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Zweierlei Maß

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare
Der Autor war Ausland-Ressortchef bei den "Salzburger Nachrichten".

In den Fällen von Honduras und dem Iran macht die Europäische Union große Unterschiede zwischen einer Bananenrepublik in Mittelamerika und einem Gottesstaat im Nahen Osten.


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Zweierlei Maß schaut so aus: Da putscht das Militär einen legal gewählten Präsidenten ins Exil und die EU beruft als massive diplomatische Strafe ihre Botschafter ab, um die Putschisten zu isolieren. Anderswo fälscht ein Regime Wahlen, knüppelt Massenproteste dagegen nieder und zerrt Protestierer als "Hochverräter" vor Gericht.

Die EU wettert gegen den Wahlbetrug, einige EU-Staaten verweigern dem Wahlsieger den formal üblichen Glückwunsch - und schicken ihre Botschafter zur Vereidigung dieses Mega-Schwindlers. Der aber höhnt ihnen per Simultandolmetscher in die Kopfhörer, dass ihm die Verweigerung diplomatischer Honneurs völlig schnuppe sei, derweil draußen ein Mega-Aufgebot an Polizei jeden Ansatz des Protestes im Keim erstickt.

Zweierlei Maß also für Honduras und den Iran.

Es ist fast egal, dass die diplomatische Ächtung ein Land traf, das außer ein paar Bananen und Ananas nur den gestürzten Präsidenten Manuel Zelaya zu bieten hat, der hart an der Landesgrenze mit einem Häufchen Getreuer campiert und längst aus dem Rampenlicht verschwunden ist. Honduras? Halt eine Bananenrepublik im zentralamerikanischen Nirgendwo, auch wenn dort Studenten immer noch demonstrieren. Man hat eh völkerrechtlich gesäbelrasselt. Wenn das nichts bewirkte - Kismet. Sollen die Links-Caudillos Castro jun., Chávez und Morales zusehen, was ihre rhetorische Oral-Inkontinenz über tausende Kilometer gegen Micheletti ausrichtet.

Schlimm genug, aber längst nicht so arg wie der Fall Iran. Da campieren Opponenten nicht in einem Zeltdörfchen, sondern bieten immer noch den Prüglern Stirn und Rücken. Die EU deckte sie über tausende Kilometer mit verbalem Feuerschutz. Jetzt aber mimen etliche EU-Staaten Business as usual und schicken Botschafter zur Vereidigung des Wahlfälschers Mahmoud Ahmadinejad.

Also kein Unterschied zwischen Putsch und militärisch hinterher abgesichertem Schwindel? Formal gewiss nicht - wohl aber psychologisch. Die EU ließ nämlich die iranische Opposition schlichtweg hängen. Das erinnert an Fußballfans, die das Stadion schon vor Spielende verlassen, weil ihr Team trotz anheizender Gesänge nichts zuwege bringt. Gleichwohl hat das makabre Spiel in Teheran nichts mit einem Fußballmatch gemeinsam: Weder galten für die Teams die selben Regeln, noch pfiff ein Unparteiischer.

Noch ein Aspekt springt ins Auge. In einem Anflug von Anstand plädieren internationale Vermittler für einen Kompromiss: Rückkehr Zelayas, damit er in Honduras als Übergangspräsident Neuwahlen vorbereite. In Teheran hingegen ziehen etliche EU-Papiertiger den Schwanz ein und geben Ahmadinejads Vereidigung die Ehre.

Diplomatie sei eine Kunst, die der kleine Maxi nicht kapiere - sagen Eingeweihte. Die Verhalten gegenüber einer Bananenrepublik und einem Gottesstaat kapieren aber auch ganz große Maxis nicht.