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Zwischen Gott und Atatürk

Von Martyna Czarnowska

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Der Nationalismus könnte für die Türkei die größere - weil realistischere - Gefahr als der Islamismus sein. | Für Turgut ist die Sache klar. Die AKP sei ein Wolf im Schafspelz. Die Regierungspartei des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan gebe sich zwar reformfreudig: Sie betont den EU-Kurs des Landes, beschließt Änderungen im Justizwesen, will nach eigenen Aussagen die Demokratie fördern. Doch hinter all dem verstecke sie ihr eigentliches Ziel, meint der 50-jährige Turgut. Die AKP wolle einen islamistischen Staat errichten. Und da ihr das türkische Militär dabei im Weg stehe, nehme sie freudig die Forderungen der Europäischen Union auf, den Einfluss der Armee zurückzudrängen.


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Würde Turgut nicht seit 20 Jahren in Österreich leben, hätte er vielleicht im Mai an den Großdemonstrationen in Istanbul teilgenommen. Hunderttausende Menschen versammelten sich damals auf den Straßen, um gegen den Griff der islamisch geprägten AKP nach dem Präsidentenamt und gegen die vermeintliche Gefährdung des Säkularismus zu protestieren. Die Proteste - und eine Warnung der Militärs an die AKP - führten zu einer vorgezogenen Parlamentswahl.

Wie Turgut empfinden viele Türken und Türkinnen - die bei den Demonstrationen zahlreich und mit unbedecktem Haupt in den ersten Reihen mitmarschiert sind - die Macht des Militärs als geringeres Übel. Immerhin stehe die Armee für das Erbe des Mustafa Kemal Atatürk, des Gründers der modernen Türkei nach westlichem Vorbild. Der AKP hingegen misstrauen viele.

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Vor der Parlamentswahl am Sonntag ist der ideologische Streit über die Ausrichtung der Türkei voll entbrannt. War es vor fünf Jahren noch die Frage nach einer Orientierung an der EU (was von der AKP klar bejaht wurde), geht es nun auf den ersten Blick um den Kampf zwischen Islamisten und säkulären Kemalisten, den Anhängern Atatürks. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Die Putschdrohung der Militärs erhält Beifall von der CHP (Republikanische Volkspartei), die immerhin Mitglied der Sozialistischen Internationale ist. Die nationalistische MHP ist für die Wiedereinführung der Todesstrafe für Terroristen, womit sie vor allem kurdische Rebellen meint. Und die AKP wiederum hat das Land konsequenter als jede vorherige Regierung Richtung Europa geführt hat.

So mancher Beobachter sieht denn auch eine größere Gefahr im Nationalismus - der auch in europäischen Ländern auf dem Vormarsch ist - denn im Islamismus. "Der türkische Nationalismus ist in einer Phase, die ich noch nie erlebt habe", sagt etwa der gebürtige Türke und deutsche SPD-Abgeordnete im Europäischen Parlament, Vural Öger. Es seien die Kemalisten, die Ängste vor einem Souveränitätsverlust der Türkei und einem Diktat Brüssels, vor einer Zerteilung des Landes schüren. Dabei könne nur die Hoffnung auf Europa die Demokratie fördern.

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In ihrer Kolumne in der türkischen Zeitung "Radikal" persifliert die Schriftstellerin Perihan Magden den Personenkult rund um Atatürk: "Wenn ich doch auch ein Mitglied der kemalistischen Kirche wäre und wie ein Kind unter nicht endender Vormundschaft leben könnte. Dann würde ich meine Stirn auf den Marmor des Mausoleums von Atatürk legen, die Steine des Grabmals küssen und sagen: Mein Vater, ich fühle mich so allein! Dann käme eine Stimme aus dem Dunkeln und sagte: Du bist doch nicht allein! Du hast den Generalstabschef Yasar Büyükanit, der sich für meinen Stellvertreter hält; du hast Deniz Baykal, der als Chef meiner Partei (CHP) gilt; und du hast hunderttausende Brüder und Schwestern, die wie du selbst von Demokratie nicht viel verstehen."

Diesem Bild etwas entgegensetzen wollen Intellektuelle, die für Pressefreiheit eintreten; Frauengruppen, die gegen Ungleichbehandlung kämpfen; Aktivisten, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzen. Wen sollen jene Türken wählen, die sich als liberale Demokraten verstehen, sich eine offene Gesellschaft wünschen? Viele von ihnen wissen es nicht.