg.