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Zwei Könner am Werk

Von Hermann Schlösser

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Am Montagabend bei "Beckmann" (ARD) traten Franz Beckenbauer und Günter Netzer gegeneinander an. Beide feiern demnächst ihren sechzigsten Geburtstag und haben seinerzeit zusammen in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gespielt. Aber sie stellten sich nicht so dar, als ob sie gute Freunde wären. Sie tauschten kleine Sticheleien und vergiftete Komplimente aus, machten sich übereinander lustig, erzählten boshafte Anekdoten aus früheren Zeiten.

Der edel ergraute Beckenbauer trug einen dunklen Anzug, und die Krawatte saß tadellos. Netzer, der sein Haar noch immer verhältnismäßig lang trägt, hatte auf die Krawatte verzichtet, und sein helles Sakko war nicht elegant, sondern "sportlich". Einmal wurde ein altes Foto eingeblendet: Die beiden im deutschen Nationaldress während eines Spiels, irgendwann in den 70er Jahren. Der Eindruck war derselbe wie heute: Beckenbauer kurzhaarig und diszipliniert, Netzer langhaarig und ungestüm. Aber bei allen Unterschieden scheinen sie doch die Fähigkeit gemeinsam zu haben, mit Aggressionen spielerisch umzugehen. Denn so boshaft ihr Duell an manchen Stellen war - beleidigend war es nicht. Es hatte vielmehr alle Qualitäten eines sportlichen Zweikampfs auf hohem technischen Niveau. Da waren also zwei Könner am Werk, und der Jungliterat Benjamin von Stuckrad-Barre, der im zweiten Teil der Sendung über seine jüngst überstandene Kokainsucht monologisierte, sah im Vergleich zu den angriffslustigen Fußballveteranen ziemlich alt aus.