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Zwangstherapie: Sinnlos für die einen, einzige Chance für die anderen

Von Silke Farmer

Analysen

Kann und darf man Menschen zu ihrem "Glück" zwingen? Zum Glück, drogenfrei leben zu können? Donnerstag hat der Grazer VP-Bürgermeister Siegfried Nagl die umstrittene Idee geäußert, Drogenabhängigen eine "verpflichtende Therapie" vorzuschreiben.


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Jene Substitutionstherapie, mit der Opiat-Abhängige täglich eine bestimmte Dosis einer Ersatzdroge erhalten, könne nur eine Art "Übergangslösung" sein. Sie soll nur so lange weiter verordnet werden, bis ein geeigneter Therapieplatz frei würde. Verweigerer und solche, die Entzugstherapien mehrmals abbrechen, sollen kein Substitutionsmittel mehr erhalten.

In Österreich befinden sich derzeit nach Angaben von Experten rund 8000 Opiat-Abhängige in Substitutionstherapie. Diese Form der Behandlung sei für die Betroffenen "besonders gut, weil sie ohne Einschränkungen am ganz normalen Sozialleben teilnehmen können", meint Kurt Blaas. Der Allgemeinmediziner hat 1985 als erster in Österreich mit der Substitutionstherapie begonnen. 80 Prozent seiner Patienten würden durch diese Form der Therapie in der Gesellschaft gar nicht auffallen, weil sie so gut in diese integriert seien, ist er überzeugt. Sie zum Entzug zu zwingen hätte seiner Ansicht nach keinen Sinn. Nur Zwang allein führe zu keinem Ergebnis, wenn nicht auch der Wille des Patienten da ist, warnt Blaas.

Selbst unter jenen Patienten, die den Entzug freiwillig machen, schafft es nur ein geringer Prozentsatz, langfristig clean zu bleiben. Deshalb erwartet Blaas von einer Zwangstherapie keinen Heilungserfolg. Seine Alternative: "Ein Diabetiker spritzt Insulin, ein Asthmatiker nimmt Cortison - und ein Drogenkranker sollte seine Substitute bekommen."

In dieser Form der Ersatztherapie sieht Bürgermeister Nagl, der sich vor allem um die jugendlichen Drogenkranken in Graz Sorgen macht, lediglich eine "Ruhigstellung über Jahre". Das eigentliche Ziel lautet für ihn Entzug - notfalls auch über den Kopf der Betroffenen hinweg: "Wo der Einzelne nicht mehr in der Lage ist, für sein Leben zu entscheiden, muss die Gesellschaft ihrer Verantwortung für den einzelnen jungen Menschen gerecht nachkommen." Sein Versprechen: Wer den Entzug hinter sich bringt, soll danach eine entsprechende Aufgabe in Form einer Ausbildung oder eines Arbeitsplatzes finden. Damit will Nagl offensichtlich die jungen Menschen von der Straße (und vom Grazer Hauptplatz genau vor seinem Bürofenster) wegbringen.

Dass seine Rechnung aufgeht, bezweifelt auch der Wiener Drogenbeauftragte und Arzt Alexander David: "Zu glauben, die Probleme mit ordnungspolitischen Maßnahmen wegschaffen zu können, ist naiv." Wie Blaas plädiert er für die Substitution. Und er führt die Erfahrungen aus dem Entzug mit Alkoholkranken an, wonach die Erfolgsquote bei Zwangstherapierten letztendlich gleich Null sei.

Therapie kann offenbar nur funktionieren, wenn der Patient von sich aus voll und ganz dazu bereit ist.