Zwischen Abfall und Wertstoff

Von Monika Jonasch

Wirtschaft

Die UNO will dem Kunststoffmüll weltweit Einhalt gebieten. Recycling bietet Potenzial für profitable Geschäfte.


Es geht um Abfallverwertung und Kreislaufwirtschaft, um Umweltverschmutzung und Rohstoffknappheit. Beim Thema Plastik, oder besser gesagt Kunststoff, treffen viele aktuelle Probleme in einer globalen Dimension aufeinander. Kommende Woche will die UNO in Paris einen relevanten Schritt zum künftigen Umgang mit Kunststoff-Verpackungen setzen. Ob sie das auch schafft, bleibt im Gedenken an die in jüngster Vergangenheit spektakulär gescheiterten Umweltkonferenzen noch zu bezweifeln.

Die Zeit drängt jedoch, denn weiteres Zuwarten verschärft die Dramatik der Situation global. Längst schwimmen Plastikkontinente auf den Ozeanen, Abfälle werden von Europa und den USA nach Asien und Afrika verschifft. Müll wird deponiert, verbrannt, illegal entsorgt. An den Folgen dieses nachlässigen Umgangs erkranken weltweit Millionen Menschen. Nur mit weltumspannenden Anstrengungen, die von jedem einzelnen Land der Erde mitgetragen werden, können die fatalen Auswirkungen von jahrzehntelanger Lässigkeit im Umgang mit dem Abfall eingefangen werden.

Müllvermeidung

Die Strategie dahinter muss auf mehreren Schritten basieren. Abfallvermeidung ist dabei der wichtigste - denn Müll, der gar nicht erst entsteht, muss auch nicht entsorgt werden. Zwischen 20 und 40 Prozent allein des Verpackungsgewichtes könnte bei gleichbleibendem Produktschutz vermieden werden, führte Michael Krainz, Verpackungstechniker und Projektmanager beim Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik (OFi), jüngst bei einer Fachveranstaltung zum Thema aus. Würde man Verpackungen effizienter gestalten, könnten 92 Prozent des Mehrverbrauchs kompensiert werden. Doch statt weniger Verpackungsmüll werden seit Jahrzehnten, trotz erfolgreicher Forschung auf diesem Gebiet, weltweit immer mehr Verpackungen in Umlauf gebracht.

Recycling in Europa

Der nächste Schritt zu weniger Müll ist Recycling. Die EU hat hier bereits einige Schritte gesetzt. So gibt es Vorgaben zum Anteil von Rezyklaten in Verpackungen. Demnach müssen seit 2021 Abgaben auf nicht-recyclierbare Kunststoffverpackungen bezahlt werden. Hinzu kommt das EU-Recyclingziel: Bis 2025 sollen etwa in jeder PET-Flasche 25 Prozent Recyclingmaterial stecken, bis 2029 dann 30 Prozent. 2025 wird in Österreich zudem das Einwegpfand für Kunststoffflaschen eingeführt.

Gerade bei Kunststoff, anders als bei Glas und Papier, muss Österreich aber noch nachlegen. "Wir haben 300.000 Tonnen Kunststoffverpackungen, 75.000 davon werden derzeit recycelt, bis 2025 müssten es 150.000 Tonnen sein", erklärte dazu der Vorstand des Verpackungsunternehmens ARA, Harald Hauke, im Herbst 2022. Damals setzte man große Hoffnungen auf die mit Anfang 2023 umgesetzte vereinfachte Sammlung von Kunststoffen und Metallen in einem gemeinsamen (gelben) Behälter. Diese dürften sich bestätigen: Im Osten Österreichs stieg die Sammelquote seit Jahresanfang 2023 um 20 Prozent, gegen Westen hin lässt sie allerdings sukzessive nach.

Wie man an Müll verdient

Wie man mit den recycelten Kunststoffen umgeht, ist der nächste essenzielle Schritt. Gerade in den letzten Jahren, und sogar insbesondere in Österreich, hat sich hier jedoch einiges getan. Hochspezialisierte Unternehmen haben im Abfall das Potenzial für die wertvollen Ressourcen der Zukunft entdeckt. So macht etwa das Vorarlberger Unternehmen Alpla in 46 Ländern weltweit gute Geschäfte. Verpackungsspezialist Greiner widmet sich seit den 1980er Jahren dem Thema Recycling von Kunststoffen und punktet mittlerweile, ebenfalls international, mit nachhaltigen Verpackungslösungen, die weniger neuproduziertes und mehr recyceltes Material beinhalten.

Und auch Erdöl- und Erdgaskonzerne wie die heimische OMV entdecken das Potenzial von Müll: Seit 2018 forscht man in der Raffinerie Wien-Schwechat an einer Pilotanlage für ReOil. Dieses chemische Recycling macht aus Altkunststoffen synthetische Rohstoffe und soll bis 2026 in industriellem Maßstab eingesetzt werden. Das aufwendige Verfahren zieht zwar massive Kritik von Umweltschützern auf sich, laut Experten ist es aber immer noch besser als eine Kunststoff-Neuproduktion mit Rohöl. Mit Recycling lässt sich jedenfalls durchaus Geld verdienen. Und österreichische Firmen stehen hier heute schon an der Weltmarktspitze. Sogar die UNO-Umweltorganisation Unep betont in ihrem Bericht "Turning off the Tap" ("den Hahn zudrehen"), dass im Abfall wirtschaftliches Potenzial steckt.

UNO-Abkommen bis 2024?

Zwar werden die Kosten für einen globalen Systemwechsel zu Recycling und nachhaltigeren Kunststoffverpackungen auf rund 65 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Gleichzeitig könnten damit jedoch 700.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Bereits heute arbeiten etwa neun Millionen Menschen weltweit in der Polymerproduktion und der kunststoffverarbeitenden Industrie.

Am 29. Mai startet in Paris jedenfalls die zweite Runde zum globalen UNO-Plastikabkommen. Vergangenes Jahr fanden hierzu erste Beratungen statt. In insgesamt fünf Etappen soll so erstmals ein internationales und rechtsverbindliches Abkommen zur Bekämpfung der weltweiten Verschmutzung durch Kunststoffe erarbeitet werden. Angestrebt werden etwa globale Verbote besonders schädlicher Kunststoffe, die schrittweise Reduzierung von Plastikneuproduktion samt verbindlicher Vorgaben sowie die Entwicklung von Recycling-Systemen und umweltfreundlichen Alternativen. Die dritte Runde findet im November 2023 in Nairobi statt, im Herbst 2024 soll bei der fünften Verhandlungsrunde in Südkorea das Plastikabkommen finalisiert werden und 2025 in Kraft treten.