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Zwei Nieten genügen

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
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In diesem Punkt trennt kein Graben die Briten vom europäischen Festland: Die Wähler suchen - zutiefst verunsichert von der rasenden Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge im Großen wie im Kleinen verändern - nach Sicherheit und Orientierung. Allerdings werden sie von der Politik im Regen stehen gelassen.

Die etablierten Parteien der linken wie rechten Mitte haben auch 20 Jahre nach dem Beginn der tektonischen Verschiebungen in Gesellschaft und Wirtschaft keine überzeugenden Konzepte als Antworten formulieren können; und wenn sie doch noch da und dort obenauf schwimmen, dann verdanken sie dies der Überzeugungskraft ihres Führungspersonals. Angela Merkel in Deutschland ist ein rares Beispiel.

Wie morsch die Politkonstruktionen bereits geworden sind, offenbart die spielerische Leichtigkeit, mit der neue Bewegungen in das Vakuum am Wählermarkt vorstoßen. Dabei genügt oft schon der Umstand, dass sich die Neuen als Alternative zum Establishment inszenieren und Begegnungen mit einfachen Bürgern ohne Peinlichkeiten zu absolvieren imstande sind. Gelingt das, sind die Wähler bereit, ihre Augen vor offenkundigen Jenseitigkeiten der politischen Aufsteiger zu verschließen.

Unter solchen Bedingungen gewinnt die Persönlichkeit von Politikern weiter an Bedeutung. Dass deren Glaubwürdigkeit den Aufstieg irrationaler Parteien zumindest in Grenzen halten kann, zeigt das Beispiel Merkels. In Großbritannien genügten zwei schwache, von den Bürgern als abgehoben empfundene Establishment-Kandidaten als Premiers - Gordon Brown und David Cameron -, um das Land gefährlich nahe an den politischen Abgrund zu führen. Ähnliches haben Nicolas Sarkozy und François Hollande für Frankreich, ein weiteres Kernland Europas, geschafft; und die Liste fragiler Nationalstaaten ließe sich noch um etliche Beispiele erweitern.

Das Beispiel Großbritanniens zeigt auch, dass sich die Probleme nicht einfach durch Änderungen am Wahlrecht beheben lassen. Nicht einmal das radikale Mehrheitswahlrecht vermag nun die frei gewordenen politischen Fliehkräfte auf der Insel zu integrieren. Das Minimum, das die konstruktiven Kräfte in komplizierten Zeiten tun sollten, ist, den Bürgern glaubwürdige und vertrauenswürdige Persönlichkeiten zur Wahl anzubieten. Womöglich ist das aber auch schon das Maximum, zu dem sie derzeit imstande sind.