)
Rund 30 Banken sind vorerst gerettet. | Run auf staatliche Hilfen steht bevor. | Politik nimmt Institute an Kandare. | Die Deutsche Bank, die britische Barclays und die spanische Banco Santander haben dankend abgelehnt. Sie beabsichtigen die Krise allein zu meistern. Auch Christian Konrad, Zampano der rot-weiß-roten Raiffeisen-Gruppe gab in einer ersten Reaktion zu Protokoll, dass eine Verstaatlichung "nur über meine Leiche" stattfinden könne.
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 17 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.
Rund 30 andere europäische Geldinstitute hingegen haben ihre Regierung um staatliche Unterstützung gebeten. Auch in Österreich dürfte sich der Kreis der Bittsteller nach Kommunalkredit und Erste Bank vergrößern. "Ich gehe davon aus", sagt Veit Sorger, Aufsichtsratschef der neuen Banken-Staatsholding, "dass sich alle am Paket beteiligen". Dieses ist bekanntlich 100 Milliarden Euro schwer.
In einer konzertierten Aktion haben sich, inspiriert von der US-Rettungsaktion, etwa 15 europäische Staaten durchgerungen, rund zwei Billionen Euro zur Verfügung zu stellen.
Am Anfang standen einzelne Hilfsaktionen
Schon zuvor waren spektakuläre SOS-Aktionen notwendig geworden: Im Februar 2008 wurde in England der Baufinanzierer Northern Rock verstaatlicht - er muss in den kommenden drei Jahren 25 Milliarden Pfund (31 Milliarden Euro) Staatshilfe zurückzahlen. Die dänische Roskilde Bank wurde um 108 Milliarden Dollar an die schwedische Nordea und zwei andere Institute verkauft.
Für den belgisch-französischen Staats finanzierer Dexia stellten die Regierungen in Brüssel, Paris und Luxemburg 6,4 Milliarden Euro bereit.
Bei der niederländisch-belgischen Großbank Fortis übernahmen die Benelux-Staaten für 11,2 Milliarden Euro knapp die Hälfte; die holländische Regierung machte 16,8 Milliarden für die Fortis Bank Nederland samt deren Töchtern wie Abm Amro locker. Belgien half mit 4,7 Milliarden aus, um den Kollaps abzuwenden. Zu guter Letzt erwarb die französische BNP Paribas für 14,5 Milliarden 75 Prozent der Fortis-Gruppe.
Auch die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley, die im ersten Halbjahr 33,8 Millionen Euro Verlust geschrieben hatte, wurde aufgefangen: Sie wurde zerschlagen und teilverstaatlicht - der spanische Bankgigant Santander wird das Filialnetz übernehmen. Die Übernahme fauler Kredite von B&B im Umfang von umgerechnet 63 Milliarden Euro erhielt von der EU-Kommission in einem Blitzverfahren den Sanktus.
Die isländische Regierung stellte in der zweiten Oktober-Woche gleich drei Banken (Landsbanki, Glitnir und Kaupthing), deren Schuldenlast an die 60 Milliarden Dollar ausmacht, unter staatliche Kuratel.
Die drei EU-Riesen sind mit Hilfen vorgeprescht
Kurz nachdem in Irland eine unbegrenzte Bürgschaft für alle Einlagen beschlossen wurde, wurde die Union aktiv: Am 12. Oktober einigten sich die EU-Regierungschefs bei einem Krisenmeeting in Paris darauf, einen Schutzschirm zu installieren. Bei diesem Gipfel wurde eine Vorgangsweise beschlossen, die es den Regierungen erlaubt, Bürgschaften für Bankkredite zu übernehmen, kurzfristige Liquiditätsengpässe der Banken zu überbrücken und notleidende Geldhäuser teilweise zu verstaatlichen.
In Frankreich zeigte sich Präsident Nicolas Sarkozy auch nicht gerade kleinlich: Er kündigte an, der Staat werde mit 320 Milliarden Euro Kredite zwischen den Banken absichern. Bis zu 40 Milliarden werde die Regierung bereitstellen, um in Schwierigkeiten geratene Geldinstitute mit frischem Kapital zu versorgen. Die erste Tranche von mehr als neun Milliarden ging an Crédit Agricole, BNP Paribas, Société Générale, die Sparkassen Caisses d'Spargne, Crédit Mutuel sowie Banques Populaires. Der Staat übernimmt, anders als in den USA oder Großbritannien, jedoch keine Anteile und erhält keine Stimmrechte, sondern die Gesellschaft für Staatsbeteiligungen (SPPE) nimmt Kredite auf, um Anleihen der Banken zu zeichnen.
In Großbritannien schnürte die Regierung ein Hilfspaket für sechs angeschlagene Großbanken: Sie stellt aus Steuermitteln bis zu 65 Milliarden Euro bereit. Weiters wird die Bank of England (BoE) mindestens 250 Milliarden Euro locker machen, um Sorgenkinder mit Kapital, Liquidität und einer Garantie für die mittelfristige Refinanzierung auszustatten. Als erste sind die Royal Bank of Scotland, Lloyds und die Halifax Bank of Scotland (HBOS) zum Zug gekommen. Der Staat beteiligt sich via Vorzugsaktien mit 47 Milliarden Euro an ihnen und verlangte im Gegenzug, dass die betroffenen Kreditinstitute ihr durch jüngste Verluste reduziertes Kapital bis Jahresende aufstocken. Der drastische Eingriff in den Bankensektor könnte dazu führen, dass der Staat künftig auch bei anderen Instituten Shareholder wird.
Staatsfonds und andere Modelle zur Rettung
Rasch reagiert wurde auch in Belgien und den Niederlanden. Die belgische Regierung wird auch den größten Dexia-Aktionär, den ins Trudeln geratenen Allfinanzkonzern Ethias, mit zumindest 1,5 Milliarden beglücken. Weiters lässt sie der KBC Bank 3,5 Milliarden zukommen. Auch in den Niederlanden musste es blitzartig gehen: Die ING-Gruppe kriegt zehn Milliarden von der Regierung, und dem Versicherungskonzern Aegon werden drei Milliarden überwiesen.
In anderen Staaten hat die Politik zwar Vorsorge getroffen, aber noch so gut wie kein Geld verteilt: Spanien rief einen Staatsfonds mit 30 Milliarden Euro ins Leben, der auf bis zu 50 Milliarden aufgestockt werden könne, um Liquiditätsengpässen der Banken und Sparkassen beizukommen.
Auch Portugal will seinem Finanzsektor aus der Krise helfen: Mit bis zu 20 Milliarden Euro soll, so Finanzminister Fernando Teixeira dos Santos, Liquidität in die Branche gepumpt werden. Eine kleine Privatbank, die angeblich auf 700 Millionen Euro Verlust sitzt, trat den Canossagang zum Staat an: Die Banco Portugues de Negocios geht in Staatsbesitz über.
Italien fasste den Beschluss, einen Rettungsfonds mit 20 Milliarden Euro aufzulegen. Damit soll der Staat bei Bedarf stimmrechtslose Vorzugsaktien von notleidenden Banken kaufen können. Die italienischen Banken, allen voran die UniCredit, haben Probleme bei der Kapitalbeschaffung, zögern aber, die Hand aufzuhalten. "Wir helfen, wenn es nötig ist, "sagte Wirtschaftsminister Giulio Tremonti, "werden uns aber nur vorübergehend beteiligen".
In Dänemark haben sich Regierung und Banken auf ein Krisenpaket zur Absicherung von Einlagen geeinigt. Demnach zahlen die etwa 140 Banken auf freiwilliger Basis umgerechnet 4,7 Milliarden Euro in einen "Sicherungsfonds" ein. Als Gegenleistung garantiert der Staat die Einlagen der Kunden in unbegrenzter Höhe.
Anders in Schweden: Das dortige Parlament, das ebenfalls bereits ein Rettungspaket für die Finanzbranche abgesegnet hat, gab grünes Licht für Kreditbürgschaften im Ausmaß von 1,5 Billionen Kronen, umgerechnet 150 Milliarden Euro. Obendrein wird ein mit 1,5 Millionen Euro dotierter Stabilitätsfonds eingerichtet, um taumelnde Geldhäuser vor der Pleite zu bewahren.
In Norwegen setzt die Regierung, die Milliarden bereit hält, um die Kreditklemme im Land zu bekämpfen, auf ein anderes Modell: Sie will neue Schuldverschreibungen im Wert von 42 Milliarden Euro ausgeben. Die Papiere mit dreijähriger Laufzeit sollen den Banken im Austausch gegen norwegische Hypothekenpapiere zur Verfügung gestellt werden, die derzeit kaum als Sicherheit zu nutzen sind. Außerdem wird die Norwegische Zentralbank kleineren Banken mit Krediten zu festen Zinssätzen unter die Arme greifen.
Es wird bald noch etliche Bittsteller geben
In Deutschland, wo 500 Milliarden Staatshilfe bereitgestellt sind, hielt sich der Andrang der Banken bislang in Grenzen: Es herrschte die Angst, jenes Institut, das als Erstes die Hand aufhält, könnte seine Kunden vertreiben.
Als erstes Problemkind outete sich die BayernLB. Sie verlangte von der Finanzmarktstabilierungsanstalt (FMSA) und ihren Eigentümern, dem Freistaat Bayern, insgesamt 6,4 Milliarden Euro, um ihre Kapitalbasis zu stärken.
In der Folge traten die West-LB und die HSH Nordbank auf den Plan, um mit staatlicher Hilfe aus dem Schlamassel zu kommen.
Vor kurzem flüchtete auch die in München ansässige Hypo Real Estate (HRE) unter den staatlichen Rettungsschirm: Der Immobilienfinanzierer wartet auf das Anfang Oktober zwischen Finanzministerium, Bundesbank und diversen Banken ausverhandelte Hilfspaket von 50 Milliarden Euro, das noch nicht ausbezahlt wurde. Zur Überbrückung der Liquiditätskrise beantragte er nun beim Finanzmarkt-Stabilisierungsfonds (SoFFin) eine Garantie über 15 Milliarden, die ihm auch gewährt werden.
Seit am Montag bekannt wurde, dass auch die Commerzbank eine Kapitalspritze in Form einer stillen Einlage über 8,2 Milliarden Euro erhält, scheint der Bann gebrochen: Laut Berichten deutscher Zeitungen soll es hektische Gespräche geben, bei denen die Dresdner Bank und die Postbank Interesse an staatlichen Kreditbürgschaften bekunden.
Schweiz: UBS gehört zu neun Prozent dem Staat
Auch in der Schweiz dürften noch einige Bankhäuser den rettenden Beistand suchen: Zur Zeit finanziert die eidgenössische Regierung lediglich bei der mit Abstand größten Bank des Landes per Pflichtwandelanleihe die notwendig gewordene Kapitalerhöhung im Ausmaß von sechs Milliarden Franken (3,9 Milliarden Euro): Die UBS, die nun zu neun Prozent dem Staat gehört, erhält obendrein ein Darlehen in Höhe von 40,3 Milliarden Euro, um den Transfer ihrer Altlasten - Schrottanleihen aus dem USA-Geschäft - in eine eigens gegründete, von der Schweizerischen Nationalbank kontrollierte Gesellschaft zu finanzieren, die die Papiere liquidieren soll.
Übrigens: Im Gegensatz zu UBS hat Credit Suisse, der zweite große Bankkonzern des Landes, aus eigener Kraft eine Kapitalerhöhung um gut zehn Milliarden Franken zustande gebracht. Retter in der Not war das Scheichtum Qatar, das mit 12 Prozent der Anteile größter Einzelaktionär der Bank wurde.
Die europäischen Rettungsaktionen für Banken haben jedenfalls bereits Nachahmer gefunden - etwa in Russland: Die russische Duma hat kürzlich den Beschluss gefasst, den angeschlagenen Banken mit insgesamt 63 Milliarden Euro beizustehen. Die größte Geschäftsbank des Landes, Sberbank, erhält ein Darlehen der Zentralbank über 14 Milliarden Euro.
)
)
)