)
Interview mit Günther Winkler. | Über Jörg Haider: "Naturbegabung, urpolitisch, kein Nazi". | "Wiener Zeitung": Sie waren in den frühen Siebzigern Lehrer von Jörg Haider, später wurde er Ihr Assistent - wie erlebten Sie ihn damals? | Günther Winkler: Bleiben wir bei Jörg Haider als Student, so habe ich ihn kennengelernt - bei einer Vorlesung über Staatslehre. Er war ein junger Bursch, freimütig und couragiert, nicht so schüchtern wie die anderen. Ich habe ihn 1973 gefragt, ob er nicht mein Assistent werden möchte. Er war ein ausgezeichneter Assistent, der die Fähigkeit hatte, sich in ein Thema hineinzuarbeiten. Erst damals habe ich erfahren, dass er auch politisch tätig war.
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 17 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.
Waren Sie enttäuscht, als er sich für eine politische Karriere entschieden hat?
Ja und nein, ich habe es als Verlust für die Wissenschaft betrachtet, er hatte eine Begabung für präzises wissenschaftliches Denken, eine rasche Auffassungsgabe und einen ungeheuren Fleiß. Sein Fleiß war sicher eines seiner Erfolgsgeheimnisse auch in der Politik. Zudem war er neugierig wie eine Katze und aufnahmefähig wie ein Schwamm und verfügte über ein unglaubliches Gedächtnis.
Eine andere Seite war sein Talent zu polarisieren.
Ich zögere nicht zu bekennen, dass ich ihn sehr gern gehabt habe, ich war auch Trauzeuge bei seiner Hochzeit sowie Tauf- und Firmpate einer seiner Töchter. Ich habe mich aber auch nie gescheut, Haider zu kritisieren. Was viele nie sehen wollten: Haider war aufgrund seiner Naturbegabung ein kritischer Mensch.
In den Nachrufen war viel vom vergeudeten Talent Jörg Haiders die Rede.
Das verstehe ich nicht. Meiner Meinung gab es fast nichts Sinnloses, was er gemacht hat - ausgenommen seine bekannten Ausrutscher. Aber auch hier war es für mich unvorstellbar, was er jedesmal aus unvorstellbaren schwierigen Situationen gemacht hat. In diesem Punkt war er Bruno Kreisky sehr ähnlich: Diese Fähigkeit, ein Ziel anzustreben und im Hinterkopf miteinzukalkulieren, was passiert, wenn man es nicht erreicht. Kreisky und Haider waren beide urpolitische Menschen - und auch das Politische ist stets im Fluss.
Und doch war auch Unentschlossenheit, Zaudern und Zögern ein Charakterzug.
Nein, er wusste als einziger schon vor den Wahlen 1999, wohin der Weg geht - nämlich in Richtung einer Koalition mit der ÖVP.
Um diese zu einem Erfolg zu machen, hätte er das Risiko eingehen müssen, in die Regierung zu gehen.
Wolfgang Schüssel hätte das wohl mit Rücksicht auf das Ausland abgelehnt - und Haider als Vizekanzler? Vielleicht hätte er das gemacht, aber es passte nicht zu ihm, Zweiter zu sein. Riess-Passer, Westenthaler und Grasser haben seine Strategie nicht verstanden, weil sie allesamt völlig unpolitisch waren. Haider dagegen konnte Staatsverantwortung und Rücksichtnahme auf die eigene Partei vereinen. Haider wusste, dass eine Partei auch in der Regierung ihr eigenständiges Profil nicht aufgeben durfte.
Bei den Ortstafeln gelang ihm das nicht.
Das ist ein schlechtes Beispiel. Der Verfassungsgerichtshof hat sich skandalös verhalten, weil er einen Anlass für sein Urteil verwendete, der nicht überzeugend war. Aber ich verteidige auch nicht alles, was Haider gemacht hat. Das war zum Teil eines Landeshauptmannes unwürdig. Man muss aber akzeptieren, dass der Verfassungsgerichtshof beschränkte Kompetenzen hat. Der Spruch des Gerichtshofs bestand in der Aufhebung einer Verordnung und nicht mehr.
Warum hielt es niemand lange an seiner Seite aus?
Haider war sendungsbewusst und gab Ziele vor, die zu Gefolgschaft einluden, nicht aber zu Partnerschaft. Er konnte nur vorne sein, sonst ging es nicht.
Was wird von ihm bleiben?
Haider hat kulturpolitisch enorm viel für die Slowenen getan - ausgenommen die Ortstafelfrage. Ganz sicher war er kein Nazi. Seine diesbezüglichen Ausrutscher sind ihm passiert, da war aber nichts Berechnendes dabei, allenfalls etwas Unbewusstes. Haider kannte die historische Wahrheit. Ich frage mich, was jetzt sein wird, wo es einen so begabten Provokateur nicht mehr gibt, der auch die Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln besaß.
)
)
)