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Zurück zum Ausgangspunkt?

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Die Gefahr ist groß, dass beim Gipfel der G-20-Führer am 2. April ein Ausweg aus dem System "Bretton Woods II" gesucht wird, der dann nur eine neue Variante des alten Systems ist.


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Eine neue Struktur für die implodierende Weltwirtschaft wollen die G-20-Führer schaffen, aber die Gefahr ist groß, dass ihr Krisengipfel am 2. April lediglich zu einer beschönigten Neuauflage der alten instabilen Verhältnisse führt, die uns in die missliche Lage gebracht haben. US-Notenbankchef Ben Bernanke brachte in seiner Rede vor dem "Council on Foreign Relations" das Problem auf den Punkt: "Es ist unmöglich, die Krise zu verstehen, ohne das globale Handelsungleichgewicht zu berücksichtigen, das seit Mitte der 1990er Jahre besteht. Wir haben alle nicht genug getan, um diese Unausgewogenheit zu verringern." Und jetzt ist sie da, die Krise.

Hauptsächlich besteht dieses Ungleichgewicht darin, dass die USA viel mehr konsumieren als sie produzieren. Diesen exzessiven Konsum hat man mit den Überschüssen finanziert, die China und den anderen asiatischen Boom-Nationen aus ihrer exportorientierten Wirtschaft zuflossen. Beide Seiten wurden abhängig von diesen Handels- und Kapitalflüssen: Die USA liebten es, sich mit billigen Importen vollzustopfen, und die anderen liebten das schnelle Wachstum, das sie dem ständigen Überhäufen der unersättlichen US-Märkte mit Waren zu verdanken hatten.

Das Ganze war eine globale Blase: Der Tsunami an ausländischem Kapital, der durch die USA fegte, half die Zinsen niedrig zu halten und heizte den Immobilien-Boom an. In einer globalisierten Wirtschaft, in der Milliarden nur Punkte auf einem Bildschirm sind, gingen die Investoren immer größere Risiken ein. Dieses System, angenehm aber von vornherein instabil, ist unter dem Namen "Bretton Woods II" bekannt.

Nun hat sich die wirtschaftliche Aktivität weltweit verlangsamt, und das birgt die Gefahr, dass die G-20-Führer einen Ausweg in einer neuen Variante dieses alten Systems suchen. Das heißt, Europa und Asien werden von den USA erwarten, mit gewaltigen multibillionenschweren Stimulierungs- und Rettungsprogrammen die stotternde Maschine der Weltwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die USA, obwohl massiv verschuldet, sollen wieder ihre Rolle als Import-Vielfraß spielen, damit der Rest der Welt ihnen weiterhin alles mögliche verkaufen kann. Und dann sind wir wieder dort, wo wir angefangen haben.

Das G-20-Treffen rückt näher, und die US-Regierung bemüht sich verstärkt um koordinierte globale Stimulierungsprogramme, um die Einseitigkeit der Vergangenheit nicht fortzusetzen. Die Chinesen wollen aber keinen stärkeren Yuan, der ihre Exporte verteuern würde. Und die Europäer halten weit weniger von Defizitfinanzierung als die USA. Luxemburgs mürrischer Finanzminister klagte zum Beispiel, dass er diese Aufrufe aus den USA nicht sehr mag. Ist das so? Na dann macht euch mal gefasst auf eine Wiederholung des alten Schauspiels von Aufstieg und Absturz mit den USA in der Hauptrolle!

Als Vorbereitung auf den G-20-Gipfel könnte ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte hilfreich sein. Unsere Finanzstruktur wurde 1944 in Bretton Woods geschaffen: Ursprünglich war das ein System mit sehr strengen Regeln, dessen Rückgrat allerdings nach und nach aufgeweicht worden ist. Dann kam "Bretton Woods II": Die USA sollten kaufen, der Rest der Welt verkaufen. Die USA gaben zu viel aus, die anderen zu wenig. Das konnte auf Dauer nicht funktionieren. Und es funktionierte auch nicht.

Beim G-20-Treffen wird man nun über Regulierungsmaßnahmen sprechen, und alle werden sich besser fühlen. Angehen müsste man aber das Problem der Unausgeglichenheit, das zum Desaster geführt hat. Zur Ankurbelung der Wirtschaft bedarf es weltweiter, genau abgestimmter Stimulierungsprogramme. Die einseitige Anstrengung der USA allein reicht nicht.