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Zwischen Achtung und Argwohn

Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

Politik

Bis heute ist das Verhältnis schwierig, Merkel und Hollande feiern trotzdem.


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Paris. Plantus Vision von Angela Merkel ist nicht besonders schmeichelhaft. Wenn der französische Karikaturist, der mit bürgerlichem Namen Jean Plantureux heißt, sie abbildet, dann stets mit einer Currywurst und einem Bierkrug in nächster Nähe. Groß und üppig erscheint bei ihm die deutsche Kanzlerin - und droht den mickrigen französischen Präsidenten daneben fast plattzumachen. Ob er nun Nicolas Sarkozy heißt oder François Hollande: In Plantus Augen hat er momentan wenig zu melden.

Seit 40 Jahren erscheinen seine Karikaturen in der französischen Tageszeitung "Le Monde". Unerbittlich zeichnet und überzeichnet er zähe Vorurteile, brutale Wahrheiten oder subtile Ängste - wie die vor einem übermächtigen, vor Kraft strotzenden Deutschland, das Frankreich zerquetscht. Über die spannungs- und abwechslungsreiche Partnerschaft beider Länder hat er ein Buch veröffentlicht. "Drôle de peuple!" heißt es - "Komisches Volk!". Und das gilt für beide.

Ein misstrauisches Beäugen mag hier wie dort geblieben sein, auch 50 Jahre nach der offiziellen Aussöhnung; und gleichzeitig eine lebendige Faszination darüber, beim anderen zu entdecken, was einem selbst fehlt: das berühmte französische "Savoir-Vivre", die Kunst zu leben und zu genießen auf der einen Rheinseite, die einwandfreie deutsche Organisation und bewunderten technischen Errungenschaften auf der anderen. "Es gibt keine zwei Kulturen, die einander besser ergänzen könnten", sagt der Deutsch-Franzose Pierre de Bartha, der als interkultureller Trainer für Manager den Spagat zwischen beiden Ländern versucht.

Doch seit einigen Monaten, da die wirtschaftliche Lage beider Länder zunehmend auseinanderklafft, fürchten viele Franzosen ein Ungleichgewicht zu ihrem Nachteil. Die Medien spiegeln diese Verunsicherung wieder mit unaufhörlichen Vergleichen. "Müssen wir das deutsche Modell kopieren?", fragen sie. Im französischen Präsidentschaftswahlkampf konnte Hollande punkten, indem er sich von "Spar-Kanzlerin" Merkel distanzierte, die viele Franzosen als zu unnachgiebig im Umgang mit den Euro-Schuldenländern kritisieren. Sarkozys wiederholte Verweise auf das erfolgreiche Vorbild Deutschland gerieten ihm zum Nachteil.

Kalter Krieg half nach

Auch seit seiner Wahl hat Hollande einen gewissen Abstand zu Merkel gewahrt, mit der er heute in Ludwigsburg zusammentrifft. Beide begehen das Jubiläum eines markanten Ereignisses: Vor 50 Jahren hielt Charles de Gaulle im Ludwigsburger Schlosshof seine berühmte Rede an die deutsche Jugend. "Ich beglückwünsche Sie, junge Deutsche zu sein und Kinder eines großen Volkes", rief der damalige französische Präsident, nur 17 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Jubel stürmte ihm entgegen.

Es war der triumphale Abschluss einer Deutschlandreise, zu der ihn Kanzler Konrad Adenauer eingeladen hatte in einer Zeit der zunehmenden Spannungen zwischen den USA und der Sowjetunion - ein Schlüsselmoment für die Besiegelung des Endes einer historischen "Erbfeindschaft". Wenige Monate später, am 22. Januar 1963, unterschrieben de Gaulle und Adenauer den Élysée-Vertrag, der Zusammenarbeit in der Außen-, Verteidigungs- und Bildungspolitik und regelmäßige Treffen der Staats- und Regierungschefs und Minister vorsah, sowie die Gründung des deutsch-französischen Jugendwerkes. In 50 Jahren hat es mehr als acht Millionen junge Deutsche und Franzosen in rund 300.000 Austausch-Programmen untergebracht. Zahlen, die Kritiker verstummen lassen sollen, die dem deutsch-französischen "Motor" gehöriges Stottern bescheinigen angesichts etlicher Meinungsverschiedenheiten vor allem über das weitere Vorgehen in Europa und die wehmütig an Politiker-Paare wie Kanzler Helmut Kohl und Präsident François Mitterrand erinnern, deren persönliches Engagement in dieser Partnerschaft sicht- und spürbar war. Heute erscheinen die engen deutsch-französischen Abstimmungen als zwingend und vernünftig, aber nicht emotional gewollt, aller offiziellen Beteuerungen zum Trotz.

Der deutsch-französische Politologe Alfred Grosser kritisiert seit jeher rein symbolische Freundschafts-Bekundungen auf der politischen Ebene, die keinen tieferen Mehrwert für die Beziehungen beider Länder bringen - und bewirbt umso lautstärker die vielen regionalen Partnerschaften, Schul- und Jugendaustausche, die eben doch sehr lebendige und komplexfreie Beziehungen zwischen beiden Ländern im Alltag geschaffen haben. Auch die neue deutsche Botschafterin in Paris, Susanne Wasum-Rainer, erklärt, viele der anstehenden Feierlichkeiten würden gar nicht vom Staat angestoßen, sondern etwa von Gemeinden, Unis und Jugendverbänden. "Das zeigt, dass viele Menschen auf beiden Seiten des Rheins den Wert dieses Élysée-Vertrages völlig losgelöst von wirtschaftlichen und finanztechnischen Fragen sehen und fördern."